In Bern wird es eng für den Biber

Der Biber dringt immer weiter ins Stadtgebiet vor. Zwischen Elfenau und Eymatt sind bereits fünf bis sechs Reviere besetzt. Die Stadtgärtnerei pflanzt extra für die Zuzüger Weiden an.

Der Biber hat an der Aare tüchtig geholzt.

Der Biber hat an der Aare tüchtig geholzt.

(Bild: Thomas Reufer)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Unterhalb des Altenbergstegs sind die frischen Frassspuren nicht zu übersehen. Mit seinen scharfen Zähnen hat der Biber grosse Späne aus dem weichen Holz geschlagen und die Weiden am Flussufer merkbar ausgedünnt. Dann hat er die Äste zerteilt und als Vorrat in ein altes Abflussrohr beim Restaurant Altenberg gezogen. Im seichten Wasser davor häufen sich schon die sauber abgenagten Stücke.

Hat sich der Nager nun bereits so tief im Stadtgebiet niederlassen? Christof Angst von der schweizerischen Biberfachstelle hat die Stelle gestern Abend begutachtet: «Es ist gut möglich, dass in diesem Rohr ein Biber haust.» Immer wieder kommt es vor, dass die Tiere an verbauten Ufern mit künstlichen Höhlen vorliebnehmen.

«Hier wird es langsam eng für den Biber»

Der Biber erobert zunehmend auch die Stadt Bern. Angst geht davon aus, dass zwischen Elfenau und der Eymatt in Hinterkappelen unterdessen fünf bis sechs Reviere besetzt sind. Teilweise handelt es sich um Einzeltiere, teilweise um ganze Familien. Ihr zwei bis drei Kilometer langes Territorium verteidigen sie vehement. Sind also die geeigneten Stellen einmal besetzt, wächst die Population nicht mehr weiter. Laut Angst ist dies in Bern der Fall: «Hier wird es langsam eng für den Biber», sagt er. Bis zum Marzili und ab dem Altenbergsteg sei der Flusslauf weitgehend belegt. Der Abschnitt dazwischen eigne sich hingegen kaum für die Biber – was hier fehle, sei ein genügendes Nahrungsangebot.

Im Winter ernähren sich Biber praktisch ausschliesslich von Rinde und Knospen. Da sie nicht klettern können, fällen sie Bäume und Büsche. Das kann zu Problemen führen. Trotzdem ist der Zuwanderer in der Stadt Bern willkommen. «Die Bevölkerung freut sich sehr über den Biber», sagt Sabine Tschäppeler von der Fachstelle Natur und Ökologie der Stadtgärtnerei. Entsprechend werde seine Anwesenheit unterstützt. In diesem Jahr will die Stadtgärtnerei unterhalb des Lorrainebades auf einer freien Fläche versuchsweise Weiden pflanzen – eine Leibspeise des Bibers. Zur Information der Bevölkerung sollen zudem Schautafeln aufgestellt werden.

Bäume werden geschützt

«In der Stadt Bern ist der Umgang mit dem Biber vorbildlich», lobt Peter Lakerveld, Biberexperte von Pro Natura. Grössere Probleme gebe es kaum, und kleinere habe man zu lösen gelernt. So zäunt die Stadtgärtnerei Bäume, die aus ästhetischen Gründen oder als Erosionsschutz wichtig sind, mit Maschendraht ein oder bestreicht sie mit einer Paste, bei der dem Biber der Appetit vergeht. Beim Engehaldestauwehr mussten auch schon Wege ausgebessert werden, weil ein darunter liegender Biberbau eingebrochen war. Geschieht dies wiederholt an Orten, wo der Biber ansonsten willkommen ist, kann ein Rohr als künstlicher Biberbau eingegraben werden.

Christof Angst von der Biberfachstelle wohnt selber in Bern und hat das Biberweibchen, das rund um das Engehaldestauwehr wohnt und sein Revier jetzt möglicherweise bis zum Altenbergsteg ausgedehnt hat, im letzten Jahr mehrfach beobachtet. «Es war trächtig», ist sich Angst sicher. Zwischen April und Juni müssten somit zwei bis vier Junge zur Welt gekommen sein. Zwei Jahre bleiben diese bei ihren Eltern, bevor sie sich ein eigenes Revier suchen müssen. Vorausgesetzt, die Jungtiere überleben, werden sie also im nächsten Jahr auf Wanderschaft gehen.

Population stammt teilweise von entlaufenen Tierpark-Bibern ab

Am Wohlensee und zwischen Thun und Muri gebe es noch freie Gebiete, sagt Angst. Für die Reviersuche könnten die Tiere auch grössere Hindernisse wie den Wohlenseestaudamm oder das Wehr beim Schwellenmätteli umgehen. Es seien schon Biber beobachtet worden, wie sie zwischen den Tischen hindurch über die Terrasse des Restaurants Schwellenmätteli gelaufen seien, sagt Angst.

Die Population in und um Bern stammt teilweise von den bei Hochwassern 1999 und 2005 aus dem Tierpark Dählhölzli entlaufenen Bibern ab. Teilweise sind es aber auch Zuwanderer aus dem 3-Seen-Land, wo ab den Fünfzigerjahren Biber ausgesetzt worden waren. Ab etwa 1800 galt die Art in der Schweiz als ausgerottet.

Der Bund

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