«Ich kann meinem Volk
 nur mit Singen helfen»

Houry Dora Apartian ist in der syrischen Stadt Aleppo aufgewachsen. Sie lebt für den Jazz und bewundert ihre Verwandten, die in der Heimatstadt ausharren.

Hat das Lachen nicht verlernt: Houry Dora Apartian.

Hat das Lachen nicht verlernt: Houry Dora Apartian. Bild: Valérie Chételat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Was sind das für Zeiten/
wo ein Gespräch über Bäume fast ein 
Verbrechen ist/Weil es ein Schweigen 
über so viele Untaten einschliesst!»

Die Bäume auf der Grossen Schanze sehen aus wie Aleppo-Kiefern. «Sie erinnern mich an meine Heimat», sagt die armenische Sängerin Houry Dora Apartian. Im Unterschied zur Aussage im Gedicht «An die Nachgeborenen» von Bertolt Brecht (1898–1956) führt das Gespräch mit Apartian über Bäume aber ­direkt zu den Untaten, die ihre Heimatstadt verwüstet haben. Dabei war Aleppo einst «eine der schönsten Städte der Welt», wie die in eigener Sache sonst eher bescheiden auftretende Musikerin sagt.

Aufgewachsen als jüngstes von drei Kindern eines christlich-armenischen Pastors und einer Pianistin wuchs Apartian in einem behüteten Umfeld auf. Sie wolle nicht über Politik sprechen, betont sie im Gespräch mehrmals – und gerät dabei ins Stutzen, weil sie es dann doch tut. Aber im Gespräch übers Bürgerkriegsland Syrien wird selbst ein scheinbar harmloser Satz zum Politikum. «Wir lebten damals als Christen in Frieden, sicher und akzeptiert», sagt Apartian. Und fühlt sich sogleich genötigt anzufügen, dass es ihr fernliege, das Regime von Präsident Baschar al-Assad in Schutz zu nehmen.

Besuche von der Geheimpolizei

Es ist kein Geheimnis, dass die Christen in Syrien ein relativ entspanntes Verhältnis zum Assad-Regime hatten. «Wir wurden nicht bedroht, aber wir wussten, dass wir beobachtet wurden», sagt Apartian. Ihr Vater habe immer wieder Besuch von Geheimdienstpolizisten erhalten, weil er eine Kirche leitete, die von einer armenischen Organisation in den USA finanziert wurde. Die Besucher hätten sich eher unscheinbar verhalten und hätten ihren Vater manchmal auch im Büro aufgesucht, um mit ihm über seine Reisen ins Ausland zu sprechen. «Das empfanden wir damals als normal, weil es stets Ängste vor einer Intervention aus dem Ausland gegeben hatte.» Politik sei am Familientisch aber nie ein Thema gewesen. Ihr Vater sei ein Mann Gottes gewesen. «Er hat die Politik respektiert und war weise genug, sich nicht zu sehr einzumischen.»

Was danach in Syrien geschah, ist für Apartian schwer nachvollziehbar. Im Alter von 16 Jahren hatte die heute 39-Jährige das Land verlassen, um in Beirut und später in Paris Gesang zu studieren. Für eine Jazz-Sängerin wäre New York das Traumziel gewesen, «weil dort das Herz des Jazz schlägt». Aber der Traum erwies sich als unerfüllbar. «Als Syrerin kann man nicht die Erfüllung seiner Träume erwarten.» Die Familie und die Liebe zu ihrer Heimatstadt führte sie aber immer wieder nach Syrien zurück, wo sie einmal am Swiss Jazz Festival von Damaskus mit dem Basler Jazzpianisten Oliver Friedli auftrat.

Die dort beginnende private Liebesgeschichte war von Anfang an auch eine musikalische. Die gemeinsame Auseinandersetzung mit der modernen armenischen Musik mündete in der Debut-CD «Armenian ­Stories». Und die Liebesgeschichte führte Apartian nach Basel, wo sie heute mit ihrem Ehemann und den zwei kleinen Kindern lebt. «Meinem Mann verdanke ich alles. Er schreibt für mich die Art Musik, die mir als Sängerin das Beste entlockt.»

Das abrupte Ende eines Aufbruchs

Apartians Mutter, ihre Schwester und ihr Schwager sind in Aleppo geblieben. Sie überleben in der christlich-armenischen Kirche, in der ihr Schwager als Pastor arbeitet. Die Kirche ist zur Zuflucht für unzählige Christen aus der ganzen Stadt geworden, die von Apartians Familie betreut werden. Der Kontakt ist schwierig, da die Elektrizitäts­versorgung zusammengebrochen ist. Über Facebook versucht Apartian zu Informationen über das Schicksal der Kirche und ihrer Familie zu gelangen. Ihr Schwager habe angekündigt, in Aleppo zu bleiben bis die letzten Mitglieder der Kirche in Sicherheit seien. «Natürlich habe ich Angst um sie», sagt Apartian. Aber sie sei auch stolz auf den Mut ihrer Verwandten. Sie selber könne ihnen am besten helfen, wenn sie sich auf ihre Fähig­keiten besinne. «Ich kann meinem Volk nur mit Singen helfen», sagt sie mit Hinweis auf den Auftritt in Bolligen, dessen Erträge zum Teil nach Aleppo fliessen sollen (siehe Box).

Bei einem ihrer letzten Aufenthalte in Syrien 2003 sei das Land wie verwandelt gewesen. Unter jungen Menschen habe eine Aufbruchstimmung geherrscht. «Das Internet wurde sehr wichtig. Die Leute wollten studieren, ihre Möglichkeiten nutzen.» Die Unrast kam in Protesten zum Ausdruck, auf welche die Regierung mit Waffengewalt antwortete. «Das war ein grosser Fehler», sagt Apartian und stutzt, weil sie ja nicht über Politik sprechen wollte. Also sprechen wir über Bäume. Aber das ist im Fall der Aleppo-Kiefern gar nicht so einfach. (Der Bund)

Erstellt: 19.06.2015, 11:16 Uhr

Auftritt «Im Park»

Morgen Samstag, 20. Juni, 19 Uhr, spielt Houry Dora Apartian mit ihrer Band im Park beim Kirchgemeindehaus Bolligen unter anderem Lieder aus der neuen CD «The Day Will Come». Der Auftritt erfolgt im Rahmen der Begegnungsabende «Im Park», welche die Kirche Bolligen aus Anlass des Flüchtlingstags vom 20. Juni organisiert. Im Anschluss zeigt die Sängerin Fotos aus Aleppo und erzählt, wie Christen heute in der syrischen Stadt leben. Die Begegnungstage beginnen heute Freitag, 18.30 Uhr, im Park oder bei schlechtem Wetter im Kirchgemeindehaus. In einer Woche ist ein Fastenbrechen mit Muslimen der Moschee in Ostermundigen geplant. Programm: www.kirchebolligen.ch.

Artikel zum Thema

Ihre einzige Freiheit ist das Theater

Reportage Kann man den Krieg in eine Fiktion verwandeln, nachdem man 
ihn selber erlebt hat? Acht junge Leute, aus Syrien in den Libanon 
geflohen, versuchen es in einem Workshop für Dramatiker. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

History Reloaded Hat der Nationalismus wirklich Oberwasser?

Beruf + Berufung Die Angst als Wegweiser

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...