Im Zeichen des grünen Sterns

Vor hundert Jahren trafen sich in Bern 1200 Esperantisten zum 9. Weltkongress – dabei wurde viel gefeiert, aber auch ein Gelehrtenstreit mit den Verfechtern von Ido über die richtige Weltsprache ausgefochten.

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Simon Wälti

Bern ist nicht erst heute eine Kongressstadt: Vor hundert Jahren strömten die Esperantistoj, die Esperanto-Sprechenden, aus allen Himmelsrichtungen in die Schweiz. Die Kongressteilnehmer schlossen sich schon damals zu Reisegruppen, sogenannten Karavanoj zusammen. Aus Frankreich traf am 24. August 1913, dem ersten Tag des Weltkongresses, auch ein Peloton begeisterter Radfahrer ein: Der Start der «bicikla karavano» war am 17. August in Paris erfolgt.

In einem Leitartikel mit dem Titel «Der grüne Stern» – dieser stellt das Emblem des Esperanto dar – schrieb das «Berner Intelligenzblatt», im «Zeitalter der drahtlosen Telegraphie und des ins Ungeheure gestiegenen Verkehrs» habe sich die «Notwendigkeit für eine einheitliche Verkehrssprache» gezeigt. Die Schaffung einer Kunstsprache verursache aber Schwierigkeiten, denn alle paar Jahrzehnte würden immer wieder neue Systeme erfunden. Genannt werden Volapük, Esperanto oder Ido.

Die Weltsprache als «Hilfsmittel»

Für das «Intelligenzblatt» weist ein künstliches System doch immer auch Nachteile auf: «Eine Weltsprache wird immer ein Hilfsmittel sein, vergleichbar dem Telephon.» Die Kunstsprache sei ein «vortrefflicher Vermittler von objektiven Tatsachen», könne aber nicht «psychologisch tiefer gehende Stimmungswerte» zum Ausdruck bringen. Die Sprache sei etwas Organisches, aus dem Boden Gewachsenes. «Dies zu übersehen, hiesse hochbedeutsame Kulturwerte vergeuden.» Eine internationale Sprache, so die Folgerung, könne der Technik, dem Handel und der Wissenschaft grosse Dienste leisten. Die Zeitung enthält sich aber eines Urteils, ob Esperanto, «das Ideal einer Weltsprache» erreicht oder nicht.

Der «Bund» hiess die «fröhlichen Scharen der Esperantisten» so willkommen: «Ein grünes Sternlein tragen sie im Knopfloch, das Zeichen der Hoffnung (Espero), und sie alle sprechen die gleiche wohlklingende Sprache.» Die Zeitung gab auch zu bedenken, wie nötig die Welt die Völkerverständigung hatte, denn auf dem Balkan hatte ein schrecklicher und blutiger Konflikt gewütet: «Die Völker sind wie Bestien aufeinander losgefahren, um sich gegenseitig zu zerfleischen.»

Ehrenmedaille für Zamenhof

Anwesend am Kongress waren 1203 Personen aus gegen dreissig Ländern, unter ihnen auch Dr. Ludwik Zamenhof, der Erfinder der als genial bezeichneten Kunstsprache, der «kara majstro». «Himmel, wird der vergöttert», hiess es im «Intelligenzblatt» dazu. Zamenhof (1859–1917) hatte mit 28 Jahren ein Buch über die Sprache unter dem Pseudonym Doktoro Esperanto publiziert. In Bern wurde er geehrt, hielt aber selber keine Rede.

Die NZZ schrieb: «Der Umstand, dass das Esperanto bereits auf ein Alter von 25 Jahren zurückblicken kann, hatte das Komitee bestimmt, dem Vater der Weltsprache eine goldene Ehrenmedaille prägen zu lassen.» Die Medaille wurde Zamenhof zusammen mit einem Blumenstrauss durch zwei Bernerinnen in der Tracht überreicht. Gemäss der «Berner Woche» scholl «ein unbeschreiblicher Jubel durch den Saal» im Casino. Auffallend stark war das weibliche Element vertreten, hielt das «Intelligenzblatt» fest.

