Hochwasser-Berechnung könnte Mühleberg in Schwierigkeiten bringen

Der prominente Klimahistoriker Christian Pfister wirft der BKW vor, sie habe das Risiko von extremen Hochwassern unterschätzt.

Der Schutz vor extremen Hochwassern bleibt ein schwieriges Problem für das AKW Mühleberg. (Keystone)

Der Schutz vor extremen Hochwassern bleibt ein schwieriges Problem für das AKW Mühleberg. (Keystone)

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Hochwasser sind ein sensibles Thema für das Atomkraftwerk Mühleberg: Ende Juni schaltete die Betreiberin BKW ihr AKW vorzeitig ab, um den Hochwasserschutz nachzurüsten. Ein ETH-Gutachten hatte gezeigt, dass bei einem Extremhochwasser die Kühlwasserversorgung verstopfen könnte – dies im Rahmen des Nachweises der Hochwasserfestigkeit, den das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) per 30. Juni für alle AKW in der Schweiz gefordert hatte.

Die Nachrüstarbeiten in Mühleberg haben begonnen. Doch nun droht dem fast vierzigjährigen AKW neues Ungemach: Der Klimahistoriker Christian Pfister, eine Kapazität auf diesem Gebiet, wirft der BKW vor, sie unterschätze die extremen Hochwasser, welche dem Nachweis der Hochwassersicherheit zugrunde liegen. Er fordert eine neue Berechnung. Hintergrund ist eine neue Studie von Pfister und Oliver Wetter vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung zu Hochwassern am Rhein bei Basel. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1268 und zeigt, dass sich im Mittelalter sehr viel stärkere Hochwasser ereigneten als in jüngerer Zeit.

Daten für AKW-Betreiber wichtig

Der Stromkonzern Axpo hat sich frühzeitig um die Daten bemüht und sie für den Hochwassernachweis des AKW Leibstadt verwendet. Solche Daten sind wichtig für AKW-Betreiber. Denn die Atomaufsicht Ensi fordert, dass ein AKW ein Hochwasser überstehen muss, wie es sich alle zehntausend Jahre einmal ereignet. Dies entspricht der offiziellen Sicherheitsphilosophie: Weil der Schaden einer AKW-Katastrophe unermesslich gross wäre, muss die Wahrscheinlichkeit extrem klein sein, dass sie eintritt. Dies tönt ausgesprochen beruhigend, hat aber einen Haken: Niemand weiss, was für Hochwasser sich in den letzten zehntausend Jahren ereignet haben. Messungen mit Instrumenten gibt es bestenfalls für die letzten zweihundert Jahre. Mit historischen Rekonstruktionen lässt sich der Zeitraum wenigstens um ein paar weitere Jahrhunderte ausdehnen.

Pfister fordert neuen Nachweis

«Die jüngste Sicherheitsstudie zu Leibstadt kommt aufgrund unserer Studie zu wesentlich höheren und aus unserer Sicht plausibleren Zehntausendjahrehochwassern», erklärt Pfister auf Anfrage – und zieht folgendes Fazit: «Für Mühleberg ist aus meiner Sicht eine neue Sicherheitsstudie unter Einschluss unserer Ergebnisse anzustreben.»

Die BKW sieht dies anders. Neue Erkenntnisse würden laufend in ihre Berechnungen einfliessen, teilt die Betreiberin von Mühleberg auf Anfrage mit, «aus heutiger Sicht sehen wir aber keinen Anlass zu Korrekturen». BKW-Sprecher Sebastian Vogler verweist darauf, dass die Studie von Pfister und Wetter Hochwasser in Basel beschreibt. «Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne genauere Untersuchungen eins zu eins auf Mühleberg übertragen.» Richtig ist, dass Leibstadt anders als Mühleberg am Rhein liegt. Allerdings: Die Axpo hat auch für den Hochwassernachweis der beiden AKW Beznau, die wie Mühleberg an der Aare liegen, schon früher historische Quellen verwendet.

Auswertbare Quellen sind auch für die bei Mühleberg liegende Stadt Bern vorhanden. Die Berichte der hiesigen Chronisten lassen darauf schliessen, dass man auch hier extremere Hochwasser entdecken würde, falls man den Untersuchungszeitraum ausdehnte. Intensiver Regen und äusserst ergiebige Schneeschmelzen hätten laut den Chroniken etwa 1373, 1480, 1566 und 1570 zu sehr grossen Hochwassern geführt, erklärt Pfister. Ausgerechnet in der Zeit zwischen 1877 und 1993, die mit Messungen gut erfasst ist, waren extreme Hochwasser dagegen selten – 1999, 2005 und 2007 kehrten sie jedoch zurück.

Unterschätzte Hochwasser?

Aber sogar das Hochwasser von 2005 hat nach Einschätzung von Historiker Wetter «auch in Bern bei weitem nicht die Ausmasse des Hochwassers von 1480 erreicht». Unterschätzt die BKW also die möglichen Hochwasser, indem sie sich auf die katastrophenarme Zeitspanne abstützt, für die Messwerte vorliegen? Die BKW habe zusätzlich zu diesen Daten auch die theoretisch maximal mögliche Niederschlagsmenge errechnet, entgegnet Sprecher Vogler. Konkret: zwei Tage Regen ohne Unterbruch im Einzugsgebiet der Aare und der Saane. Dies ergäbe dann bei der Aare einen Abfluss, der «rund doppelt so hoch ist wie 2005».

Pfister verweist allerdings auch diesbezüglich auf einen Chronisten: Diebold Schilling vermeldete für 1480 drei Tage Regen ohne Pause. Die BKW wiederum betont, dass die Nuklearaufsicht Ensi die Hochrechnung, die bereits für das geplante neue AKW in Mühleberg erstellt wurde, akzeptiert habe. Das Ensi beantwortet unter Verweis auf die laufende Prüfung des aktuellen Nachweises keine Fragen. Informiert werde Ende August. Man darf gespannt sein. (Der Bund)

Erstellt: 19.07.2011, 06:50 Uhr

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