«Ich geh dann mal segeln»

Der Berner SP-Stadtrat Benno Frauchiger segelt bald nach Australien. Vor zehn Jahren hat er dasselbe Ziel mit dem Velo angesteuert. «Ich will zeigen, dass es Alternativen zum Fliegen gibt», sagt der Energie-Ingenieur.

Benno Frauchiger muss um die Welt reisen, um seine Auszeit geniessen zu können.

Benno Frauchiger muss um die Welt reisen, um seine Auszeit geniessen zu können. Bild: Franziska Rothenbühler

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Beim Stichwort «Midlife Crisis» muss Benno Frauchiger lachen. Nein, eine solche habe er nicht, sagt der 42-jährige Energie-Ingenieur. Aber nach bald zehn Jahren im Beruf habe er das Bedürfnis nach einer Auszeit. Den Job im Bundesamt für Energie hat Frauchiger gekündigt. Er segelt nun aber nicht nach Australien, um auf die Erleuchtung zu warten. «Wichtig ist mir die Distanz vom Alltag. Roger Federer nahm sich auch eine Auszeit, um gestärkt zurückzukehren», sagt Frauchiger.

«Fliegen ist wie U-Bahn-Fahren»

Bereits vor zehn Jahren hat sich der gebürtige Thurgauer eine Auszeit in Australien gegönnt. Und bereits damals hat er die Central Downs Farm im westaustralischen Carnamah angesteuert. Von Basel aus ist er mit dem Velo aufgebrochen. Die Farm wurde ihm zum Ziel, weil er deren Bewohner während eines Austauschjahres kennen und schätzen gelernt hatte. Sechzehn Monate ist Frauchiger mit dem Velo durch drei Kontinente und 18 Länder gereist. Dabei hat er über 25'000 Kilometer zurückgelegt. Die Rückreise hat er auf Containerschiffen angetreten.

Als er den fünften Kontinent verliess, hat er sich gefragt, ob er seine Bekannten wohl je wieder sehen würde. Denn für den umweltbewussten Naturwissenschafter war klar, dass er zu Ferienzwecken nicht in ein Flugzeug steigen würde. «Fliegen ist für mich wie U-Bahn-Fahren», sagt Frauchiger. Man bewege sich in hoher Geschwindigkeit und losgelöst von der Erde. Irgendwo trete man wieder an die Erdoberfläche, ohne je ein Gefühl für die zurückgelegten Distanzen entwickelt zu haben. «Wer fliegt, hat keine Wertschätzung der Distanzen auf unserem Planeten.» Dies gelinge nur bei langsameren Formen der Fortbewegung. «Wer die Distanz wertschätzt, nimmt sich auch die Zeit, sie zurückzulegen», sagt Frauchiger. Auf dem Velo oder dem Segelschiff nehme man sie hautnah wahr. «Ich will mit diesen Reisen zeigen, dass es Alternativen zum Fliegen gibt.»

Der Preis der Mobilität

Als Energiefachmann weiss Frauchiger um den Preis der schnellen Mobilität per Flugzeug. Auf seinem Blog listet er auf, welche Umwelt-Indikatoren sich seit seiner letzten Australienreise vor zehn Jahren verschlechtert haben. So habe die CO2-Konzentration der Atmosphäre um 6,5 Prozent zugenommen. Und die globale Durchschnittstemperatur sei um 0,3 Grad angestiegen. Frauchigers lakonischer Kommentar dazu: «Ich geh dann mal segeln.»

Der Kommentar ist aber nicht resignativ gemeint. «Technisch haben wir heute viel mehr Möglichkeiten, uns von fossilen Energieträgern unabhängig zu machen», sagt Frauchiger. So sei die Nutzung der Solarenergie im letzten Jahrzehnt zu einem Massengeschäft geworden. Und in Sachen Elektromobilität stehe die Schweiz vor einem grossen Entwicklungsschub. «Das reicht aber nicht aus. Die Entwicklung des Ressourcenverbrauchs läuft weiter gegen uns.»

Verhaltensänderung ist nötig

Frauchiger ist überzeugt, dass zumindest die Bewohner reicher Länder nicht umhin kommen, ihr Mobilitätsverhalten zu überdenken. «Ökologisch betrachtet wäre ein Verzicht aufs Reisen auch für mich die beste Variante.» Aber auf diese Weise könnte er nicht zeigen, dass man auch weite Distanzen CO2-frei zurücklegen kann. Lokalpolitiker Frauchiger ist überzeugt, dass das Verhalten der Menschen nicht durch Gesetze geändert werden kann. «Die Politik kann das nicht. Das ist mir inzwischen klar», sagt der langjährige SP-Stadtrat. Es brauche vielmehr Beispiele und das Aufzeigen von Alternativen, um Denkprozesse auszulösen. London zum Beispiel sei heute die am zweithäufigsten angeflogene Destination aus der Schweiz. «Sorry, aber in London ist man in sieben Stunden mit dem Zug», sagt Frauchiger. Wenn auch nur einige Menschen durch seine Segelreise über Alternativen zum Fliegen nachdächten, habe er sein Ziel bereits erreicht.

«Letztlich kommt es aufs Mass an»

Für einige dürfte das missionarisch klingen, aber Frauchiger weist den Verdacht weit von sich. «Ich reise vor allem auch für mich selber.» Indem er sich Zeit zum Reisen nehme, nehme er sich auch Zeit für sich selber. Auf dem Segeltörn nach Australien von England via Südamerika und Südafrika ist der passionierte Segler aber nicht alleine. Die Clipper-Round-the-World-Regatta besteht aus zwölf Bootsteams zu je zwanzig Personen. Das «Team Seattle» hat Frauchiger bereits bei Probefahrten in England kennen und schätzen gelernt. «Diesbezüglich habe ich ein gutes Gefühl.»

Frauchiger ist überzeugt: Bliebe er in Bern, könnte er die Auszeit nicht in gleichem Masse geniessen. «Ich würde wieder in einer Art Alltag drehen.» Auf dem Segelschiff hingegen werde er sich von allem fernhalten. Anfang nächsten Jahres möchte er wieder zurück in Bern sein. «Ich will für den Grossen Rat kandidieren.» Ob er erneut mit dem Schiff oder gar mit dem Flugzeug zurückreise, sei noch offen. «Ich bin kein Purist. Es gibt manchmal Gründe zum Fliegen. Letztlich kommt es aufs Mass an.» (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2017, 08:25 Uhr

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