Friedliche Mohammed-Demo auf dem Helvetiaplatz

Der Islamische Zentralrat der Schweiz hat am Samstag in Bern «für den Schutz religiöser Gefühle» demonstriert. Rund 200 Personen haben an der friedlichen Kundgebung auf dem Helvetiaplatz teilgenommen.

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«Allah ist gross», ertönt es am frühen Samstagnachmittag auf dem Berner Helvetiaplatz. Ein junger Mann hat eine provisorische Bühne erklommen und stimmt unter verhangenem Himmel arabischen Gesang an – es ist ein Aufruf zum Gebet. Knapp 50 Männer verbeugen und erheben sich kurz darauf im Regen; Frauen in Kopftüchern beten etwas abseits. Als ein Fotograf die Kamera auf sie richtet, protestiert ein Mann: «Nicht die Frauen fotografieren!»

Die Muslime sind nicht nur fürs Beten nach Bern gekommen. Der islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) hat zur Demonstration aufgerufen – als Reaktion auf jenen im Internet veröffentlichten Film, der den Propheten Mohammed verunglimpft, und die islamische Welt seither in Aufruhr versetzt hat. Noch immer kommt es deswegen weltweit zu Demonstrationen, viele enden in Gewalt. So zuletzt am Freitagabend in Pakistan: Mindestens 16 Menschen starben bei Ausschreitungen, wie die Nachrichtenagentur SDA berichtet. Der Islamische Zentralrat rief vor Wochenfrist zur «Kundgebung für unsern Propheten Muhammad und den Schutz unserer religiöser Gefühle» nach Bern.

Lösung für das Zusammenleben

Als am Helvetiaplatz die Teppiche eingerollt werden, tauchen Transparente auf – grüne Banner mit arabischem Schriftzug etwa. Drei junge Männer können nicht beantworten, welche Botschaft sie da in den grauen Berner Himmel recken. «Wir sprechen noch nicht ausreichend Arabisch», sagen sie. Auf Nachfrage bei einem älteren Mann entpuppt sich der Schriftzug als das islamische Glaubensbekenntnis

Die jungen Männer mit Wurzeln auf dem Balkan und in der Türkei sind aus der Ostschweiz angereist. Was bei den Demonstrationen gegen den Mohammed-Film in der Welt an Gewalt geschehen sei, fänden sie nicht gut, sagen sie. «Wir sind denn auch nicht hier um zu protestieren, sondern um der Schweiz zu zeigen, dass wir Muslime da sind.» Es sei traurig mit anzusehen, wie eine ganze Religionsgemeinschaft verspottet werde, sagt einer der Männer in breitem Ostschweizer-Dialekt. Er fühle sich in der Schweiz zu Hause, mache seine Lehre hier und werde auch hier bleiben. «Es muss eine Lösung geben, dass man zusammen leben kann.»

Meinungsfreiheit: westliche Doppelmoral?

Diese Lösung sieht der Islamische Zentralrat der Schweiz in der Schaffung neuer Gesetze zum Schutz religiöser Gefühle. Zwar gebe es eine Anti-Rassismus-Strafnorm, diese habe sich in der Vergangenheit hinsichtlich reiligiöser Gefühle aber als ineffektiv erwiesen, so schrieb der IZRS im Aufruf zur Demonstration.

Als der Präsident des Zentralrates, Nicolas Blancho, die Bühne betritt, fliegen die «Gott ist gross»-Rufe aus den Publikumsreihen zu ihm hinauf. «Sie haben das Recht zu schweigen», so beginnt Blancho eine scharfzüngige Rede. Bereits nach dem Karikaturenstreit vor sechs Jahren habe der Zentralrat sich für die Meinungsäusserungsfreiheit ausgesprochen, aber gewarnt, diese zu missbrauchen. Heute stehe man vor den gleichen Beleidigungen und den gleichen Konsequenzen.

Blancho geisselt die Doppelmoral im westlichen Verständnis von Meinungsfreiheit: Wenn die Gefühle von Millionen Muslimen verletzt würden und ihr Prophet beleidigt werde, dann poche der Westen auf die Meinungsäusserungsfreiheit. Wenn Kate Middleton aber ihren entblössten Oberkörper nicht in der Zeitung sehen wolle, sehe die Situation etwas anders aus. Dann nennt Blancho zahlreiche Konflikte in der muslimischen Welt, die vom Westen im Namen von Freiheit Frieden geführt würden und schliesst: «Der Westen hat seine Glaubwürdigkeit verspielt.» Aus tiefster Besorgnis um den religiösen Frieden und den sozialen Zusammenhalt appellierten die Muslime nun an die Vernunft: «Wir fordern gesetzliche Normen zum Schutz aller religiöser Gefühle – die der Christen, der Juden und der Muslime.»

Wo bleibt die Gelassenheit?

In einiger Entfernung der Menschenmenge steht ein Trupp von Kantonspolizisten in Vollmontur. Ein Beamter hält das Geschehen mit der Videokamera fest. Gut möglich, dass die Polizei später die Reden analysieren möchte. Denn ein Teil davon wird in Arabisch vorgetragen. Eine Rednerin ist nur schwer erkennbar, tritt sie doch im Ganzkörperschleier auf, der nur einen schmalen Spalt ihres Gesichtes freigibt.

Ein Zuschauer zeigt sich von den arabischen Reden irritiert. Der Aargauer, der eigentlich für die Unia-Kundgebung nach Bern gekommen ist, findet, dies sei dem gegenseitigen Verständnis nicht unbedingt förderlich. Für die Reaktion auf den Mohammed-Film zeigt er ohnehin nur bedingt Verständnis: «Ich vermisse bei den Muslimen eine gewisse Gelassenheit.»

Mit «Besonnenheit» entgegentreten

Gar kein Verständnis zeigt indes ein Vertreter des Aktionskommitees gegen die strategische Islamisierung der Schweiz, der ebenfalls vor Ort ist. Er verstehe nicht, weshalb die Muslime einen solchen Film nicht einfach als Kritik hinnehmen könnten. «Freiheit ist, wenn man auch mit Kritik umgehen kann», sagt Zingg. «Aber der IZRS vertrete auch einen extremen Islam, hinter dem nur die wenigsten Schweizer Muslime stünden.

Tatsächlich haben sich zwei grosse muslimische Organisationen in der Schweiz gegen die Teilnahme an der Demonstration ausgesprochen: die Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS) und die Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS). Sie schrieben am Donnerstag in einem gemeinsamen Communiqué, es entspreche dem islamischen Friedensangebot, verwerflichen Attacken wie dem Hetzfilm mit Besonnenheit entgegenzutreten. Eine Verschärfung der schweizerischen Gesetze sei unnötig, da der Schutz der religiösen Überzeugung und der Kultusfreiheit bereits gewährleistet sei.

Nach friedlichem Verlauf löst sich die Demonstration am Helvetiaplatz schliesslich auf. Die drei jungen Ostschweizer fahren nach Hause. Sie wollten mit ihrer Anwesenheit heute das Verständnis für die Schweizer Muslime fördern. Es ist zu hoffen, dass diese Botschaft ob der scharfen Worten des Zentralratspräsidenten nicht untergegangen ist. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.09.2012, 13:58 Uhr

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