«Ich gehe davon aus, dass man Menschen Gesundheit nicht liefern kann»

Die Auswirkungen von Armut seien messbar, sagt Thomas Abel. Der Professor an der Universität Bern forscht über die Auswirkungen von Armut auf die Gesundheit. Er wünscht sich, dass Chancengleichheit und Gesundheitsförderung höher gewichtet werden – auch in Bern.

Thomas Abel beschreibt die durch Armut ausgelöste Abwärtsspirale.

Thomas Abel beschreibt die durch Armut ausgelöste Abwärtsspirale.

(Bild: Adrian Moser)

Basil Weingartner@bwg_bern

Herr Abel, Sie forschen über die Auswirkungen von Armut auf die Gesundheit. Macht arm sein krank?
Studien zeigen, dass Schweizer Männer aus den unteren Bildungsschichten eine um durchschnittlich sieben Jahre geringere Lebenserwartung haben als Männer aus den obersten Bildungsschichten. Wenn man Länder miteinander vergleicht, zeigt sich zudem, dass Gesundheitsunterschiede stets dort klein sind, wo auch die Einkommensunterschiede klein sind.

Wie definiert man Armut?
Armut ist nicht unbedingt nur ein Mangel an Geld. Es gibt dazu eine gute Definition des Europarats: Armut bedeutet, dass Menschen zu wenige soziale, ökonomische und kulturelle Ressourcen besitzen. So wenig, dass sie sich nicht am normalen Leben beteiligen können.

Weshalb gerät ein Mensch in eine solche Lage?
Ein wichtiger Grund sind schlechte Arbeitsbedingungen. Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass in erster Linie Manager an Stresserkrankungen leiden. Andererseits arbeiten viele Menschen Vollzeit, ohne dabei genügend Einkommen zu erzielen, um über die Runden zu kommen und ein wirklich gesundes Leben führen zu können.

Argumente für einen Mindestlohn?
Ja, und ein Indiz dafür, dass es in einem reichen Land wie der Schweiz bei Armutsfolgen nicht nur um fehlendes Geld geht. Welche Folgen beispielsweise ein Stellenverlust hat, hängt stets auch davon ab, welche Unterstützung die Gesellschaft bietet. Dasselbe gilt auch bei Schäden an der Gesundheit.

Ist die Versorgung in der Schweiz gut genug?
Die Versorgung ist gesamthaft relativ gut, für den einzelnen Menschen muss dies aber nicht zutreffen: Da sich nicht alle Menschen den teuren Besuch beim Zahnarzt leisten können, hat Armut etwa direkte Auswirkungen auf den Zustand der Zähne. Generell möchte ich aber wegkommen von einem reinen Versorgungsmodell.

Weshalb?
Ich gehe davon aus, dass man Menschen Gesundheit nicht liefern kann. Man muss den Menschen erst Ressourcen geben, damit sie dann selbst für ihre Gesundheit sorgen können. Diese Tatsache ist wichtig, um gesundheitliche Ungleichheit zu verstehen. Was wir im Moment erleben, ist eine Überbetonung der sogenannten Eigenverantwortung.

Das müssen Sie erklären.
Was wir als Gesellschaft einfordern, muss auch umgesetzt werden können. Wenn ich beispielsweise an einer lärm- und abgasbelasteten Schnellstrasse wohne, kann ich für die Gesundheit meiner Kinder schlechter sorgen als Menschen, die am idyllischen Waldrand leben. Wenn wir von Menschen Dinge erwarten oder gar einfordern, die sie aufgrund ihrer Rahmenbedingungen gar nicht leisten können, machen wir uns eines unethischen Verhaltens schuldig.

Was bewirkt der Entscheid des Kantons Bern, die Sozialhilfe um zehn Prozent zu senken?
Die Politiker sollten sich bewusst sein, dass man den Betroffenen mit solchen Massnahmen mehr und mehr die Möglichkeit nimmt, aktiver Teil der Gesellschaft zu sein. Diese Menschen werden dadurch immer stärker von der Versorgung abhängig sein. Das generiert auch neue Kosten. Politiker entscheiden viel zu oft aus dem Moment heraus.

In manchen europäischen Ländern herrscht in ganzen Bevölkerungsgruppen kollektive Perspektivlosigkeit. Drohen solche Zustände auch in der Schweiz?
Eine Stärke der Schweiz ist der Wille, Ausgleich und Zusammenhalt zu schaffen. Wenn wir aber anfangen, die Minimalversorgung so weit herunterzuschrauben, dass manche Bevölkerungsgruppen nicht mehr an ihre Möglichkeiten glauben, werden diese passiv oder vielleicht sogar radikalaktiv.

Wie könnten Menschen vor Armut und deren Folgen beschützt werden?
Ich kann nur vom gesundheitlichen Aspekt sprechen: Man muss ihre ökonomische und soziale Grundausstattung sicherstellen und ihre kulturellen Ressourcen stärken. Dann kann man auf mehr Mitbeteiligung und eine gesunde Lebensweise auch unter schwierigen Lebensbedingungen zählen.

Wie kann dies erreicht werden?
Wenn wir in Kindergärten, in der Schule, am Arbeitsplatz und im öffentlichen Raum zeigen würden, dass uns die Gesundheit von allen wirklich etwas wert ist, würde das viel bewirken. Nun gibt es aber etwa in ärmeren Wohnquartieren weniger und weniger gut ausgestattete Kinderspielplätze als in reicheren Quartieren.

Auch in Bern?
Ja, ganz klar. Unsere Gesellschaft sendet damit Signale aus. Ein anderes Beispiel: Die Stadt Bern will die Menschen animieren, Velo zu fahren, stellt aber bei der Welle beim Bahnhof zu wenige Abstellplätze zur Verfügung. Dort wird der Platz eng. Dann lassen die Leute anschliessend das Velo zu Hause und nehmen lieber den Bus oder das Auto.

Was müsste sich ändern?
Was mir vorschwebt, ist eine Gesundheitspolitik, in der Gesundheit als Entwicklungschance für alle Menschen erkannt wird. Ich würde mir zudem wünschen, dass sich unsere Gesellschaft stärker darüber definiert, welche Chancen sie ihren Mitgliedern bietet. Ein gutes Bildungssystem, ein gutes Gesundheitswesen, grosse Chancengleichheit: Das sollte der Stolz der Schweiz werden.

Der Bund

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