Konfetti, natürlich

Die 34. Ausgabe der Fasnacht ist zu Ende. Aber: Musste sie überhaupt stattfinden? Eine Suche nach der Berner Fasnachtsidentität.

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Die Kriegerin nimmt ihre Larve vom Kopf und entblösst ihr vor Wut errötetes Gesicht. «Wer hat gesprayt?» Ein Junge meldet sich beschämt. Die Frau richtet ihren Finger auf ihn. «Damit du es weisst: Die Dinger machen alles kaputt! Den Stoff, die Masken ...» Es ist Samstagnachmittag, der Fasnachtsumzug ist in vollem Gange. Die Kriegerin im silbernfarbenen Kostüm ist schon lange weitermarschiert, als der kleine Mann seinen Konfetti-Spray in Mutters Plastiktüte gleiten lässt.

Da steckt ein fieser Inhaltsstoff in diesen Spraydosen, die, wenn betätigt, pastellfarbene Schaumwürmer ausspucken. Im Informationsschreiben des Vereins Bärner Fasnacht (VBF) wird darum gebeten, auf eben diese zu verzichten. Papierne Konfetti aber sind erwünscht; in allen Farben, rauen Mengen und ohne Rücksicht auf Verluste. Die tun den Gewändern nämlich nichts.

Polyester soweit das Auge reicht

Der diesjährige Fasnachtsumzug wird begleitet von Schneefall, die Finger sind rasch klamm, aber die visuellen Reize lassen an der Kälte ausharren: Vom Nydeggstalden aus ziehen insgesamt 51 Guggen durch die Altstadt bis zum Bundeshaus. Es ist ein Laufsteg der kurios Kostümierten, Popstars wie Lady Gaga hätten ihre helle Freude an diesem modischen Inspirationsquell. Nur schade, dass viele der Kostüme aus billigem Stoff genäht sind, Kreationen aus Kunstfasern – Polyester soweit das Auge reicht. Edles Material fällt auf. Wilde Hexen bilden eine Pyramide und lassen das Publikum applaudieren. Eine Truppe Anarcho-Kinder in geringelten Strumpfhosen greift mit vollen Händen in ihre Konfetti-Behälter und wirft gezielt in Richtung Gesichter. Zwei «Putzfrauen» verteilen Schleckstängel an die Securitas-Männer, die den Eingang eines eigens für die Fasnacht aufgestellten Aussichtsturms bewachen. «Aaregusler Bern», «Bümplitzer Chaote», «Le Furz de Bern» und «La Gugg au vin»: sie alle und noch viele mehr fahren auf zur Gassenfasnacht, einer in Bern erst im Jahr 1982 wiederaufgenommenen Tradition.

Am Samstagmorgen fand in der Altstadt zum 29. Mal «Die stiui Fasnacht» statt, wo die Theatergruppe «Ja Täll so geits» ihr Stück «Tell in Rom» aufführte und die frisch gewählte Päpstin durch den von Wilhelm abgefeuerten Pfeil sterben liess. Alles ist möglich an der Fasnacht, und das ist ja das Schöne daran: drei Tage lang poltern gegen die Obrigkeit, jetzt darf der Pöbel wettern, Rollen wechseln und Mitmenschen mit Papierschnitzeln bewerfen.

Kleine Guggen-Analyse

Wer Fasnachtsmusik mag, wird das «Monster» lieben: Nach dem Umzug versammeln sich zwischen 25 und 30 Vereine auf dem Bundesplatz und spielen gemeinsam ein und dasselbe Lied. Tuba, Saxophon, Trompete und Pauke: vorwärts marsch! Dirigiert wird vom Balkon der Valiant-Bank aus. Als Anmerkung auf dem von der VBF zur Verfügung gestellten Notenblatt steht geschrieben: «Es ist durchaus erlaubt, die Musikstücke zu üben!»

Ja, die Guggen, diese wunderlichen Musikvereine: Von vielen gehasst, geben sie sich Namen mit Fremdscham-Potential und stehen ein für ihr Recht auf holprige Versionen von Gassenhauern aus allen Dekaden, von David Hasselhoff bis Katy Perry. Zusammen sind sie stark, einheitlich kostümiert symbolisieren sie Zusammenhalt. Aber wie ist das eigentlich: Darf man zwischen den Gruppen wechseln, ein Weilchen hier, und später dann da die Tuba spielen? Maria gehört zu den aus Aarau angereisten «Räbeschläcker Wettige» und versichert: «In der Regel bleibt man seiner Gugge treu. Aber wenn sich die eigene auflöst, darf man natürlich einer neuen beitreten.»

Ein Herr sagt zu seiner Begleitung: «Diese Fasnacht ist doch bloss Volksberuhigung. Da darf man sich vier Tag lang ausleben und ist dann ein ganzes Jahr wieder am Mucken.» Die Fasnacht polarisiert. Schliesslich ist die Tradition in Bern noch eine junge und die Identität bei weitem nicht so sehr gefestigt wie in Basel und Luzern. Aber auch die Berner Version ist hübsch anzusehen und gibt den städtischen Putztrupps erst noch ordentlich etwas zu tun. Schon kurz nach dem «Monster» nämlich, der Nachmittag neigt sich dem Ende zu, sitzt das Personal auf den Strassenkehrmaschinen und beseitigt das Gröbste, was da an Konfetti herumliegt.

DerBund.ch/Newsnet

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