«Mein Klassenzimmer ist die ganze Schweiz»

Der Berner Simon Schwab ist Lehrer beim Circus Nock. In einem engen Wohnwagen unterrichtet der 25-Jährige zwei Kinder nach zwei unterschiedlichen Schulsystemen. Der Zirkus gastiert derzeit auf der Berner Allmend.

Brian Nock und Lehrer Simon Schwab kontrollieren die Temperatur im selbst gebastelten Treibhaus.

Brian Nock und Lehrer Simon Schwab kontrollieren die Temperatur im selbst gebastelten Treibhaus. Bild: Adrian Moser

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Vor dem Schulwohnwagen sind ein paar leere Blumentöpfe aufgestellt. Aufgrund des schönen Wetters wird der Unterricht kurzerhand vom acht Quadratmeter engen «Klassenzimmer» ins Freie verlegt. Brian Nock sitzt auf einem gelben Kinderstuhl aus Plastik. Der 8-Jährige trägt ein übergrosses, schwarzes T-Shirt als Schürze. Er ist gerade daran, einen der Töpfe mit roter Farbe zu bemalen. Wenige Meter daneben erkundet ein Zebra sein Gehege.

Kurz darauf gesellen sich zwei Kamele dazu. «Auf dem Stundenplan steht das Fach Natur-Mensch-Mitwelt», sagt Brians Lehrer Simon Schwab. Nebst dem Malen gehört auch eine Gartenbeobachtung zum Nachmittagsunterricht. Die beiden haben nämlich ein Treibhaus gebastelt, in welchem verschiedene Pflanzen spriessen. «Basilikum, Karotten und Salat», zählt Brian auf. Schon bald werden sie die Sprösslinge in die Töpfe versetzen.

Brian Nock ist eines von zwei Kindern, welche derzeit von Simon Schwab in der Zirkusschule unterrichtet werden. Er ist der Sohn von Co-Zirkusdirektorin Alexandra Nock. Die zweite Schülerin heisst Selena. Die 6-Jährige ist die Tochter einer Artistenfamilie aus Belgien, welche in diesem Jahr im Zirkus auftritt. Allerdings ist Selena heute nicht in der Schule. Sie habe einen «freien Halbtag» genommen, sagt Schwab mit einem Augenzwinkern. Der Lehrer hat ihr freigegeben, damit sie die Region Bern erkunden kann.

Im Winter in der normalen Schule

Die Schule beim Zirkus ist jedoch kein Larifari-Betrieb. Wie in jeder anderen Schule auch gelten strikte Unterrichtszeiten: morgens von 8:30 bis 12 Uhr, nachmittags zwischen 13:30 und 16 Uhr. Jeweils am Mittwochnachmittag haben die beiden Schüler frei, zumal der Zirkus zu diesem Zeitpunkt meistens unterwegs zum nächsten Auftrittsort ist. Brian wird nach dem Aargauer Lehrplan ausgebildet, weil er in den Wintermonaten – wenn der Zirkus nicht auf Tournee ist – die Primarschule im aargauischen Frick besucht.

Schwab ist deshalb in ständigem Kontakt mit den dortigen Lehrkräften, um den Stoff abzugleichen. Bei Selena ist das etwas anders. Bei ihr kommt ein belgisches Lehrmittel zum Zug, das für Eltern entwickelt wurde, welche ihre Kinder selber unterrichten. Am Ende eines jeden Quartals muss sie jeweils eine Prüfung ablegen, die dann zur Kontrolle nach Belgien geschickt wird. Schwab spricht mit Selena Französisch, mit Brian hingegen Deutsch. Untereinander unterhalten sich die beiden Kinder auf Italienisch – der traditionellen Zirkussprache.

«Im Schulwagen bin ich der Chef»

Aufgrund der Mehrsprachigkeit und den unterschiedlichen Schulsystemen ist Simon Schwab gefordert, obwohl er nur zwei Kinder zu betreuen hat. «Ich bin kaputter, als wenn ich eine grössere Klasse unterrichten würde», sagt der Lehrer, welcher im bernischen Koppigen aufgewachsen ist. Hinzu kommt, dass es im Zirkus keine Trennung zwischen Beruf und Privatleben gibt. Schwab steht daher in einer ganz anderen Beziehung zu seinen Schülern als in einer normalen Schule. Ausserhalb der Unterrichtszeiten schlüpft er auch Mal in die Rolle des Kumpels von Brian. «Ich musste ihm zu Beginn beibringen, dass im Schulwagen ich der Chef bin», sagt der 25-jährige Lehrer.

Dass es in diesem Schulwagen eng ist, stört ihn kaum. Er hat auch keine Probleme, dass er oftmals improvisieren muss. So dienen die beiden Türen eines Schrankes als Wandtafel, und die Klingel am Ende jeder Lektion ertönt aus einem iPhone. Dafür sieht Schwab auch einen grossen Vorteil im Vergleich zur herkömmlichen Schule. «Mein Klassenzimmer ist die ganze Schweiz», sagt er. Schliesslich gastiert der Circus Nock im ganzen Land – von Basel bis Chiasso und von Genf bis nach St. Moritz.

Per Zufall zum Zirkus

Dabei ist Simon Schwab alles andere als ein Zirkuskind. Als Knabe träumte er keineswegs davon, eines Tages als Artist in der Manege aufzutreten. «Ich wollte einst Eishockeyprofi werden», erinnert er sich. Die Stelle als Lehrer beim Zirkus trat Schwab im Frühjahr 2012 per Zufall an. Er hatte gerade seine Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Bern abgeschlossen und hörte von seiner Cousine, dass der Circus Nock einen Lehrer suche. Sie hatte sich zwar zuvor auch dafür interessiert, konnte die Stelle aber nicht übernehmen und brachte daher ihren Cousin ins Spiel.

Schnell einmal wurde auch Simon Schwab vom Zirkusvirus infiziert. «Der Zirkus ist eine spannende Welt. Man ist immer unterwegs und kommt mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern in Kontakt.» So arbeiten im «Nock» Leute aus der Schweiz, Marokko, Rumänien, Bulgarien, Kuba oder Kolumbien. Die Zeit im Zirkus sei für ihn enorm bereichernd, sagt der junge Lehrer, welcher nach Schulschluss auch hinter dem Buffet oder an der Kasse im Einsatz steht. Schwab spricht von einer Lebensschule: «Ohne den Zirkus hätte ich vielleicht nie gelernt, mit einem Wohnwagen zu fahren.»

Der Circus Nock hat heute seine beiden letzten Vorstellungen auf der Allmend in Bern (15 und 20 Uhr). Von Freitag bis Sonntag gastiert der zweitgrösste Schweizer Zirkus in Thun, danach am kommenden Dienstag und Mittwoch in Münsingen. (Der Bund)

Erstellt: 29.05.2013, 11:29 Uhr

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