Kein Platz für Zwischentöne

Berner Stadtrat SP-Kantonalsekretär David Stampfli (SP) hat Stadtratskollege Alexander Feuz (SVP) auf Twitter geblockt.

Oft spannender als der Schlagabtausch am Rednerpult sind die subkutanen Rats-Debatten auf Socal Media.

Oft spannender als der Schlagabtausch am Rednerpult sind die subkutanen Rats-Debatten auf Socal Media.

(Bild: Printscreen Twitter)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Skandal! Der SP-Kantonalsekretär und Berner Velo-Papst David Stampfli (SP) hat Stadtratskollege Alexander Feuz (SVP) auf Twitter blockiert. Kurz nach der langwierigen Debatte über die Sanierung des Breitenrainplatzes letzte Woche muss es Stampfli das Ventil gesprengt beziehungsweise «den Nuggi gelupft» haben, wie sich vor kurzem ein berühmter Chefredaktor und künftiger Parteistratege geäussert hatte. Feuz wiederum lässt sich nicht lumpen und sieht die Meinungsäusserungsfreiheit nicht mehr nur im Stadtrat, sondern auch auf Twitter in Gefahr. «Kritik von Stadtratskollegen ist unerwünscht», kommentiert er seinerseits auf Twitter. Leider kann dies Stampfli nun nicht mehr zur Kenntnis nehmen, weshalb sich Feuz wohl an die Medien gewandt hat.

***

Die Posse mag unbedeutend sein, zeigt aber einiges über das zurzeit vorherrschende Verständnis von politischer Arbeit im Berner Stadtparlament. Bei Geschäften wie dem Tram Region Bern oder der Platzsanierung im Breitenrain bringt die SVP den Ratsbetrieb mit einer Flut von Anträgen, Eventualanträgen und Subeventualanträgen beinahe zum Erliegen – und die rot-grüne Mehrheit stellt auf stur. Während Feuz und Co. sich in Rage reden, machen sich Stampfli oder etwa Manuel C. Widmer (GFL) über Twitter über ihren Kontrahenten lustig. Platz für Zwischentöne gibt es da keinen mehr.

Entweder man steht auf der richtigen Seite und sagt «Ja» zum ganzen Päckli der Platzsanierung, oder man sagt «Nein» und sitzt damit im Boot mit der SVP. Entweder man ist Freund oder man ist Feind. Eine hübsche Illustration hierzu war das Verhalten des Grünen Bündnisses (GB) zur Frage neuer Bäume an der Rodtmattstrasse, gegen die durchaus valable Argumente vorlagen. In der vorberatenden Kommission war das GB noch gegen die neuen Bäume, weil es dazu kritische Stimmen aus dem Quartier gegeben hatte. Im Stadtrat spielte die Stimmung im Quartier für das GB aber keine Rolle mehr. Man sei nun für neue Bäume an der Rodtmattstrasse, weil es den Baum-Gegnern im Stadtrat «ja nur ums Sparen» gehe, hiess es plötzlich.

***

In einem solchen Klima gibt es offenbar nur noch Platz für «Like»- und «Dislike»-Knopfbewegungen. Deshalb sind die subkutanen Rats-Debatten auf Social Media ja oft auch spannender als der Schlagabtausch am Rednerpult. Eigentlich könnte man Stadtratssitzungen künftig nur noch im Internet abhalten. Das käme erst noch billiger.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt