Mr. Nachtleben sagt den Clubs Adieu

Er hat die Nachtlebendebatte aufs politische Parkett gebracht: Der Jungfreisinnige Thomas Berger tritt als Vereinspräsident von Pro Nachtleben Bern zurück. Er verlässt den Verein in einer kritischen Phase.

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Hanna Jordi

Natürlich waren da die Podiumsgespräche im Club Bonsoir oder die Sitzungen mit Vereinsmitgliedern im Untergeschoss der Propeller-Bar. Doch dass Thomas Berger, Präsident des Vereins Pro Nachtleben Bern, einen Club von innen gesehen hat, einfach um das Wochenende zu feiern, das ist eine Weile her. «Ich gehe nicht mehr so oft in den Ausgang», gibt der Jungfreisinnige zu. Es ist mit ein Grund, weshalb Berger Ende September das Präsidium des Vereins Pro Nachtleben Bern abgibt.

Doch die Glaubwürdigkeit gegenüber Nachtschwärmern ist nicht Bergers einziges Motiv. Er will sich nach einer vierjährigen Pause wieder auf sein BWL-Studium konzentrieren. Und dann ist da noch der Umzug aus dem Breitenrain nach Worb, wo er seit Juli mit seiner Freundin lebt. «In Worb wohnen und fürs Berner Nachtleben weibeln, das verträgt sich schlecht», sagt Berger. Lärmklagen gibt es freilich auch in Worb – allerdings nicht wegen lärmiger Clubs, sondern wegen des Stundengeläuts der Kirchenglocken. «Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie», gibt Berger zu.

Trotzdem sieht der gewiefte Rhetoriker Parallelen zwischen der Worber und der Berner Debatte: «Es gibt vermeidbare und nicht vermeidbare Lärmquellen. Kirchenglocken sind vermeidbar – ähnlich wie der Lärm der Clubgänger, die auf dem Nachhauseweg das halbe Quartier wecken. Das Läuten zur Predigt hingegen hat eine Funktion – gerade wie in einem Club die laute Musik.»

Lob vom Sicherheitsdirektor

Mit Thomas Bergers Rücktritt verliert der Verein seinen profiliertesten Aktivisten. Berger gründete den Verein mit, nachdem im Sommer 2011 die bevorstehende Schliessung der Clubs Sous-Soul und Wasserwerk bekannt geworden waren. Er und seine Vereinskollegen reichten im Dezember 2011 die Petition mit nahezu 11‘000 Unterschriften «für ein hauptstadtwürdiges Nachtleben» ein. Berger ist mitverantwortlich, dass die Berner Regierung vor ziemlich genau einem Jahr ihr Konzept zum Berner Nachtleben präsentierte.

Für Gemeinderat Reto Nause (CVP) ist es denn auch «sehr bedauerlich», dass Berger geht. Mit ihm sass er an runden Tischen, verhandelte über Alkoholverbote, Security-Konzepte und Club-Öffnungszeiten. Und das «sehr konstruktiv». «Dass die Sorge um Berns Nachtleben auf die politische Agenda gesetzt wurde, ist Berger zu verdanken», sagt der Sicherheitsdirektor.

Schwung oder Schwanengesang

Wie nachhaltig die Früchte dieser Arbeit sind, darüber scheiden sich die Geister. «Das Konzept Nachtleben ist eine Totgeburt», sagt etwa Bergers Parteikollege Mario Imhof. Viele der vorgeschlagenen Massnahmen, zum Beispiel das Konzept für Zwischennutzungen oder die flexiblere Sperrstunde, stossen an die Grenzen der kantonalen Gesetzgebung. «Der Verein Pro Nachtleben war hilfreich als Katalysator in der Debatte. Aber jetzt? Das Thema ist erledigt, den Verein braucht es so nicht mehr», sagt Imhof.

Tatsächlich ist es in den letzten Monaten ruhiger geworden um den Verein. Bis zum Gesprächstermin mit Berger datierte der letzte Eintrag auf der Vereins-Website von Ende 2013. Erst nach dem Gespräch wurde das Versäumnis korrigiert. Berger wehrt sich aber gegen den Eindruck, der Verein sei eingeschlafen. «Zwar ist es uns bislang nicht gelungen, die Begeisterung für das Thema aus den sozialen Netzwerken in die reale Welt zu tragen», sagt er. Auf 5400 Sympathisanten auf Facebook kommen noch heute erst gut 15 zahlende Mitglieder. «Doch die Chance für neuen Schwung ist jetzt da. Es gibt mehr zu tun denn je.»

