Kanton übernimmt «Chessu» nun doch nicht

Eigentlich wollte der Kanton Bern das Jugend- und Kulturzentrum Gaskessel von der Stadt übernehmen. Doch jetzt hat er die Verantwortung wieder an die Stadt delegiert. Damit ist es an ihr, den «Chessu» wieder als Ort für Jugendliche zu etablieren.

Im und rund um den Gaskessel wäre Platz für Jugendliche, doch es mangelt an attraktiven Angeboten.

Im und rund um den Gaskessel wäre Platz für Jugendliche, doch es mangelt an attraktiven Angeboten.

(Bild: Adrian Moser)

Schaut man auf die Besucherzahlen, ist es in und um den Gaskessel ruhig geworden. Umso heftiger sind die finanziellen und strukturellen Turbulenzen rund um den «Chessu». So wurde vor einem Monat bekannt, dass der Kanton das Jugend- und Kulturzentrum von der Stadt übernehmen will. Alles schien klar: Finanzierung und Steuerung sollten zum Kanton übergehen. Für die Stadt hätte das eine finanzielle Entlastung von rund 400'000 Franken bedeutet. Umstrittener Punkt war einzig die künftige Rolle der Stadt.

Jetzt zeigen «Bund»-Recherchen, dass sich der Kanton bereits vor zehn Tagen wieder aus den Verhandlungen zurückgezogen hat. «Das kam für uns überraschend», sagt Niva Bühlmann, Vorstandsmitglied des Gaskessels. Ebenso für die Stadt: «Wir haben keine Freude gehabt», sagt Jürg Häberli, Leiter des Jugendamtes der Stadt Bern. Für 2013 habe man bezüglich Finanzierung zwar eine Lösung mit dem Kanton gefunden, was ab 2014 geschieht, ist noch ungewiss.

Der Kanton begründet den Rückzug vor allem mit seiner prekären finanziellen Situation. Zudem habe sich bei den Verhandlungen für den Leistungsvertrag herausgestellt, dass die Steuerung des Gaskessels durch den Kanton schwierig werden könnte, sagt Regula Unteregger, Vorsteherin des Sozialamts Kanton Bern. Und nicht zuletzt hat der Kanton sein Angebot auch wegen der Kritik auf politischer Ebene zurückgezogen, wie Unteregger sagt. So hat GFL-Stadtrat Manuel C. Widmer nach Bekanntgabe der Übernahme des Chessus durch den Kanton eine Motion eingereicht. Darin fordert er den Gemeinderat auf, den Gaskessel nicht abzutreten. Bislang wurde die Motion noch nicht beantwortet.

Unattraktiv für Jugendliche

So steht der Chessu-Verein wieder in Verhandlungen mit der Stadt. Bühlmann hofft, dass der Leistungsvertrag so angepasst wird, dass mehr Ressourcen ins Kerngeschäft des Gaskessels – Jugendliche organisieren Partys für Jugendliche – fliessen können. Denn neben den Rangeleien im Hintergrund leidet der Gaskessel seit geraumer Zeit darunter, nicht mehr als Jugendzentrum wahrgenommen zu werden. «Der Gaskessel hat an Anziehungskraft als Jugendzentrum bei den 14- bis 18-Jährigen verloren», sagt dazu Stephan Wyder, von der offenen Jugendarbeit der Stadt Bern (TOJ).

Ähnlich beurteilt das Clara Wyss, Präsidentin Jugendrat der Stadt Bern: Zwar sieht sie das Potenzial eines speziellen Ortes für Jugendliche. Allerdings glaubt sie, dass der Gaskessel unter anderem von der Lage her nicht ideal ist, um wieder ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche zu werden. Umso beliebter sei bei den Jugendlichen der Vorplatz der Reitschule. «Hier können wir einfach sein, ohne dass wir konsumieren müssen», sagt sie.

Keine Grossveranstaltungen

Die Behauptung, der Gaskessel habe an Anziehungskraft für Jugendliche verloren, lässt Niva Bühlmann nicht gelten. Einerseits engagierten sich im Verein knapp 100 Jugendliche, argumentiert sie. Auch würden Jugendliche die Mehrheit im Vorstand stellen. Andererseits waren laut Bühlmann im Jahr 2012 gut 70 Prozent aller bislang 111 Veranstaltungen ab 16 Jahren zugänglich und «mehr oder weniger gut besucht». Allerdings werden dazu nicht nur Discos, sondern auch Konzerte und Theater gezählt.

Was fehlt, sind regelmässige Grossveranstaltungen für die 16- bis 20-Jährigen. Finden grosse Partys statt, richten sie sich an ein Publikum ab 18 Jahren. Laut Bühlmann hat das verschiedene Gründe: Einerseits das Fehlen einer Überzeitbewilligung. Konkret würde eine Überzeitbewilligung bedeuten, dass Veranstaltungen im Gaskessel bis 6 Uhr dauern könnten. «Gerade die Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen hat das Bedürfnis weit über 3 Uhr hinaus zu feiern», sagt sie. Doch die Gewerbepolizei mache den Einbau eines Fumoirs zur Bedingung für eine Überzeitbewilligung.

Andererseits muss der Gaskessel wegen der fehlenden Überzeitbewilligung mit Einzelbewilligungen arbeiten – davon erhält er höchstens 24 pro Jahr. «An diesen Events muss dann zwingend Geld gemacht werden», sagt Bühlmann. Damit wolle der Gaskessel seine Schulden aus dem Jahr 2009/2010 in Höhe von rund 120'000 Franken abbauen. «Mit einem Publikum zwischen 16 und 20 Jahren wollen und können wir kein Geld machen.» Im Gegenteil: In aller Regel seien Veranstaltungen mit jungem Publikum von den Fixkosten her eher teuer.

Um wieder mehr Jugendliche in den Gaskessel zu locken, ist eine Partyreihe für Leute ab 16 Jahren in Planung, wie Bühlmann sagt. Die Gestaltung und Häufigkeit des Angebots hänge vom Leistungsvertrag, der Finanzierung sowie der Unterstützung durch die Stadt bei der Aushandlung der Rahmenbedingungen ab. Das Jugendamt will diesbezüglich Hand bieten, wie Jürg Häberli sagt. Das Jugendamt wolle insbesondere in der Frage der Überzeitbewilligung eine Vermittlerfunktion zwischen Gaskessel und Gewerbepolizei übernehmen. Dass der Gaskessel wieder mehr Angebot für Jugendliche schaffen möchte, freut Wyder vom TOJ. Doch glaubt er, dass es Zeit und gute Ideen brauche, um den Chessu wieder als Ort für Jugendliche zu positionieren.

Der Bund

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