«Hitzefrei? Das ist kein Thema»

Hitzefrei sei ein Mythos, sagt Irene Hänsenberger, Leiterin des Stadtberner Schulamts. Die Lehrer sollten den Unterricht aber dringend den Umständen anpassen.

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Hanna Jordi

Frau Hänsenberger, über 30 Grad im Schatten und eine hohe Luftfeuchtigkeit von über 50 Prozent – das ist doch kein Lernklima. Wann kriegen die Berner Schülerinnen und Schüler endlich hitzefrei?
Irene Hänsenberger: Hitzefrei? Das ist kein Thema. Von dieser Praxis ist man schon lange abgerückt. Heute ist man der Überzeugung, dass es für die Kinder besser ist, unter Aufsicht in der Schule zu sein als ohne Aufsicht im Freien.

Inwiefern besser?
Aus gesundheitlicher Sicht. Wenn die Kinder zwar schulfrei bekommen, dafür aber an der prallen Sonne Fussball spielen, ist das bedenklich.

Im stickigen Schulzimmer zu sitzen, ist aber zumindest für die Moral ungesund.
Unbestritten. Aber das ist noch längst kein Grund, den Kindern hitzefrei zu geben. Denn sehen Sie, es geht nicht nur um die Gesundheit der Kinder. Das zweite Problem ist die Betreuung der Kinder. Viele Eltern kämen in Nöte, wenn es am Morgen plötzlich hiesse, ihr Kind habe jetzt wetterbedingt schulfrei.

Wenn jetzt doch ein Schulleiter Gnade vor Recht ergehen lassen möchte: Könnte er den Hitzefrei-Entscheid eigenmächtig fällen?
Nein. Dazu hat er keine Grundlage. Er muss die Betreuung der Kinder sicherstellen können.

Wann durften Berner Kinder zuletzt hitzefrei feiern? Das muss ungefähr vor einem Vierteljahrhundert gewesen sein. Damals war das Betreuungsproblem auch noch nicht so gross, weil mehr Mütter nicht erwerbstätig waren. Erst, als man auf die Gefahr durch Ozonbelastung im Freien besser Bescheid wusste, begann man, die Praxis zu überdenken.

Was glauben Sie: Weshalb ist «hitzefrei» in unserem Sprachgebrauch noch immer so präsent?
Hitzefrei ist ein schöner Mythos. Wer alt genug ist, erinnert sich mit Wonne an einen geschenkten, freien Tag in seiner Schulzeit.

Hitze hat eine sedierende Wirkung, die Kinder dürften sehr ruhig sein. Hat das aktuelle Wetter auch Nachteile – und wie soll die Lehrperson damit umgehen?
Untersuchungen zeigen: Die Leistung und Konzentrationsfähigkeit der Kinder nimmt mit steigender Hitze und in schlecht gelüfteten Räumen ab. Wir empfehlen den Lehrpersonen deshalb, das Programm anzupassen. Sicher keine Proben schreiben lassen, sondern stattdessen einen Waldspaziergang einschalten oder lockere Übungen machen. Vom Badibesuch würde ich mit Blick auf die Ozonbelastung auch absehen.

Den Maturanden, die soeben ihre Prüfungen abgeschlossen haben, bringt diese Empfehlung jetzt nichts mehr.
Das ist wahr. Ganz alles lässt sich eben nicht planen.

DerBund.ch/Newsnet

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