«Ihr Ehrgeiz war es, ein Stück moderne Stadt zu errichten»

Das Architektenpaar Hans und Gret Reinhard wird in einer Monografie gewürdigt. Im Zeitalter des «verdichteten Bauens» sind sie aktueller denn je.

Helle Wohnungen mit viel Grün- und Spielraum: Die Hochhaussiedlung Gäbelbach in den Sechzigerjahren.

Helle Wohnungen mit viel Grün- und Spielraum: Die Hochhaussiedlung Gäbelbach in den Sechzigerjahren. Bild: Staatsarchiv des Kantons Bern, Fotonachlass Hans Tschirren

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In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war Bern eine architektonische Pionierstadt: Der Moskauer Bürgermeister und der Aussenminister von Schweden liessen sich nach Bern-West chauffieren, um die Segnungen des sozialen Wohnungsbaus zu bewundern. Das Architektenpaar Hans (1915–2003) und Gret Reinhard (1917–2002) baute im Westen die Siedlungen Tscharnergut, Gäbelbach und Bethlehemacker. «Die beiden waren im richtigen Moment da, um in Zeiten der Hochkonjunktur in Zusammenarbeit mit anderen Architekten Siedlungsensembles im grossen Stil zu realisieren», sagt Architekturkritiker Benedikt Loderer. Sie hätten keine einzelnen Wohnblöcke gebaut. «Ihr Ehrgeiz war es, ein Stück moderne Stadt zu errichten.»

Die Idee der Autonomie

Bei der 1959 bis 1965 erstellten Siedlung Tscharnergut zum Beispiel war es der Hartnäckigkeit der Reinhards zu verdanken, dass Freizeit- und Gemeinschaftseinrichtungen wie Werkstätten, Klublokale oder ein Restaurant und eine Ladenstrasse entstanden. Den Reinhards habe eine Art Siedlungsautonomie vorgeschwebt: «Die Kinder wollte man zu sinnvollem Tun anleiten. Die Hausfrauen mussten das Siedlungsgelände auch in der Freizeit gar nicht erst verlassen.» Dem damaligen Zeitgeist entsprechend habe es sich um patriarchalische Ideen gehandelt. «Es waren Siedlungen für die Arbeiteraristokratie. Die Arbeiter als solche lebten damals in der Matte, der Altstadt oder in der Lorraine.» Heute wiederum lebten die Arbeiter in den für Schweizer Ansprüche zu kleinen Wohnungen in den von den Reinhards entworfenen Siedlungen, und «die Arbeiteraristokratie kann sich bessere Wohnungen leisten».

Reinhards «Erben» leben in Zürich

Laut Loderer müsste man auch heute im grossen Stil bauen, wie die Reinhards dies taten, um die Zersiedlung zu stoppen. Dies sei in der Stadt Bern aber nicht mehr möglich, weil das Land fehle. Zudem gebe es jeweils erbitterten Widerstand, wenn eine Einzonung konkret werde. Die «Erben» der Reinhards finde man heute am ehesten in Zürich-Nord, wo es Projekte für neue Wohnformen von mehreren Wohnbaugenossenschaften gebe, wie zum Beispiel das Projekt «Mehr als Wohnen». Dabei gehe es um Mehrgenerationenhaushalte oder 13-Zimmer-Wohnungen für grosse Wohngemeinschaften. «Für die Wohnbaugenossenschaften in Bern ist das alles kein Thema. Die verteidigen nur noch ihre Mietzinse», sagt Loderer. (Der Bund)

Erstellt: 22.08.2013, 17:06 Uhr

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Monografie

Hans und Gret Reinhard, Bauten und Projekte 1942–1986, Niggli-Verlag, ca. 88 Franken.

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