Kommentar: Hauptsache früh genug

Zwar wird heute kaum noch bestritten, dass die Kinder je früher, je einfacher Sprachen lernen. Ob der frühe Fremdsprachenunterricht aber tatsächlich hält, was er verspricht, wird sich erst noch zeigen.

Reto Wissmann@RetoWissmann

Vor zehn Jahren tobte in der Schweiz der Sprachenkrieg. Nachdem sich das kleine Appenzell Innerrhoden und das grosse Zürich für Frühenglisch statt Frühfranzösisch entschieden hatten und sich nach und nach die ganze Ostschweiz angeschlossen hatte, sahen nicht wenige den nationalen Zusammenhalt in Gefahr. Unterdessen ist es ruhig geworden um die Sprachenfrage. Die Einführung von Frühfranzösisch ab der dritten Klasse zu Beginn des nächsten Schuljahres im Kanton Bern sorgt denn auch kaum noch für Nebengeräusche. Dass die Schweiz keine einheitliche Lösung zustande gebracht hat, musste wohl oder übel akzeptiert werden. Der springende Punkt ist nun weniger, ob zuerst Englisch oder Französisch unterrichtet wird, sondern dass mit beiden Sprachen möglichst früh begonnen wird.

Mit der Vorverlegung um jeweils zwei Jahre sind grosse Erwartungen verbunden. «Die Kinder können so an eine Mehrsprachigkeit herangeführt werden», sagte der bernische Erziehungsdirektor gestern. Wenn man betrachtet, mit welch rudimentären Fremdsprachenkenntnissen viele Jugendliche heute die Schule verlassen, ist das ein sehr ehrgeiziges Ziel. Zwar wird heute kaum noch bestritten, dass die Kinder je früher, je einfacher Sprachen lernen. Und gerade beim Französischen dürften die Vorbehalte gegenüber der Sprache bei Neunjährigen noch kleiner sein als bei Elfjährigen. Ob der frühe Fremdsprachenunterricht aber tatsächlich hält, was er verspricht, wird sich erst noch zeigen. Entscheidend sein werden Motivation sowie didaktische und sprachliche Fähigkeiten der Lehrkräfte. Helfen kann auch, wenn die Schulen die einmalige Situation des zweisprachigen Kantons Bern noch vermehrt nutzen und den Kindern in der anderen Sprachregion zeigen, dass Französisch nicht nur Schulfach, sondern vor allem gelebte Alltagssprache ist.

Nicht selten erlebt man heute, dass sich französisch- und deutschsprachige Berner auf Englisch verständigen müssen. Könnte der neue Fremdsprachenunterricht dem entgegenwirken, wäre schon einiges erreicht. Viel braucht es dazu gar nicht. Oft sind es weniger der fehlende Wortschatz oder die holprige Grammatik, die eine Verständigung verunmöglichen, sondern schlicht Ängste und Hemmungen. Diesbezüglich darf man hoffen: Drittklässler haben noch kaum Angst, Fehler zu machen. Ausserdem bietet das neue Lehrmittel viele gute Gelegenheiten, um ein positives Verhältnis zur Fremdsprache aufzubauen.

Der Bund

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