Metallleiste zeigt Blinden die Glaswand an Haltestellen an

An ÖV-Haltestellen angebrachte Seitenscheiben sind für sehbehinderte Menschen zu spät ertastbar. Die Stadt lanciert ein Pilotprojekt, um die Sicherheit an Haltestellen zu verbessern.

Bei der Haltestelle Gewerbeschule – hier stadteinwärts – ist eine taktile Hilfe provisorisch montiert worden.

Bei der Haltestelle Gewerbeschule – hier stadteinwärts – ist eine taktile Hilfe provisorisch montiert worden. Bild: Adrian Moser

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Offen, luftig und modern erscheinen sie, die Haltestellen von Bernmobil mit ihren Glasfronten und Metallverstrebungen. Als Hindernis nimmt sie kaum jemand wahr – selbst diejenigen nicht, für welche die Wartehäuschen zu einem solchen werden können. Und genau da liegt das Problem: Die als Wind- und Wetterschutz an den Haltestellen angebrachten Seitenscheiben sind für sehbehinderte Menschen zu spät ertastbar: Die Distanz zwischen dem Boden und den auskragenden Glaswänden ist nämlich grösser als erlaubt.

Die Umrisse der Glaswand müssten gemäss geltenden Normen und Anforderungen an die Ertastbarkeit von Elementen im Begegnungsraum auf einer Höhe von maximal 30 Zentimeter über Boden mit dem Blindenstock erkennbar sein. Ist dies, wie bei den Bernmobil-Haltestellen, nicht der Fall, laufen Sehbehinderte Gefahr, das Hindernis nicht erfassen zu können und dagegenzustossen. Eine kleine Metallleiste am Boden soll nun Abhilfe schaffen. Im Rahmen eines Pilotprojekts testet das Tiefbauamt, ob damit die Haltestellen für Sehbehinderte gesichert werden können.

Fünf Varianten im Test

An zwölf ausgewählten Haltestellen wurden in den letzten Tagen unter dem seitlichen Witterungsschutz testweise rund 70 Zentimeter lange, unterschiedliche Metallleisten montiert. Laut David Steiner, Projektleiter beim Tiefbauamt der Stadt Bern, werden insgesamt fünf Leisten-Systeme evaluiert. Denn Leiste ist nicht gleich Leiste: «Wir müssen die Modelle beispielsweise auf ihre Schlag- und Wetterresistenz prüfen.» Das Pilotprojekt sei denn auch bewusst in die kalte Jahreszeit gelegt worden. Die Leisten müssten Wind und Wetter respektive Schnee und Streusalz standhalten. Dauerhaftigkeit und Robustheit könnten so eins zu eins überprüft werden.

Praktische Aspekte im Fokus

Andererseits nutzt das Tiefbauamt die nächsten Wochen, um auch Klarheit darüber zu bekommen, welches die beste Methode ist, um die taktilen Hilfen am Boden anzubringen, sagt Steiner. Einige der Leisten seien mit Dornen in den Boden eingelassen, andere mit einem Spezialkleber direkt auf den Asphalt aufgebracht.

Auch bei der Leiste selbst sind mehrere Ausführungen im Test. Während an manchen Haltestellen – etwa bei der Gewerbeschule – durchgehende Metallschienen ausprobiert werden, prüft das Tiefbauamt auch solche mit Aussparungen: Die unterschiedlichen Modelle sollen aufzeigen, ob und wie die Entwässerung beeinträchtigt wird. Obwohl die Schienen primär den Anforderungen an hindernisfreie Gehflächen genügen müssten, gelte es, sie während der Testphase auch auf praktische Aspekte hin unter die Lupe zu nehmen, sagt Steiner. «Wichtig ist, dass die Schienen weder Pfützen verursachen noch unterhaltsintensiv sind.»

Behindertenkonferenz involviert

Die Stadt trifft sich noch diese Woche mit Vertretern der Behindertenkonferenz Stadt und Region Bern BRB, um eingehend über die montierten Tastleisten zu informieren. «Um einen optimalen Nutzen erzielen zu können, sind wir nicht nur auf Rückmeldungen von Betroffenen und Sehbehinderten-Organisationen angewiesen, sondern wollen diese auch in die Planung und Ausführung der Arbeiten miteinbeziehen», sagt Steiner.

Herbert Bichsel, Geschäftsleiter der BRB, begrüsst den Effort der Stadt, die Wartehäuschen behindertengerecht nachzurüsten. Wichtig sei, dass die Leisten mindestens drei Zentimeter hoch seien, damit sie mit dem Blindenstock überhaupt tastbar werden. Welche Form, Breite und Anbringungsart die beste sei und ob das Problem mit Leisten überhaupt gelöst werden könne, müsse sich erst weisen. «Unsere Herausforderung wird es sein, dass Sehbehinderte nun die verschiedenen Leisten auf ihre Tauglichkeit hin prüfen.»

Kostenfolge noch unklar

Die Schweizerische Fachstelle für behindertengerechtes Bauen zeigt sich erfreut, dass die Stadt die Haltestellen für Sehbehinderte kenntlich machen will. Immerhin verlangten einschlägige Regelungen bereits seit 1988, dass auskragende Hindernisse gekennzeichnet werden müssen, sagt Eva Schmidt, Fachbereichsleiterin sehbehinderten- und blindengerechtes Bauen. Wenn es um die Gestaltung und Anordnung von Ausstattungselementen im Gehbereich gehe, gehe allerdings oft vergessen, dass etwa Glasfronten oder Plakatständer für Sehbehinderte zu Hindernissen werden können.

Die Evaluationsphase der Stadtberner Leistenlösung läuft laut Steiner bis nächsten Frühling. Wie es weitergeht, sei eine Frage der Testergebnisse, der Kosten und der Finanzierung. Wie viel die Nachrüstung der Haltestellen die Stadt Bern kosten wird, ist noch nicht klar. (Der Bund)

Erstellt: 04.12.2012, 08:04 Uhr

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