In der Berner Dunkelkammer

Weil die Wucht des Abwassers den tiefstgelegenen Grossstollen der Berner Kanalisation beschädigt hat, ist der Speicherkanal unter der Länggasse jetzt eine der längsten Baustellen des städtischen Tiefbauamts.

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Es ist nicht gerade das, was man ein angenehmes Arbeitsumfeld nennt. 50 Meter unter Tage hantiert ein halbes Duzend Bauarbeiter mit Bohrmaschinen und Zementmischer in einem feuchten und müffeligen Kanal. Fernab von Tageslicht reparieren sie, was das Abwasser von der Öffentlichkeit unbemerkt angerichtet hat. Über eine Länge von 920 Metern haben die Wassermassen unter dem Berner Länggassquartier die Sohle des tiefstgelegenen Speicherkanals der Berner Kanalisation beschädigt. Damit das wichtige Kanalstück zwischen Engehaldenstrasse und Ralligplatz saniert werden kann, wurde es trockengelegt und zur unterirdischen Baustelle erklärt.

Hohlräume wurden zum Problem

«Es sieht alles sehr einfach aus», sagt Projektleiter Sandro Michel und deutet auf den Kanalarbeiter wenige Meter vor ihm. «Aber diese Arbeit hat es in sich.» Im zappendusteren Kanal beugt sich der Mann im neongelb-blauen Overall über den künstlich beleuchteten Rand der Trockenwetterrinne. Mit einem Pinsel wischt er die Kante des schmalen, angefrästen Banketts frei. Sie soll in einem nächsten Arbeitsschritt mit einer speziellen Zementmasse aufgefüllt werden – gleich wie die schachbrettartig angesetzten Bohrlöcher in den Schrägplatten der Kanalsohle. Eine Fleissarbeit, von deren Ausführung die weitere Funktionstüchtigkeit des Speicherkanals abhängt. Denn nur wenn die Hohlräume, die sich hinter den Sohlenelementen gebildet haben, wieder fest hinterfüllt sind, ist garantiert, dass sich keine weiteren Schäden am angegriffenen Kanalboden bilden.

«Die Belastung durch Wasser und Schadstoffe ist hier sehr gross. Unbehandelt würden die Schäden rasch zunehmen», sagt Michel. Kein Wunder: Der in den 1990er-Jahren gebaute Speicherkanal ist mit seinen drei Metern Durchmesser einer der grössten Berner Kanäle überhaupt und fungiert nicht nur als Zuleitung zum Hauptkanal der zentralen Abwasserreinigungsanlage (ARA), sondern auch als Entlastungsbau: Bei starkem Regen entlastet er die oberhalb liegenden «alten» Hauptsammelkanäle in der Länggasse und schützt dadurch das Quartier vor Hochwasser und Abwasser-Rückstau. Insgesamt fasst er bis zu sechs Millionen Liter Wasser oder anders gesagt: Zehntausend vierköpfige Familien müssten ihr tägliches Dusch-, Bade-, Abwasch- und Kochwasser auf einmal in den Abfluss schütten, wollten sie das Fassungsvermögen des Kanals voll ausschöpfen.

Verstopfungsgefahr gebannt

Davon, dass trotz geringem Gefälle der Tunnel bei grossem Wasseraufkommen zu einem regelrechten Wildwasserkanal werden kann, zeugen die Schadenspuren entlang des Kanals. Bei Meter 108 hat das Abwasser die Profilplatten am Boden hinterspült, einige sogar ganz weggerissen. Würde jetzt weiteren Schäden nicht vorgebeugt, so Michel, drohten sich noch weitere beschädigte Elemente entlang des Kanals vom Untergrund zu lösen. Die Folgen wären fatal: Die abgerissenen Sohlenelemente könnten sich in den weiter unten anschliessenden Wirbelventilen – einer Art Drosselsystem für das abfliessende Wasser – verkeilen und den Ablauf verstopfen. Das Material dort wieder rauszuholen, wäre laut Michel ungemein schwieriger, aufwendiger und teurer, als den Kanal jetzt für eine Million Franken vorsorglich zu flicken. Darum hat sich das städtische Tiefbauamt dazu entschlossen, bei der Sanierung des Speicherkanals nicht zuzuwarten, sondern die Arbeiten noch in diesem Winter an die Hand zu nehmen.

Diktiert wurde der Zeitpunkt der Arbeiten aber nicht nur durch das Schadensbild, sondern auch durch die Wetterlage. Denn selbst wenn nur einige der erwähnten zehntausend vierköpfigen Familien gleichzeitig duschen, Wäsche waschen und die Toilettenspülung betätigen, ist an ein Arbeiten unter «Normalbetrieb» nicht zu denken: Stellt sich ein Wolkenbruch ein, kann der Kanal binnen Minuten fluten. Das Teilstück muss deshalb zwingend stillgelegt und das Abwasser statt via Speicherkanal über «Alternativrouten» in Richtung ARA geschleust werden. Da in der kalten Jahreszeit mit weniger Niederschlag zu rechnen ist als in den Sommermonaten – die Speicherkapazität des Kanals also weniger benötigt wird –, sei der Baustart jetzt erfolgt. «Im Frühling, wenn die Wahrscheinlichkeit für Gewitter wieder ansteigt, kann der frisch sanierte Speicherkanal wieder ans Netz.»

Helm- und Gurtpflicht

Das wenige Wasser, das bis April durch den Kanal fliesst, ist denn auch nicht Abwasser, sondern Baustellenwasser. Dieses wird am Ende des Kanals gefasst und vorbehandelt. «Das Wasser hat aufgrund der Zementrückstände einen zu hohen PH-Wert und darf nicht unbehandelt in die ARA gelangen», sagt Michel. Die empfindlichen Bakterienkulturen, die zur Klärung des Abwassers dienen, würden durch den überhöhten PH-Wert zerstört.

Die Baustelle im Untergrund stellt aber nicht nur besondere Anforderungen an den Umweltschutz, sondern auch an die Sicherheit. Wer in den Kanal einsteigt, darf dies nur mit der nötigen Schutzausrüstung tun: Helm, Selbstretter – eine tragbare Sauerstoff-Kartusche für den Notfall – und Klettergurt sind Pflicht. Der einzige Einstieg befindet sich bei der Engehaldenstrasse, ein zusätzlicher Notausstieg ist am anderen Ende des Kanals unter dem Ralligplatz. Die Frischluftzufuhr sei dank der beiden Schachtzugänge gewährleistet, sagt Michel. Ein Alarmsystem überwacht aber sicherheitshalber den Sauerstoffgehalt der Luft. Im Notfall ertönt ein akustisches Signal, das sichere Zeichen zum Verlassen des Kanals.

Extra Telefonleitung eingezogen

Müsste einer der Arbeiter evakuiert werden, könnte dies am Ralligplatz nur über eine Seilwinde geschehen. Im Vorfeld des Baustarts sei hierfür eigens mit der Berufsfeuerwehr und der Sanitätspolizei eine Rettungsübung durchgeführt worden. Es habe sich dabei gezeigt, dass aufgrund der langen Distanzen, die im Kanal zurückgelegt werden müssten, eine Alarmierung der Rettungskräfte zu lange dauern würde. «Wir haben deshalb provisorisch eine Telefonleitung im Kanal eingezogen, damit ein Notruf direkt aus dem Kanal abgesetzt werden könnte.» Im April, wenn es wieder heisst «Wasser marsch», wird die Installation aber wieder rückgebaut. (Der Bund)

Erstellt: 25.12.2012, 09:09 Uhr

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