Sans-Papiers

«Man muss sich integrieren und Papier und Alu getrennt sammeln»

Sirley Escobar kam vor 18 Jahren als Sans-Papiers in die Schweiz. Ihr Traum war es, als Ärztin zu arbeiten. Heute reinigt sie Arztpraxen.

Rund 14 Jahre lebte die heute 44-jährige Sirley Escobar als Sans-Papiers in Bern.

Rund 14 Jahre lebte die heute 44-jährige Sirley Escobar als Sans-Papiers in Bern.

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«Es war sehr kalt, minus 15 Grad oder so», sagt Sirley Escobar. Die Rede ist vom 27. Oktober 1996, dem Tag ihrer Ankunft in der Schweiz. Rund 14 Jahre lebte die heute 44-jährige Kolumbianerin als Sans-Papiers in Bern, bis schliesslich im August 2010 die Stadtbehörden ihr Härtefallgesuch bewilligten. «Es war Befreiung auf ganzer Linie», sagt sie. «Jetzt kann ich ein Handyabo lösen, eine Wohnung mieten und einen Arbeitsvertrag unterschreiben.» Vor allem aber könne sie sich seither ohne Angst in der Stadt bewegen. Die ständige Angst vor einer Verhaftung sei nämlich das Unangenehmste am Leben ohne legalen Aufenthaltsstatus. Man meide neuralgische Plätze wie etwa den Bahnhof und bewege sich meist auf Umwegen durch die Stadt.

Eine Hütte aus Karton und Tierkot

Das Erste, was Escobar nach ihrer Legalisierung machte, war eine Reise in ihre Heimat zu organisieren. Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf in der geografischen Mitte von Kolumbien. Als der Vater seine Stelle verlor, zog die Familie in eine grössere Stadt. Der Vater fand bald wieder eine Arbeit, verdiente aber weniger als zuvor. Sirley und ihre ältere Schwester mussten darauf hin die Schule abbrechen und in einer Textilfabrik arbeiten. Das Geld reichte trotzdem kaum zum Leben. Die Familie wohnte in einer Hütte, die sie aus Karton und Tierkot selber baute. Doch richtig prekär wurde ihre Situation, als der Vater bei einem Autounfall starb.

Tochter blieb zurück

Der Entscheid zur Emigration fiel Escobar schwer. Vor allem, weil sie unterdessen eine Tochter bekommen hatte. Dieser wollte sie ein Leben in der Illegalität nicht zumuten. Ihre ersten Monate in der Schweiz waren entsprechend hart. «Ich war einsam, verstand die Sprache nicht und kam mit dem kalten Klima nicht zurecht», sagt sie. Immerhin fand sie schnell eine Arbeit als Putzhilfe in verschiedenen Haushalten. Trotzdem: «Ich überlegte mir dauernd, nach Kolumbien zurückzukehren.» Geblieben ist sie trotzdem. «Mein Ziel war, meiner Mutter und meiner Tochter ein richtiges Haus zu kaufen», sagt sie. Dieses Ziel habe sie mittlerweile erreicht.

Bei allen Widrigkeiten – Escobars Geschichte steht in keinem Vergleich zu den Horrormeldungen, die allenthalben über Haushaltshilfen weltweit aber auch in der Schweiz kolportiert werden. «Ich hatte Glück», sagt Escobar selber. Sie habe von Beginn weg anständig verdient und sei stets mit Respekt behandelt worden. Und schliesslich habe sie sich mit der Zeit immer besser eingelebt, die Sprache gelernt und Freunde gefunden. «Ich wollte einfach das Beste aus der Situation machen», sagt sie. Viele Migranten wären zwar mit dem Körper hier, im Geiste aber noch in ihrer Heimat. So werde das aber nichts. «Man muss sich integrieren; man muss Papier, Karton und Aluminium getrennt sammeln.»

Escobar ist vom Typ her ruhig und zurückhaltend. Schüchtern ist sie indes nicht. Sie spricht klar und schaut dem Gesprächspartner stets in die Augen. Von einer Bekannten wird sie als Netzwerkerin beschrieben, der unter den hiesigen Kolumbianern eine zentrale Position zukommt. Escobar bestätigt das. Als sie beispielsweise erfahren habe, dass es auch für Sans-Papiers die Möglichkeit gebe, eine Krankenversicherung abzuschliessen, habe sie «die halbe Stadt» zum Abschluss einer solchen motiviert. Nun engagiert sie sich für die Kampagne «Keine Hausarbeiterin ist illegal», die von den Beratungsstellen für Sans-Papiers organisiert wird (siehe Box). «Ich bin der Meinung, jeder sollte eine Chance kriegen», begründet sie.

Rückkehr kommt nicht infrage

Sirley Escobar hat ihre Chance gepackt. Zwar arbeitet sie nicht als Ärztin, wie es im Kindesalter ihr Traum war. «Doch immerhin putze ich jetzt Arztpraxen», sagt sie und lacht. Und dank ihrer Beharrlichkeit habe ihre Tochter jetzt die Gelegenheit, ihren Traum zu verwirklichen. «Sie studiert in den USA Krankenpflege», sagt Escobar. Eine Rückkehr nach Kolumbien kommt für die 44-Jährige nicht mehr infrage. Nur eines stört sie nach wie vor am Leben in der Schweiz: «An das kalte Wetter werde ich mich wohl nie gewöhnen.» (Der Bund)

Erstellt: 28.04.2014, 06:54 Uhr

Keine Hausarbeiterin ist illegal

Schätzungsweise 40'000 Menschen – hauptsächlich Frauen – leben hierzulande ohne Aufenthaltsbewilligung und arbeiten als Haushaltshilfe. Für sie gelten keine Mindeststandards; sie können nicht vor Arbeitsgericht gehen, und sie tragen das Risiko von Krankheit und Unfall alleine. Oftmals sind sie stark von ihren Arbeitgebern abhängig, was die Gefahr von ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen und sexuellen Übergriffen erhöht. Schliesslich leben sie mit der ständigen Angst, entdeckt und ausgewiesen zu werden.

Um auf die Situation der Hausarbeiterinnen aufmerksam zu machen, haben die Beratungsstellen für Sans-Papiers mit Gewerkschaften sowie Frauen- und Migrantenorganisationen die Kampagne «Keine Hausarbeiterin ist illegal» lanciert. Im Rahmen dieser Kampagne findet zurzeit eine Ausstellung in der Heiliggeistkirche statt. Sie zeigt Werke verschiedener Künstler, die sich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Hausarbeiterinnen auseinandersetzen. Die Ausstellung läuft bis am 11. Mai.

Bereits am 5. März hat das Organisationskomitee der Kampagne dem Bundesrat eine Petition mit rund 20'000 Unterschriften übergeben. Darin fordert das Komitee einen besseren Schutz von Hausarbeiterinnen.

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