Kalte Betten sind auch in der Stadt ein Problem

Die Mieten in der Stadt Bern steigen rasant, der Wohnungsmarkt ist ausgetrocknet. Ein Grund: In Bern gibt es gegen 9000 Zweitwohnungen. Viele sind gar nicht oder nur teilweise bewohnt. Der Mieterverband fordert, dass die Politik handelt.

Trotz Wohnungsnot stehen in Bern viele Wohungen leer. Die Folgen sind steigende Mietzinsen und eine Entmischung der Quartiere.

Trotz Wohnungsnot stehen in Bern viele Wohungen leer. Die Folgen sind steigende Mietzinsen und eine Entmischung der Quartiere. Bild: Stefan Anderegg/Keystone

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In Bern herrscht Wohnungsnot. Die Leerwohnungsziffer liegt aktuell bei 0,45 Prozent. Auf 200 Wohnungen ist derzeit nur eine einzige frei. Soweit die offiziellen Zahlen. Tatsächlich stehen Hunderte weitere Wohnungen mehrheitlich leer. Dies, weil viele Unterkünfte ihren Mietern als Zweitwohnungen dienen, also nur zeitweise oder gar nicht bewohnt sind. Im Jahr 2000 traf dies auf 9,4 Prozent der Stadtberner Wohnungen zu (siehe Tabelle). Seither dürften rund 2000 weitere Zweitwohnungen hinzugekommen sein. In jüngsten Schätzungen beziffert die Stadt Bern den Anteil von Zweitwohnsitzen auf 12 Prozent. In Bern gibt es damit zwischen 8500 und 9000 Zweitwohnungen.

Der Umstand, dass Bern Bundes- und Universitätsstadt ist, erklärt einen gewissen Zweitwohnungsanteil. Wohngemeinschaften von auswärtigen Studenten werden ebenso als Zweitwohnungen erfasst, wie gemietete Unterkünfte von Wochenaufenthaltern. Hinzu kommen aber die sogenannten Pied-à-terres: Stadtwohnungen, die für Urlaube oder spontane Übernachtungen genutzt werden und tendenziell schlecht ausgelastet sind. Sie sind für Wohnungssuchende nicht zugänglich. Und sorgen also nicht für die erwünschte Abkühlung des überhitzten Berner Wohnungsmarktes. Schlimmer noch: Der Zweitwohnungsboom treibt die Mietzinse der verfügbaren Wohnungen sogar in die Höhe. In ihrer Wohnungsmarktbeobachtung hat die Stadt Bern festgestellt, dass die durchschnittlichen Angebotsmieten derzeit bis zu 41 Prozent über den Bestandesmieten liegen.

Mittelschicht und Arme betroffen

Kalte Betten, Zersiedelung, Zerstörung von Kulturland – Zweitwohnungen galten bislang als Phänomen und Problem des Alpenraums. Zu Unrecht, wie der Schweizerische Mieterinnen- und Mieterverband (SMV) meint. Auch in städtischen Gebieten führten sie zunehmend zu Spannungen. «Immer mehr Leute leisten sich ein Pied-à-terre in urbanen Zentren», sagt SMV-Generalsekretär Michael Töngi. Dramatisch sei die Entwicklung insbesondere in Zürich und Genf. «Betroffen sind aber auch regionale Zentren wie Bern, Thun und Biel.»

Die Folge dieser Entwicklung: «Im Hochpreissegment, wo sich die zahlungskräftige Klientel bewegt, werden die Wohnungen knapp. Das führt auch in günstigeren Segmenten zu einer Anhebung der Mietzinse.» Ein Vakuumeffekt. Leidtragende seien die Mittelschicht und die wirtschaftlich Schwächeren, so Töngi. «Sie können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten, es kommt zu Verdrängungsmechanismen, zur Entmischung von Quartieren.» Kurz: Wer sich eine Wohnung in Bern nicht mehr leisten kann, zieht weg. Töngi schränkt aber ein: Der Zweitwohnungsboom sei nur ein Faktor dieser Entwicklung. Zuwanderung, steigender Raumbedarf pro Kopf und die Wirtschaftskraft der Städte spielten ebenso mit.

Gemeinderat will handeln

Die Stadt Bern hat den Handlungsbedarf schon vor zwei Jahren erkannt. Im Bericht «Wohnstadt Bern 2012» nahm sich der Gemeinderat vor, Massnahmen zu prüfen, die zu einer dauerhaften Nutzung von Zweitwohnungen führen. Gemäss Bericht sollte das Ziel durch ein Anreizsystem erreicht werden. Bis dato ist die Stadtverwaltung allerdings nicht aktiv geworden. Es fehlten derzeit die statistischen Grundlagen, heisst es bei der Stadt Bern.

Genau das kritisiert Evi Allemann, SP-Nationalrätin und Präsidentin des bernischen SMV. Die Wohnungsmarkterhebung sei zwar durchaus wertvoll. «Zu Zweitwohnungen in Bern gibt es aber aktuell keinerlei Daten.» Eine qualifizierte Aussage über den Effekt auf den Wohnungsmarkt sei kaum möglich. Deshalb erwartet Allemann von den Berner Behörden, dass rasch eine detaillierte Erhebung durchgeführt wird. «Erst wenn wir die Fakten kennen, können wir Lösungen für die Probleme entwickeln.»Michael Töngi vom SMV erwartet von der Politik keine Wunder: «Die Möglichkeiten sind sehr beschränkt», sagt er. Man könne niemandem verbieten, eine Zweitwohnung zu mieten. Wichtig sei aber, dass die Gemeinden aktiv dem Entmischungstrend in den Quartieren entgegenwirkten – «durch Wohnungsbau und Unterstützung von Wohnbaugenossenschaften». (Der Bund)

Erstellt: 08.02.2012, 06:39 Uhr

Quelle: BSS 2000; ARE 2011

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