«Nachtleben bedeutet nicht nur ein Litteringproblem»

Zu viel Sicherheit, zu wenig kulturelle Aspekte: Das Nachtleben-Konzept kommt nicht bei allen gut an. Derweil zeigt sich Regierungsstatthalter Christoph Lerch erleichtert.

Das Nachtleben-Konzept soll die Konflikt-Linien entschärfen.

Das Nachtleben-Konzept soll die Konflikt-Linien entschärfen.

(Bild: Adrian Moser)

GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer zeigt sich vom Nachtleben-Konzept «positiv überrascht». Der Gemeinderat setze zur Behebung von Konflikt auf Dialog. Überdies sei der Massnahmenmix ausgewogen – «allen wird etwas abverlangt, alle können profitieren.»

«Etwas erstaunt» sei er indes schon, dass Forderungen, die er seit 10 Jahren wiederhole, nun plötzlich vom Gemeinderat kämen, sagt Widmer. «Dass sich das Ausgehverhalten in den letzten 10 Jahren grundlegend verändert hat, und man die gesetzlichen Grundlagen daran anpassen muss – diese Einsicht ist für die Behörden neu.»

«Für die Frau Müllers dürfte es schwieriger werden»

Widmers Kritik gilt den gleichen Punkten, die auch Nachtleben-Präsident Berger bemängelt: Widmer fehlt eine Sensibilisierungskampagne jenseits der Repressions-Schiene. «Aus liberaler Überzeugung» kritisiere er die geplante Beschränkung des Alkohol-Verkaufs. Und schliesslich kommt ihm der kulturpolitische Teil zu kurz: «Nachtleben bedeutet nicht nur ein Litteringproblem, sondern auch Kulturangebot für alle», betont Widmer. Nachtleben als Kulturevent finde im Konzept aber nicht statt.

Welche Schlagkraft misst Widmer dem Konzept also bei? Kurzfristig gesehen liege die Bewilligungshoheit nach wie vor beim Statthalter, womit die Lärmklagen-Problematik nicht gelöst sei. Könne man sich aber auf das Konzept einigen, signalisiere das einen gesellschaftlichen Konsens. «Für die Frau Müllers in Bern dürfte es dann schwieriger werden, Clubs im Alleingang zu bodigen.»

Kulturpolitische Aspekte fehlen

Auch Christian Pauli, Präsident von Bekult, äussert sich grundsätzlich positiv zum Konzept: «Von allem ist etwas drin, und es ist toll, dass dieses Papier endlich zustandegekommen ist». Pauli bemängelt aber, dass das Phänomen vor allem aus der sicherheitspolitischen Warte heraus betrachtet wird.

Ein Beispiel sei etwa die vorgesehene Mediationsstelle: «Ich finde falsch, dass diese bei der Sicherheits- und nicht auch bei der Präsidialdirektion angesiedelt ist.» Denn bei der Debatte um das Nachtleben gehe es auch um einen kulturellen Aufbruch.

«Ein Nachtlebenskonzept für die Politik»

Deutlich kritischer aufgenommen wird das Konzept im Reitschul-Umfeld. Tom Locher ist Reitschüler und Stadtratskandidat für die Alternative Linke. Sein erster Eindruck: «Ein Nachtlebenskonzept für die Politik und für die Verwaltung. Jetzt können sich die Politiker sagen: Wir haben etwas.» Probleme löse das Konzept aber eigentlich keine, sagt Locher. «Mehr Freiräume für Jugendliche werden damit nicht geschaffen.»

Die «Jugendbewilligung» etwa klinge schön. Aber Freiräume brauche es in der Stadt – und nicht im Wald. Auch in Clubs und edlen Beizen sieht der Reitschüler eher Teil des Problems als die Opfer. «Es bleiben jene ausgeschlossen, die für die Clubs zu jung sind oder sich den Eintritt nicht leisten können.» Locher fordert deshalb niederschwellige Treffpunkte. «Oder aber man müsste die Clubs verpflichten, Preise und Alterslimiten herabzusetzen.»

Unerwähnt blieben im Konzept auch alternative Wohn- und Kulturprojekte, wie etwa Wagen-Plätze und besetzte Häuser. «Auch das ist Kultur», betont Locher. Dort fänden immer wieder Konzerte und Grillfeste statt. «Würde man da die Repression herunterfahren, wäre das schon viel wert.»

«Darüber bin ich natürlich nicht unglücklich»

Derweil hat Regierungsstatthalter Christoph Lerch das Nachtleben-Konzept am Freitagnachmittag «noch nicht eingehend studiert». Zum Inhalt wolle er sich deshalb nicht äussern. Lerch ist aber «sehr froh, dass uns das Dokument als Richtlinie und Massnahmenplan dienen wird, wie die Stadt Bern vorgehen will.»

Ob er mit dem Dokument nun aus der Schusslinie sei? Das könne man so sehen, sagt Lerch. Und bestätigt: «Darüber bin ich natürlich nicht unglücklich.» Im Grunde genommen sei es das, was er von der Stadt Bern erwarte. Dass die Stadt ihre Probleme nun selber in die Hand nimmt? «Ganz genau.»

Bis das Gastgewerbegesetz tatsächlich kommunalisiert und die eidgenössische Lärmschutzverordnung angepasst ist, kann es allerdings noch lange dauern. Der Gemeinderat rechnet mit mehr als fünf Jahren. Wie will Lerch bis dahin seine Rolle wahrnehmen? Wird er bei Lärmklagen seinen bisherigen Kurs weiterverfolgen? Das könne er so noch nicht sagen, die Frage betreffe hängige Verfahren.

DerBund.ch/Newsnet

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