IS-Terror beschäftigt Berner Kurden

Die Lage der Bewohnerinnen und Bewohner in der nordsyrischen Stadt Kobani treibt auch die Kurdinnen und Kurden in Bern auf die Strasse. Sogar wenn die Demonstration von der Konkurrenz organisiert wird.

Sadik Kolusari schaut mit viel Fatalismus in den nahen Osten.

Sadik Kolusari schaut mit viel Fatalismus in den nahen Osten.

(Bild: Adrian Moser)

Fabian Christl

Am Donnerstagabend demonstrierten etwa 100 Kurdinnen und Kurden auf dem Berner Bahnhofplatz gegen die «Massen­mörder» vom Islamischen Staat (IS). Gleichentags sind in Biel 11 Kurden in einen temporären Hungerstreik getreten. Es sind keine Einzelfälle. Seit gut zwei Wochen gehen Kurden weltweit für die Menschen im syrischen Kobani auf die Strasse. Auch in Bern vergeht kaum ein Tag ohne eine Solidaritätskundgebung.

Die Situation ist denn auch dramatisch: Kobani, die Stadt an der türkischen Grenze ist von den Kämpfern des IS umzingelt. Und diese gehen bekanntlich mit einer bisher kaum gesehenen Brutalität vor. Gemäss eines UNO-Reports exekutieren IS-Milizen an jedem Gebetsfreitag mutmassliche Gegner, Straftäter oder Andersgläubige. Zu dem grauenvollen Freitagsritual gehört den Angaben zufolge auch das Amputieren von Gliedmassen und Auspeitschungen. Kaum auszudenken, was die Bewohnerinnen und Bewohnern von Kobani erwartet, sollte die IS die andauernden Kämpfe gewinnen und die Stadt vollständig einnehmen.

Grosse Betroffenheit

«Die Proteste basieren auf einer grossen Betroffenheit», sagt Grossrat Hasim Sancar (Grüne). Dies, obwohl die allermeisten Kurden in Bern – wie Sancar – aus der Türkei und nicht aus Syrien stammen. Die Grenzen zwischen den kurdischen Gebieten in der Türkei und Syrien seien aber sehr durchlässig. «Viele türkische Kurden haben auch Verwandte und Freunde in Kobani.» Er selber habe zwar keine Bekannten in der nordsyrischen Stadt, sei aber trotzdem von den Geschehnissen vereinnahmt. «Ich schaue von früh morgens bis kurz vor dem Ins-Bett-Gehen Nachrichten.»

Sancar versteht die Auseinandersetzungen in Syrien als Kampf der Weltanschauungen. «Auf der einen Seite steht die demokratisch-orientierte Bevölkerung von Kobani, bei der die Frauen mitkämpfen und religiöse Minderheiten integriert werden.» Der IS hingegen wolle Frauen aus dem öffentlichen Raum verbannen und würde nicht dafür zurückschrecken, bei einem allfälligen Sieg ein «Massaker» anzurichten. Die ­Situation sei so dramatisch, dass er sogar die Forderung der kurdischen Autonomiebehörden legitim fände, «für den Schutz der Bevölkerung von Kobani schwere Waffen zu verlangen».

Bodentruppen und Waffen

Ömer Resitoglu geht gar noch weiter. «Die Koalition soll Bodentruppen nach Kobani schicken», sagt er. Resitoglu ist Vorstandsmitglied des Kurdischen Kultur­vereins in Bern, welcher die allermeisten Demonstrationen in der Bundesstadt organisiert hat. Er möchte, dass die internationale Gemeinschaft die militärischen Aktivitäten massiv verstärkt. «Neben Bodentruppen muss man den Menschen in Kobani Waffen liefern und die Luftschläge gegen den IS ausweiten.»

Resitoglu will aber auch die Schweiz in die Pflicht nehmen. «Im Gegensatz zu anderen Ländern hat sich die Schweiz bisher viel zu wenig klar positioniert.» Er möchte, dass die Eidgenossenschaft vor Ort humanitäre Hilfe leistet und diplomatischen Druck auf die Türkei ausübt. «Die Türkei muss die Grenzen öffnen, damit die türkischen Kurden den Menschen in Kobani zu Hilfe eilen können.»

In Bern dominieren PKK-Nahe

Der Kurdische Kulturverein sympathisiert mit der PKK. Andere Kurden orientieren sich eher an der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) von Massoud Barzani. Das Einvernehmen zwischen PKK und KDP ist nicht sonderlich gut. Gemäss Resitoglu werden in Bern aber auch Veranstaltungen der einen Partei von Anhängern der anderen Partei besucht.

Das bestätigt auch Sadik Kolusari. Der Sozialarbeiter präsidiert den Kurdisch-Türkisch-Schweizerischen Kulturverein (Kutüsch) mit Sitz im Breitenrainquartier. «Im Moment ist jede Demonstration erwünscht», sagt er. Kutüsch stehe sowieso keiner übergeordneten Organisation nah. Auch von den «nationalistischen» Forderungen eines kurdischen Staates halte er wenig. «Angesichts eines globalen Marktes braucht es eine Weltgesellschaft.» Er plädiert dafür, die verschiedenen Konflikte im nahen Osten nicht isoliert voneinander zu betrachten.

«Die ganze Region ist destabilisiert», sagt Sadik Kolusari. Die Hauptschuld dafür sieht er bei den Amerikanern. «Aber auch die Menschen in der Region tragen eine Verantwortung.» Hoffnung, dass sich die Lage verbessert, hat er keine. «Es bewegt sich alles in eine völlig falsche Richtung.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt