Kokainhandel aus dem Knast organisiert

Ein Prozess gegen einen mutmasslichen Drogendealer scheint die Missstände in der Strafanstalt Witzwil zu bestätigen. Per Handy soll der Angeklagte von Witzwil aus den lukrativen Handel mit Kokain organisiert haben.

Eingang zur Anstalt Witzwil. (Marcel Bieri)

Eingang zur Anstalt Witzwil. (Marcel Bieri)

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«Kuschelknast – Wegschauen bei Drogen, Handy und Internet»: Die Anstalten Witzwil sorgten im Herbst 2009 national für dicke Schlagzeilen. Unter den Insassen floriere der Drogenhandel, sie könnten unkontrolliert Besuch empfangen und hätten ungehindert Zugang zum Internet und zu Handys. Diese Vorwürfe erhob damals der «SonntagsBlick» und berief sich auf einen ehemaligen Häftling.

Die politischen Folgen blieben nicht aus: Vorstösse im Grossen Rat forderten Aufklärung, und Anfang Februar 2010 gab Polizeidirektor Hans-Jürg Käser auf Geheiss des Parlaments beim Zürcher Juristen Andreas Werren eine externe Expertise in Auftrag, welche die Vorwürfe prüfen soll.

Noch bevor Werrens Bericht vorliegt, gibt ein konkreter Fall Anlass zur Annahme, dass die Missstände in Witzwil noch weitergehen könnten, als es die bisherigen Vorwürfe befürchten liessen. Seit gestern wird vor dem Kreisgericht im Berner Amtshaus ein Fall schwerer Drogendelinquenz verhandelt, der auf den Vollzug in Witzwil ein schlechtes Licht wirft.

Handel mit 60 Kilogramm Kokain

Hauptbeschuldigte in dem Prozess, in dem es um den Handel mit mindestens 60 Kilogramm Kokain geht, sind der 34-jähriger Gambier L. und seine 30-jährige Ehefrau S., eine Schweizerin.

Wegen Handel mit zwei Kilogramm Kokain war L. bereits am 21. Januar 2008 von einem Genfer Gericht zu einer sechsjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Zum Vollzug wurde der im Kanton Bern Wohnhafte nach Witzwil eingewiesen. Kaum sass L. in der Seeländer Anstalt, nahm er offenbar seine Drogengeschäfte wieder auf – per Handy aus dem laufenden Strafvollzug heraus, wie Gerichtspräsident Jean-Pierre Vicari gestern sagte.

Von Witzwil aus organisierte L. gemäss Überweisungsbeschluss in neun Fällen die Einfuhr, den Kauf oder den Verkauf von insgesamt mindestens acht Kilogramm Kokain oder Kokaingemisch – oder traf zumindest Anstalten dazu. Vorgeworfen wird ihm zudem, bereits vor seiner Verhaftung in Genf im März 2007 zusammen mit seinem Komplizen R., gegen den ein separates Verfahren läuft, einen einträglichen Kokainhandel betrieben zu haben. Zu Last gelegt wird dem Gambier aus dieser Zeit der Handel mit mindestens 50 Kilogramm Kokain, den die Genfer Polizei offenbar übersehen hatte.

Auf die illegale Tätigkeit des Gambiers, beziehungsweise auf dessen Telefonverkehr aus den Mauern von Witzwil, aufmerksam geworden war die Polizei offenbar, nachdem bei den Ermittlungen gegen seinen Komplizen dessen Wohnung verwanzt und dessen Telefonanschlüsse angezapft worden waren. So kamen die Ermittler offenbar auf die Spur von L.s «Geschäftshandy», das in Witzwil lokalisiert werden konnte. Es wurde während längerer Zeit überwacht, bevor die Ermittler genügend Beweismaterial beisammenhatten: Ende November 2008 wurde L. in Witzwil verhaftet und wegen der dort mutmasslich begangenen neuen Delikte in Untersuchungshaft gesteckt.

Weil Komplize R. gestern die Aussage verweigerte, wurden erst die Hauptbeschuldigten zur Sache befragt. Das Handy habe er «im Gefängnis» bekommen, sagte L. Offen blieb, von wem. Die SIM-Karte habe er «von draussen» erhalten – offenbar von einem Komplizen, dessen Namen L. nicht verriet. Geständig ist er nur teilweise. Was jene Deals anbetrifft, die L. von Witzwil aus eingefädelt haben soll, zeichnete er von sich das Bild eines nützlichen Idioten. Er habe seinen Kumpanen aus dem Gefängnis «bloss helfen wollen» und sich so in Probleme manövriert.

Ehefrau S., bei der die Ermittler aufgrund der Abhörprotokolle von einer Mittäterschaft ausgehen, stritt zwar nicht ab, im Auftrag ihres Mannes als Geldbotin fungiert und mehrfach Beträge bis zu 20 000 Franken entgegengenommen zu haben. Sie stritt aber wenig glaubwürdig ab, gewusst zu haben, dass es um Drogengeld ging. Zur Sache noch nicht einvernommen wurden die beiden weiteren Angeklagten, ein Bruder und ein Freund von L., beide ebenfalls Gambier. Das Urteil wird für nächste Woche erwartet.

In Witzwil war gestern niemand für eine Stellungnahme zu erreichen – auch nicht beim kantonalen Amt für Freiheitsentzug und Betreuung. Anfang Februar hatte Polizeidirektor Hans-Jürg Käser angekündigt, den für Ende 2010 erwarteten Expertenbericht Anfang 2011 dem Grossen Rat vorlegen zu wollen. (Der Bund)

Erstellt: 23.11.2010, 07:47 Uhr

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