Inselspital macht mit teuren Fällen Verluste

Die Universitätsspitäler der Schweiz beklagen wegen der neuen Spitalfinanzierung Defizite von rund 300 Millionen Franken. Auch das Berner Inselspital verliere mit hochkomplexen Krankheitsfällen Tausende von Franken, sagt Insel-Direktor Urs Birchler.

Insel-Chef Urs Birchler ist nicht zufrieden mit den Tarifen.

Insel-Chef Urs Birchler ist nicht zufrieden mit den Tarifen. Bild: Franziska Scheidegger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In den Chefetagen der Universitätsspitäler von Bern, Basel, Zürich, Lausanne und Genf klagt man über dasselbe. Die Direktorinnen und Direktoren aller schweizerischen Unikliniken standen gestern am Berner Inselspital für die gemeinsamen Interessen ein.

Die neue Spitalfinanzierung reisse Löcher in die Rechnungen der Unispitäler. Darum müsse das Tarifsystem die besonderen Umstände der Universitätskliniken anerkennen, fordern sie.

Problem der Extreme

Alarmiert sind die Unispitäler, weil sie mit der Behandlung von sehr komplexen und seltenen Fällen systematisch Defizite schreiben. So verursachten am Universitätsspital Zürich im vergangenen Rechnungsjahr 1,5 Prozent der Fälle 56 Millionen Franken Verlust. Die Behandlung sehr weniger Patienten war so teuer, dass sie 17,5 Prozent der Kosten des Spitals ausmachte, legte die Direktorin Rita Ziegler dar. Der Grund für die Defizite: Das Tarifsystem vergüte solch aussergewöhnliche Fälle noch ungenügend, unterstrichen die Spitäler gestern. Der Beitrag, den die Unikliniken für diese Patienten erhielten, sei bei weitem nicht kostendeckend. Hinzu kommt, dass die Universitätsspitäler sich ohnehin benachteiligt sehen, etwa bei der Finanzierung der Infrastruktur oder bei der Lehre und Forschung.

Das Inselspital will seine Zahlen erst nach eineinhalb Jahren Erfahrung mit dem neuen Tarifsystem publizieren. Direktionspräsident Urs Birchler sieht an der Insel aber dieselben Probleme wie seine Kollegin in Zürich. «Wir haben auch Fälle, wo die ungedeckten Kosten über 50'000 Franken liegen. Das ist Realität», sagt er. Ein Beispiel seien Komapatienten. Die andauernde künstliche Beatmung komme das Spital viel teurer zu stehen, als es vom Tarifsystem abgegolten werde. Ein anderes Beispiel ist die Magen-Darm-Chirurgie. «Mit Patienten, die uns überwiesen worden sind, machen wir durchschnittlich ein Defizit von 9000 Franken», sagt Birchler.

Höhere Basispreise unter Druck

Die neue Fallpauschale, schweizweit eingeführt 2012, benachteilige die Universitätsspitäler immer noch. Das Ziel der Tarifstruktur ist, dass alle Spitäler gleich viel Geld pro Krankheitsfall erhalten, abhängig nur davon, wie komplex und schwer dieser ist. So weit ist man aber noch nicht. Dass die Tarife und Kostenfaktoren nicht alle kostendeckend sind, ist unbestritten. Sie werden als Durchschnitt der effektiven Kosten der Krankheitsfälle verrechnet. Bei sehr teuren Patienten fehle aber eine zuverlässige statistische Grösse, sagten die Vertreter der Kliniken. Eine Anpassung der Preisstrukturen dauert ausserdem mehrere Jahre. Hinzu kommt: Auch die Krankenkassen müssen den Anpassungen zustimmen.

Darum hat die bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektion von Anfang an zugelassen, dass das Inselspital eine grundsätzlich höhere Abgeltung als Regionalspitäler erhält. Die Unikliniken werden also im Spitalwettbewerb unterstützt wie mit einem «Handicap» auf dem Golfplatz.

Kritik an «Monsieur Prix»

Das gefällt aber weder den Krankenversicherern noch dem Preisüberwacher Stefan Meierhans. Dieser hat im vergangenen Jahr empfohlen, das Inselspital könne auch mit einem Basispreis von 9484 Franken wirtschaften. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion legte den Basispreis der Insel aber auf 11 200 Franken fest. «Mit einem Basispreis à la Preisüberwacher würden uns 200 Millionen Franken fehlen», sagt Insel-Direktor Birchler. Meierhans hat sich in den Spitalgremien mit seinen Empfehlungen keine Freunde gemacht. Er gehe fälschlicherweise davon aus, dass das System keinen Ausgleich mehr benötige, sagte gestern Rita Ziegler, Direktorin des Unispitals Zürich. Sie verkaufte die Empfehlungen des Preisüberwachers gestern als Todesstoss für die universitäre Medizin.

Bange schauen die Spitäler jetzt auch zum Bundesverwaltungsgericht, welches voraussichtlich im nächsten Jahr über die Basispreise des Kantons Zürich befinden muss. Die Krankenkassen haben gegen die dortigen Tarife geklagt. Die Universitätsspitäler fürchten, dass das Gericht der Ansicht des Preisüberwachers folgen könnte.

Im Kanton Bern droht das Inselspital wegen des Parlaments noch vorher unter Druck kommen. Im September 2011 forderte der Grosse Rat gleiche Basistarife für alle Spitäler im Kanton Bern. Bis 2015 müsste die Regierung diese Forderung umgesetzt haben. (Der Bund)

Erstellt: 22.06.2013, 16:38 Uhr

Artikel zum Thema

Freiwillige für Sterbebegleitung im Inselspital

Das Palliative Zentrum des Berner Universitätsspitals will ab dem Sommer auf Freiwillige setzen. Sie sollen Schwerkranke und ihr Umfeld unterstützen und entlasten und ihnen ein neues Zuhause schaffen. Mehr...

Nach Riggisberg bangt nun Aarberg um Spital

Die Gemeindepräsidenten der Region schlagen Alarm: Sie fürchten eine weitere Zentralisierung der Spitalversorgung und einen Abbau in Aarberg. Die Verantwortlichen von Inselspital und Spital Netz Bern versuchen zu beruhigen. Mehr...

Spitalfusion kommt voran

Die Fusion zwischen dem Inselspital und der Spital Netz Bern AG ist zwei Schritte weiter: Die Geschäftsleitung der neuen Organisation ist bestimmt und der Grosse Rat hat sich hinter das Projekt gestellt. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...