Jetzt geht es dem «Mohren» an den Kragen

Der Berner SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães sagt dem «rassistischen» Wappen der Zunft zum Mohren den Kampf an. Wissenschaftler befürchten einen erneuten «Bildersturm».

Das Zunftwappen – hier an der Rathausgasse – zementiere rassistische Vorurteile, sagt Stadtrat Halua Pinto.

Das Zunftwappen – hier an der Rathausgasse – zementiere rassistische Vorurteile, sagt Stadtrat Halua Pinto. Bild: Valérie Chételat

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Er hat dicke rote Lippen, krauses Haar, trägt grosse Ohrringe und seltsam anmutenden Federschmuck. Die Rede ist vom «Mohr» auf dem Wappen der Schneider- und Tuchschererzunft «zum Mohren». Die Zunft hat ihre Wurzeln im 14. Jahrhundert und ist Teil der Burgergemeinde Bern. Das Zunftwappen findet sich an mehreren Orten in der Berner Altstadt. Es weht auf einer Fahne an der Herrengasse und ist in das Mauerwerk des Gesellschaftsgebäudes an der Rathausgasse eingearbeitet.

Damit nicht genug. An der Kramgasse ist dem Mohren gar eine ganze Steinstatue gewidmet. Nun soll es dem «Mohren» an den Kragen gehen: «Diese Abbildungen vereinen sämtliche Stereotypen von dunkelhäutigen Menschen und sind deshalb rassistisch», sagt SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães auf Anfrage. Er wird deshalb einen Vorstoss einreichen, der den Gemeinderat beauftragen soll, mit der Burgergemeinde und der Denkmalpflege eine Lösung für rassistische Darstellungen im öffentlichen Raum zu erarbeiten. «Allenfalls müsste gar die Entfernung solcher Darstellungen geprüft werden», heisst es im Vorstosstext. Blüht Bern eine Diskussion, wie sie 2010 in Huttwil stattgefunden hat? Damals wollte der Wirt das Hotel Mohren in «Kleiner Prinz» umbenennen, was Diskussionen provozierte – und mit einem Kompromiss endete.

«Das ebnet der SVP den Weg»

Im Gespräch gibt sich Pinto versöhnlicher. Er spreche der Statue die Daseinsberechtigung nicht völlig ab, sagt er. «Sie verweist auf die Gegebenheiten der Zeit ihrer Entstehung.» Ihm gehe es in erster Linie darum, eine Debatte über postkoloniale Darstellungen zu lancieren. «Die Schweiz hatte zwar selber keine Kolonien, die entsprechenden Denkmuster sind aber auch hierzulande anzutreffen», sagt er. Das zeige sich eben in solchen stereotypen Darstellungen. «Sie bedienen das diskriminierende Vorurteil, dass dunkelhäutige Menschen wild und unzivilisiert sind.»

Um einen Nebenschauplatz handle es sich bei diesen Fragen nicht. «Darstellungen wie diese ebnen der SVP den Weg für ihre ausländerfeindlichen Initiativen», sagt er. Besonders störend sei, dass auf der Website der Zunft diese Abbildungen «mit keinem Wort» kritisch hinterfragt würden. «Die Zunft muss sich fragen, ob sie sich wirklich so präsentieren möchte», sagt der Stadtrat.

Bei der Zunft zum Mohren zeigt man sich ob Pintos Kritik genervt. Rolf Henzi, Präsident der Zunft, möchte sich am Liebsten auf keine Diskussion einlassen. «Man kann nichts ändern, was schon über 600 Jahre alt ist», sagt er. Der Name habe sich die Zunft zudem gar nicht selber ausgedacht. «Die Zunft heisst so, weil sie ihre Räumlichkeiten im Haus ‹Zum Mohren› hatte.» Auch habe die Darstellung des Schwarzen auf dem Wappen nichts mit Rassismus zu tun. Solche Abbildungen seien früher normal gewesen. «Der Mohr stellt einfach den Inbegriff eines Fremden dar.» Es sei aber nicht das erste Mal, dass sich Leute über die Fahne der Zunft zum Mohren erkundeten. «Wir bekommen ab und zu Mails, in denen wir auf unser Wappen angesprochen werden», sagt Henzi. Er werde aber sicher nicht «die Geschichte umschreiben.»

