Mit einem milden Lösungsmittel

Die BLS hat die Wappenbären auf dem Doppelstockzug Mutz gestern so drehen lassen, dass sie nun nicht mehr rückwärtsfahren - die alten Ritter hätten sich gefreut.

Der Bär, der «richtig» kletterte, aber «falsch» fuhr, muss Platz machen. Martin Rieder klebt den neuen fest.

Der Bär, der «richtig» kletterte, aber «falsch» fuhr, muss Platz machen. Martin Rieder klebt den neuen fest.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Dölf Barben@DoelfBarben

Martin Rieder setzt den Meissel oberhalb des Wappens an und schlägt mit dem Hammer mehrmals zu. Das beidseitig mit Aluminium verstärkte Kunststoffstück löst sich nur schwer. Rieder, der in der BLS-Werkstatt Bönigen das Team Malerei-Beschriftungen leitet, zerrt am Wappen, setzt den Meissel erneut an und gibt acht, dass der silberne Lack darunter möglichst nicht beschädigt wird. Der Berner Bär leistet noch ein paar Minuten Widerstand, dann liegt er flach - auf dem Boden des Depots Bern-Holligen, während Rieder mit einem milden Lösungsmittel noch die Leimreste entfernt.

Der neue Bär wartet bereits. Wie bei einem Abziehbildli entfernt Rieder eine Folie, richtet die Oberkante exakt aus und schlägt, zuerst mit der Faust, dann mit der flachen Hand, sicher über zwanzig Mal auf das Wappen. Schliesslich fährt er mit einem Lappen darüber und sagt: «So, das hätten wir.» Viel hat sich nicht geändert. Neu ist eigentlich nur, nebst geringfügigen grafischen Veränderungen, dass der Bär nun nicht mehr von rechts unten nach links oben klettert, sondern andersrum - wie es an und für sich falsch ist. Aber eben nur an und für sich.

Vorwärts in den Kampf

Eine «Bund»-Leserin hatte vor zwei Monaten auf das Problem aufmerksam gemacht. Sie sprach von einem «mittelschweren Fauxpas» der BLS, der Wappen-Experte Rolf Kälin, Chefredaktor des Schweizer Archivs für Heraldik, von einem «eindeutigen Fehler». Die Leserin hatte entdeckt, dass der eine der beiden Wappenbären am Zugkopf jeweils rückwärtsfährt, was keineswegs zulässig sei. Es hängt mit den alten Rittern zusammen. Die achteten penibel darauf, dass die wilden Tiere auf ihren Schutzschilden sich vorwärts in den Kampf stürzten. Diese Tradition ist bis heute lebendig geblieben. Auf den Autos der Kantonspolizei, aber auch auf den Ambulanzen «fahren» die Berner Bären stets vorwärts. Sogar die Bärchen auf den Schulterpatten der Polizisten gucken beidseits nach vorn.

Eigentlich hat die BLS nie einen Fehler gemacht. Die Bahngesellschaft hatte sich bei der Stadt Bern sogar erkundigt, wie das Stadt-Wappen denn genau auszusehen habe. Denn der erste der neuen Doppelstockzüge Mutz - was so viel heisst wie «Moderner, Universeller Trieb-Zug» - sollte auf den Namen Stadt Bern getauft werden. Die Angaben, welche die BLS erhielt, waren an und für sich richtig. Aber eben nur an und für sich. Aufgrund der überwältigend eindeutigen Faktenlage hat die BLS nicht lange gezögert und die Bären nun umdrehen lassen. Zu diesem speziellen Anlass war der «Bund» gestern exklusiv eingeladen - schliesslich war er es, der exklusiv über dieses eigentlich kleine, aber doch interessante Problem berichtet hatte. Betroffen von der Umkehr ist lediglich der erste Mutz. Dieser steht seit dem 8. Oktober 2012 auf dem Berner S-Bahn-Netz im regulären Einsatz. Seither hat er bereits über 70'000 Kilometer zurückgelegt, ist also schon fast zweimal um die Erde herumgefahren - und mittlerweile sind schon neun Mutzen in der Region Bern unterwegs. Am Ende werden es 28 sein.

Erst zwei weitere haben einen Namen erhalten: Einer heisst Düdingen, einer Ville de Neuchâtel. Heraldisch gesehen stellt das Wappen von Düdingen kein Problem dar, denn es ist symmetrisch. Auch beim Neuenburger Adler dürfte die Links-rechts-Frage keine Rolle spielen, obschon er nach links blickt. Insgesamt sieht er nämlich so aus, als sei er mit dem Zug zusammengeklatscht - und kleben geblieben.

DerBund.ch/Newsnet

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