«Man muss sich auf ein neues Stadtspital ausrichten»

Zum Abschied aus der Leitung des Inselspitals denkt Urs Birchler an die Zukunft – und an ein Stadtspital.

Urs Birchler gibt die Leitung des Inselspitals ab, und widmet sich ganz dem bevorstehenden Zusammenschluss.

Urs Birchler gibt die Leitung des Inselspitals ab, und widmet sich ganz dem bevorstehenden Zusammenschluss.

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Herr Birchler, Sie haben über zehn Jahre Erfahrung im Spitalwesen in Bern gesammelt. Wie wird die Spitalversorgung in zehn Jahren aussehen?
Ein Trend wird anhalten. Die vielen Privatspitäler in Bern sind eine grosse Konkurrenz. Und das nicht nur für die Spitäler der Spital Netz Bern AG, sondern auch für Spitäler in den Regionen. Der Druck auf kleine Spitäler wird sich weiter erhöhen.

Werden die Leistungen der Landspitäler künftig noch mehr abgebaut?
Ein Spitalangebot als Service public war noch möglich, als der Kanton die Defizite der Spitäler deckte. Jetzt, unter der Fallpauschale, lassen sich Angebote wie die Geburtshilfe, wo es eher tiefe Fallzahlen gibt, aber notwendige Kapazitäten bei der Notfallbereitschaft, nicht genügend finanzieren.

Wird es 2024 in und um Bern immer noch 12 Spitäler geben?
Ich gehe davon aus, dass alle Spitäler bestehen bleiben. Heute lässt sich ein Spital praktisch nicht mehr von der Spitalliste nehmen, es gibt sofort eine Klage. Wahrscheinlich werden sich alle Spitäler zu Verbünden zusammenschliessen. Das kleinere Spital muss sich öffnen, um mit anderen zusammenzuarbeiten. Das grössere muss bereit sein, seine Leistungen auch ausserhalb der Zentren anzubieten.

Die Spitalstandort-Initiative will die Spitallandschaft zementieren. Macht Ihnen die Initiative Angst?
Ich habe durchaus Respekt davor. Die Leute könnten den Eindruck haben, mit der Annahme der Initiative bewirkten sie etwas Positives. Es kann aber gut sein, dass die Patienten, die in Riggisberg ins Spital gehen, dann eben in Münsingen fehlen, oder jene aus Zweisimmen in Thun. Die Spitalversorgung lässt sich nicht so einfach sichern. Die Initiative spricht ein Problem an. Aber sie ist stellvertretend für die generelle Frage, wie viel Service public es in den Regionen noch geben kann.

In der Spitalpolitik bewegt sich viel. Warum kann man nicht alles lassen, wie es ist? Das täte keinem weh.
Das Spitalwesen ist heute nicht dasselbe wie vor 30 Jahren. Die Medizin entwickelt sich weiter. Der Mangel an Fachpersonal wird in den kommenden Jahren deutlich spürbar werden. Wenn bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative nicht genügend grosse Kontingente für das Gesundheitswesen bereitstehen, erst recht.

Also was tun für die Versorgung auf dem Land?
Es stellt sich dringender die Frage, wie man dem Hausarztmangel entgegenwirken kann. Es wäre eigentlich sinnvoll, dass die Ärzte ihre Kräfte bündeln. Die Gemeinden müssen sich überlegen, statt eines Regionalspitals ein Gesundheitszentrum zu haben, wo die Hausärzte und die Spitalärzte eine Abdeckung rund um die Uhr bereitstellen. Oder eben: Das Spital sucht eine Zusammenarbeit mit anderen Spitälern.

Den Zusammenschluss zwischen der Spital Netz Bern AG und dem Inselspital führen Sie auch künftig weiter. Lässt es sich umsetzen wie geplant?
Es gibt Konzepte – aber dann hat man es immer mit Menschen zu tun. Ein Beispiel war der Wechsel von Fachärzten vom Spital Tiefenau an ein Privatspital. Diese Abgänge haben wir gut kompensiert. Die Kardiologie hat mehr Patienten als je zuvor. Entscheidend dafür sind die zuweisenden Ärzte. Wir sind beim Ziegler- und dem Tiefenau-Spital damit konfrontiert, dass die Erneuerung der beiden Spitäler eigentlich nicht zu finanzieren ist.

Das heisst?
Man muss sich auf ein neues oder total erneuertes Stadtspital ausrichten. Das ist finanzierbar und sichert die Zukunft für die erweiterte Grundversorgung. Eine Zusammenlegung von Ziegler- und Tiefenau-Spital führt auch die Stärken der beiden Spitäler zusammen.