«Ein fragwürdiges Postulat»

Unterstützung erhält die Burgergemeinde seitens der Wissenschaft. «Ich finde das ein fragwürdiges Postulat», sagt Carl Alexander Krethlow. Er ist Privatdozent für Neueste Geschichte an der Universität Bern und Mitglied in einem renommierten Verein für Heraldik. Wenn sich Pinto de Magalhães durch diese Abbildungen verletzt fühle, sei es natürlich sein gutes Recht, dagegen Position zu beziehen. Allerdings müsse man die Abbildungen im historischen Kontext sehen.

So stamme das Wappen aus einer Zeit, in der die Vorstellung von minderwertigen Rassen noch nicht existierte. «Rassentheorien sind eine Erfindung aus dem 19. Jahrhundert, das Mittelalter hat diese Form des Rassismus nicht gekannt», sagt er. Krethlow vermutet, dass die Zunft der Schneider und Tuchscherer darauf hinweisen wollte, qualitativ hochwertige Stoffe zu verarbeiten. «Damals kamen die teuersten Stoffe aus dem Orient.» Der Forderung einer Verbannung dieser Artefakte kann er deshalb nur wenig abgewinnen. «Sonst steht auch der Kindlifresserbrunnen am falschen Ort.»

Ähnlich tönt es bei Bernd Nicolai, Professor am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern. «Wenn in Bern wieder ein Bildersturm einsetzte, würden noch viele weitere Symbole fallen», sagt er. Er zeigt aber ein gewisses Verständnis für Pintos Anliegen. «Wenn es sich um aktuelle Abbildungen handelte, würde ich sein Befremden teilen.» Nicolai schlägt vor, bei den Objekten eine Tafel anzubringen, um den historischen Kontext der Abbildungen deutlich zu machen. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2014, 08:31 Uhr

Kunst und Literatur

Das Wort Mohr leitet sich von Maurus ab, zu römischer Zeit die Bezeichnung für Bewohner von Nordwestafrika – mit den heutigen Ländern Marokko und Algerien. Das Wort ist griechischen Ursprungs. Erst viel später erfolgte eine Übertragung auf die Bewohner Afrikas südlich der Sahara. Noch im 17. Jahrhundert stellte man sich unter dem wenig präzisen Begriff Mohr nicht notwendigerweise eine schwarze Person vor.

Im August 1600 landete eine diplomatische Mission unter Führung von Abd el-Ouahaed ben Messaoud in London zu Verhandlungen mit der englischen Königin Elizabeth I. Es ging um den gemeinsamen Feind Spanien. Der Auftritt des stolzen Marokkaners sorgte für viel Aufregung und dürfte William Shakespeare zu seinem Eifersuchtsdrama «Othello» mitinspiriert haben. Othello wird in der Tragödie als «noble» und «valiant» bezeichnet, also als edel und tapfer –, obwohl er seine Frau Desdemona ermordet und sich das Leben nimmt. Wissenschaftler haben nach Archivforschungen errechnet, dass damals bei einer Einwohnerzahl von 200 000 rund 900 schwarzafrikanische Personen in London lebten, die meisten von ihnen als Sklaven und Diener.

Die Präsenz von Personen aus Zentral- und Westafrika ist auch in der bildenden Kunst zu sehen. So hat Albrecht Dürer das Porträt einer Dienerin eines Haushalts in Antwerpen gezeichnet (1521). Wie stark solche Personen benachteiligt waren oder unter Formen von Rassismus zu leiden hatten, ist unklar. Es gibt auf jeden Fall auch Beispiele für eine gesellschaftliche Anerkennung. Bereits Ende des 15. Jahrhunderts führte ein Afrikaner aus Äthiopien venezianische Truppen im Krieg gegen Frankreich. Ein gewisser Ne Vunda war ein christlich-kongolesischer Botschafter beim Papst (1608). Ein interessanter Fall ist der «Struwwelpeter» (1845): Drei Buben lachen einen schwarzen Buben wegen dessen Hautfarbe aus. Da kommt ein überdimensionaler Nikolaus, im Text Nikolas genannt, und tunkt die Schandmäuler in ein Tintenfass. Nun sind sie schwärzer als der verspottete Mohr. Obwohl also die dunkle Hautfarbe als Nachteil dargestellt wird, lautet die Botschaft, dass man sich nicht darüber lustig machen soll. (wal)

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