Berger träumt von einer gemeindeübergreifenden Kampagne. «Bern, Thun, Biel müssen sich zusammenschliessen. Alle Gemeinden haben ein Interesse an mehr Eigenständigkeit im Nachtleben.»

Doch lassen sich flatterhafte Facebook-Sympathisanten für solche juristischen Schlaumeiereien begeistern? «Die Zeit der einfachen Parolen ist tatsächlich vorbei», sagt Rolf Bähler, Mitinhaber des Clubs Bonsoir und Mitglied der Bar- und Club-Kommission BuCK, die nach Pro Nachtleben Bern als Interessensvertretung der Gastgeberseite gegründet wurde. Bähler rechnet mit optimistischen drei bis fünf Jahren, bis die Stadt Bern ihr eigenes Gastgewerbegesetz gestalten darf.

Eine Durststrecke, die der Verein überbrücken muss. «Die wahre Arbeit geschieht jetzt hinter den Kulissen.» Bergers Nachfolger wünscht Bähler vor allem «einen langen Atem». Der neue Präsident muss also beweisen, dass die Schlüsselübergabe nicht zugleich der Schwanengesang des Vereins ist.

Eine angekündigte Zerreissprobe

Noch steht die Nachfolge Bergers nicht fest. Die Vereinsmitglieder wählen am 26. September Vorstand und Präsidium neu. In den Reihen der Mitglieder finden sich Mitglieder aus Jungparteien, Stadträte sowie Parteilose. Menschen, die keine Angst haben von einem Schulterschluss mit anderen Lagern und anderen Interessengruppen. Die Fussstapfen, in die der neue Präsident tritt, sind gross. Innert kürzester Zeit hatte sich Berger zum Fürsprecher der ausgehfreudigen Bevölkerungsschicht gemausert. Auch – zumindest für die Medien – als stellvertretende Auskunftsperson für die beharrlich schweigenden Organisatoren der «Tanz dich Frei»-Reihe. Damit verstörte der «Mr. Nachtleben» genannte Berger manchen Parteikollegen. «Thomas hat in extrem kurzer Zeit extrem viel geleistet», sagt Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat. «Aber ich musste ihn manchmal daran erinnern, dass es gefährlich ist, mit gewissen Kreisen in Verbindung gebracht zu werden.»

Wasserfallen sollte recht behalten. Die als Schulterschluss wahrgenommene Sympathiebekundung des Vereins Pro Nachtleben Bern mit den Organisatoren von «Tanz dich Frei» wurde für Berger zur Zerreissprobe.

Engagement für Kuhglocken

Den Demoanlass, der bis zur Strassenschlacht 2013 zweimal friedlich über die Bühne gegangen war, kommentierte Berger im Vorfeld mit Voten wie «Ich finde es cool, wenn man nicht fürs Hinterletzte eine Bewilligung einholt». Damit brüskierte er den konservativen Flügel der FDP, einen «Anarchisten» nannte man ihn gar. Die TDF-Organisatoren ihrerseits wollten mit dem «Kommerzclubber» keine gemeinsame Sache machen. «Ich wurde von beiden Seiten in die Mangel genommen», sagt Berger.

Beide Lager hätten verkannt, wie heterogen die Gruppen im Nachtleben seien: «Sie reichen nun mal von der Vorplatzjugend bis zum Schickimicki-Ausgänger.»

Ende November 2012 erhält Berger die Rechnung. Der Slogan «Wähl dich frei», mit dem die Jungfreisinnigen zu den Stadtratswahlen antraten, fruchtete nicht, Berger und seine Kollegen verpassten die Wahl deutlich. «Das Nachtleben ist ein schlechtes Pflaster, um Stimmen zu machen», sagte Berger damals. Heute sagt er: «Die FDP steckt als Ganzes in der Krise. Sie muss wieder liberaler werden, um sich zu befreien.»

Neun Prozent Wähleranteil auf Stadtboden, das gehört für Berger nun der Vergangenheit an. In Worb betritt er FDP-freundliches Gebiet. Ganze 20 Prozent machen die FDP-Vertreter im Grossen Gemeinderat aus, in der Exekutive stellen sie zwei der sieben Mitglieder. Hat er nun Ambitionen auf ein Amt unter diesen günstigen Vorzeichen? «Ich weiss nicht», so Berger. «Ich mag es, überparteilich zu arbeiten, etwa in einem Interessenverband. Wer weiss? Vielleicht mache ich mich als Nächstes für Kitas oder den Erhalt von Kuhglocken auf Schweizer Weiden stark.»

DerBund.ch/Newsnet

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