Die Idee ist nicht neu. Ist ein Stadtspital auch das Ziel Ihres Nachfolgers Holger Baumann?
Es gibt meiner Meinung nach gar keine andere Lösung. Das Ziel des früheren Verwaltungsrats wird auch für den heutigen rasch wieder ein Thema sein.

Sie kamen vor über 11 Jahren nach Bern. Mit welchen Zielen?
Mir war eine gute Diskussionskultur wichtig. Mir ist es glücklicherweise gelungen, die Zusammenarbeit zwischen der Universität und dem Spital auf eine neue Basis zu stellen. Deshalb können wir auch sehr gute Leute an uns binden. Darauf bin ich stolz.

Man hat den Eindruck, unter Ihrer Führung sei das Inselspital ein «Spezialisten-Spital» geworden.
Es ist natürlich so: Wir gehören in vielen Bereichen zur Spitze. Heute behandelt das Inselspital neben dem Zürcher Universitätsspital durchschnittlich die Fälle mit der höchsten Komplexität. Gleichzeitig ist die Allgemeine Innere Medizin immer noch die Abteilung mit den meisten Betten. Sie ist also sehr wichtig.

National spielt das Inselspital bei der Verteilung der hoch spezialisierten Medizin vorne mit.
Da geht es darum, möglichst gut positioniert zu sein. Es braucht für die hoch spezialisierten Angebote eine grosse Zahl von Patienten. Der Kanton Bern reicht dafür nicht. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass ein Viertel der Kosten des Inselspitals über auswärtige Patienten von anderen Kantonen mitfinanziert wird.

Also haben Sie mit der Insel von Anfang an gross gedacht?
Geografisch ja. Viele Spitäler haben sich für eine Zusammenarbeit mit uns geöffnet. Ein Beispiel ist die Krebsbestrahlung.

Das Inselspital scheint die «harten» Prestige-Disziplinen zu bevorzugen. Die Geburtshilfe oder auch die Psychosomatik haben dagegen einen schweren Stand.
In der Öffentlichkeit bekommen die komplizierten Eingriffe mehr Aufmerksamkeit. Aber: Auch die Psychosomatik ist ein Spezialfach. Die Fachleute haben uns gesagt, dass das Inselspital am besten geeignet sei, um bei den Patienten mit chronischen Schmerzen und schweren Essstörungen gute Ergebnisse zu erzielen. Auf diesen Rat hin haben wir die Schliessung der stationären Abteilung der Psychosomatik zurückgenommen.

Aber sie war vorgesehen.
Wir hatten schlecht kommuniziert. Denn bisher sind wir mit der Psychosomatik nicht auf der Spitalliste. Künftig werden wir das Angebot auf die akute Phase und die Nachbetreuung beschränken. Für die Dauer, wo die Patienten zum Teil monatelang im Spital sind, suchen wir Partner. Aber vergessen Sie nicht: Die Kinderklinik und die Frauenklinik machen 25 Prozent unseres Umsatzes aus. Wir stehen zu 100 Prozent hinter diesen Leistungen. Mit den Eingriffen im Bereich Herz-Gefässe und Hirn subventionieren wir die Kinderklinik und die Frauenklinik. Das muss man auch sehen. Sie treten ab, aber nicht ganz. Weshalb führen Sie jetzt den Zusammenzug von Inselspital und Spital Netz Bern weiter?
Ich gebe die Führung von Inselspital und Spital Netz Bern ab und bin nun nur noch für die vielen Teilprojekte verantwortlich, die im Rahmen des Zusammenschlusses zeitgleich vorangehen.

Braucht es neben Holger Baumann jemanden, der die bernischen Verhältnisse kennt?
Holger Baumann kann auch nicht alles buckeln, wenn er jetzt anfängt. Bei der Zusammenführung werde ich ihn deshalb entlasten. Ich werde auch Zeit haben, ihn noch in die lokale Situation einzuführen. Aber es ist mir wichtig, dass ich mich nicht in seine Aufgaben einmische.

Sie waren 12 Jahre Gesundheitsdirektor im Kanton Zug. Wären Sie im Kanton Bern gerne an der Stelle von Regierungsrat Perrenoud?
Für mich ist die Zeit der aktiven Politik vorbei. In einer Regierung ist es nicht einfach, mit dem Parlament umzugehen. Ich habe es geschätzt, dass ich am Inselspital kein Parlament hatte und auch führen konnte. Doch es gibt hier viele Fachleute. Wollte ich etwas erreichen, musste ich ähnlich vorgehen, wie ich es als Regierungsrat gelernt habe: mit Überzeugen und Mehrheitenschaffen. An einem Universitätsspital kann man nicht blind befehlen. So kommt man nicht zum Ziel.

Der Bund

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