Ehrenpräsident des Kongresses war Alt-Bundesrat Emil Frey, der allerdings seine Ansprache nicht in Esperanto, sondern in Deutsch hielt. Gemäss «Bund» betonte Frey, der bis 1921 Direktor der Internationalen Telegraphen-Union war, die Bedeutung einer Hilfssprache «zur Stärkung der Toleranz, zur Bekämpfung des Hasses und der Missverständnisse unter den Völkern». Frey war auch Ehrenpräsident des Verbandes zur Schaffung eines Weltsprache-Amtes, wie er in seiner Rede betonte. Er wünsche daher, «unbedingte Unparteilichkeit» zu bewahren. Kongressteilnehmer pilgerten nach der Eröffnung vor das Bundeshaus und sangen die damalige Schweizer Nationalhymne «Rufst Du mein Vaterland» in Esperanto: «Estas tutkore ni pretaj se vokas vi».

Attinghausen spricht Esperanto

Der einwöchige Kongress bestand nicht nur aus Reden, Grussbotschaften und zahlreichen Arbeitssitzungen: Es gab Konzerte, Theater, einen Kostümball und zum Abschluss am 31. August ein Volksfest auf dem Gurten. Bei diesem Fest stattete der Flugpionier Oskar Bider den Esperantisten einen Besuch ab. Er landete beim Ostsignal und hob eine Stunde später wieder ab.

Am Donnerstag, 28. August, besuchten die Esperantistoj eine Sondervorstellung der Tell-Spiele in Interlaken, wobei Attinghausen am Schluss einer Szene plötzlich in Esperanto zu skandieren begann. «Unter der Erde schon liegt meine Zeit, wohl dem, der mit der neuen nicht mehr braucht zu leben», habe es sonst geheissen, jetzt aber rief Attinghausen diesen Satz zur Begeisterung der Zuschauer in Esperanto. Danach wurde ein Feuerwerk gezündet, bei dem die Firma Hamberger auch immer wieder grüne Sterne und Sonnen aufleuchten liess.

Vor hundert Jahren setzte sich der «Bund» nach Druckversuchen aus dem Ausland mit der Bedeutung der Landessprachen auseinander: Die Italiener befürchteten, dass das Italienische zurückgehe oder gar verschwinde, die Franzosen kritisierten, dass die Schweiz sich germanisieren lasse, und die Deutschen wiederum monierten, dass die deutsche Sprache zurückgedrängt werde. Der Journalist folgerte: «Wenn das so weitergeht, so werden wir noch ganz sprachlos und uns aufs Jodeln beschränken oder mit Kind und Kegel zum Esperanto abschwenken müssen, auf die Gefahr hin, dass dann sofort der Sprachenkampf mit dem Ido beginnt.»

Tatsächlich versuchten die Ido-Anhänger auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, mit Mitteilungen in der Presse und mit Flugblättern, weshalb ihnen unfaires Verhalten vorgeworfen wurde. Für den 2. September lud der Weltsprache-Verein Bern zu einem Vortrag ein «Was nun? Esperanto oder Ido?» Die Diskussion verlief animiert. Die Esperantisten waren aus Angst vor Tochtersprachen der Ansicht, an einem gewählten System sei festzuhalten, sie befürchteten, es würden immer neue Tochtersprachen auftreten. Die Idisten nahmen für sich in Anspruch, die Schöpfung von Dr. Zamenhof zu verbessern, bis sie einen idealen Zustand erreiche.

«Interesse soll geweckt werden»

Für den Kommentator im «Bund» (2. September), der sich als «Nichtfachmann» bezeichnet, war klar, dass es nicht zwei Weltsprachen braucht und dass eine neue Weltsprache neben dem Esperanto keine Berechtigung hat. Ein Kongress habe aber vor allem Propagandazwecke. «Das Interesse für die Esperantosprache soll geweckt werden und die Verbreitung anschaulich nachgewiesen werden.» Eine künstliche Sprache sei immer ein Mechanismus und kein Organismus, so die Überlegung. Für eine Weltsprache könne man jedoch nicht eine der lebenden Sprachen wählen, sondern müsse eine künstliche schaffen.

Esperanto, so eine verbreitete Hoffnung, sollte die Brücke darstellen, auf welcher der Friedensengel über den Graben zwischen den Nationen schreiten konnte. Die Zeichen standen jedoch schlecht für die Sache des Pazifismus und der Völkerverständigung. Die Spannungen zwischen den Grossmächten entluden sich im 1. Weltkrieg. In den Schützengräben wurde auch eine universale Sprache gesprochen, die Sprache der Gewalt. Ihre Bestandteile waren nicht Silben, sondern Explosionen.

Der Bund

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