«Hier ist ganz viel möglich»

Von Germaine Richier über Sava Sekulic bis zu Max Gubler: Daniel Spanke, der neue Kurator am Kunstmuseum Bern, setzt auf Entdeckungen und stört sich am ständigen Ranking in der Kulturszene.

«Bern verfügt über fantastische Kunstwerke – wie das Konvolut Meret Oppenheim», sagt Daniel Spanke.

«Bern verfügt über fantastische Kunstwerke – wie das Konvolut Meret Oppenheim», sagt Daniel Spanke.

(Bild: Caroline Marti)

Sie kennen Bern seit Ihren Kindheitstagen, als sie hier bei Tanten in den Ferien waren. 1992 haben Sie ein Praktikum im Kunstmuseum gemacht, jetzt sind Sie dort Kurator. Wie hat sich in Ihrer Wahrnehmung Bern verändert?
Wenn man eine Stadt aus Kindertagen kennt, hat sie eine mythische Qualität. Ich kann mich gut an den Chindlifrässerbrunnen erinnern, der mich faszinierte und mir gleichzeitig Angst einflösste. Wie zu meinen Praktikumszeiten ist Bern noch immer eine sehr lebendige Stadt mit einer vielfältigen kulturellen Szene.

Haben Sie schon Zeit gefunden, die Kulturszene zu erkunden?
Ich war ein paar Mal im Stadttheater und war sehr beeindruckt von «Blaubart» und «Fidelio». Ich hatte Besuch aus Berlin, und auch der war angetan von beiden Produktionen. Mir gefällt auch die grossartige Kinoszene, die mit all den Filmen abseits des Mainstreams nicht vergleichbar ist mit jener mancher deutschen Städte.

Sie haben sich also sofort entschlossen, sich in Bern zu bewerben?
Ich war sechs Jahre in Stuttgart Kurator am Kunstmuseum und habe in dieser Zeit die Sammlung dort sehr gut kennen gelernt. Sie ist wundervoll, hat aber im Unterschied zum Kunstmuseum Bern nicht Werke vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart. Diese Bandbreite hat mich gereizt, denn aus einer so vielfältigen Sammlung lassen sich viele spannende Projekte entwickeln.

An was für Projekte denken Sie?
Die Sammlung ist schier unerschöpflich, da gibts bis in eine ferne Zukunft noch genügend lohnende Arbeit für Kuratoren. Partiell ist die Sammlung einzigartig, zum Beispiel, was das Werk des frühen Hodler betrifft. Da verfügt Bern über die weltweit beste Sammlung. Oder Paul Klee. Das Kunstmuseum hat nach dem Lenbachhaus in München und dem Zentrum Paul Klee noch immer die drittbeste Sammlung Mitteleuropas. Und dann all die Künstler aus Bern, ich denke an die fantastischen Werke von Otto Meyer-Amden und das ganze Konvolut Meret Oppenheim. Was Niklaus Manuel Deutsch betrifft, so hat Bern wohl die wichtigste Sammlung überhaupt. Es ist also nicht nur die Breite, die den grossen Wert der Sammlung ausmacht, sondern auch die Tiefe und Qualität.

Liegt noch viel brach?
Ich würde es nicht so nennen, weil damit implizit gesagt wird, dass intern nicht genügend für die Sammlung getan worden ist. Und das ist überhaupt nicht so.

Seit 2004 wurden zwei Konservatorenstellen eingespart. Herr Frehner hat die Sammlung zur Chefsache erklärt. Herrscht bei der Betreuung der Sammlung Personalnotstand?
Wir haben immerhin vor einigen Tagen eine Volontariatsstelle ausgeschrieben . . .

. . . zum Nulltarif oder einem Lohn von 1000 Franken, so wie es immer mehr üblich ist?
Ich halte nichts von Häusern, die sechs Volontäre anstellen und dafür keinen Kurator. Wir haben in Bern immerhin vier Kuratoren – da ist ein Volontariat als Ausbildungsstelle für zukünftige Kuratoren legitim. Aber nicht zum Nulltarif, das wäre unanständig.

Neben Ihrer Arbeit als Ausstellungskurator übernehmen Sie auch Management- und Marketingaufgaben und entlasten den Direktor. Was haben sie da alles vor?
Zurzeit wird mit dem Umzug des Instituts für Kunstgeschichte samt Bibliothek in die Länggasse ein grosses Projekt vorbereitet. Auch repräsentative Aufgaben hat Matthias Frehner mir übertragen. Im Museum sind wir aber ein Team, das sehr gut zusammenarbeitet und aufeinander eingespielt ist.

Zur Werbung: Müsste da nicht mehr gemacht werden, wenn etwa die hochkarätige Sean-Scully-Ausstellung nicht auf die verdiente Resonanz stösst?
Über die Gründe, warum einzelne Ausstellungen nicht die erhoffte Publikumsresonanz erbringen, kann ich im Moment nur spekulieren. Ich habe manchmal den Eindruck, dass das Standortmarketing der Stadt Bern über die Grenzen hinaus sehr viel präsenter sein könnte. Die Berner Altstadt ist nicht nur Idylle, sondern auch ein traumhaft gelegenes, lebendiges Zentrum der Stadt. Das müsste eigentlich Touristen in Scharen anziehen.

Für Tourismusfachleute sind Blockbuster-Ausstellungen interessant, die ein Massenpublikum anziehen, wie zuletzt die Anker- und die Hodler-Ausstellungen in Bern. Sind Sie angetreten, so rasch wie möglich einen Blockbuster zu liefern?
Ich weiss nicht genau, was ein Blockbuster ist. Und das aus dem einfachen Grund, weil man einen grossen Ausstellungserfolg nicht planen kann. Auch Picasso-Ausstellungen sind schon gefloppt, wenn sie lieblos zusammengestellt waren. Erst eine wissenschaftlich spannende Fragestellung, verknüpft mit dem Wunsch, eine Reihe von Werken zusammen zu sehen, kann die Voraussetzungen schaffen, ein Massenpublikum anzuziehen. Angesichts der Tatsache, dass die Kosten für solche Ausstellungsprojekte immer mehr steigen, weiss ich aber nicht, wie das weitergeht. Eines Tages werden die Kosten wegen der Versicherungsprämien, die in die Millionen gehen, explodieren. Da bewegen wir uns in einer problematischen Aufwärtsspirale. Eine Ausstellung trägt ja immer auch zur Steigerung des Marktwerts eines Künstlers bei, ohne dass dies dem Museum in irgendeiner Weise vergütet wird. In dieser Situation muss man klug abwägen, welchen Weg man gehen will. Namhafte Museumsdirektoren haben sich deshalb dafür ausgesprochen, dass vermehrt aus den Sammlungen heraus gearbeitet werden muss, um nicht in dieser Falle zu landen.

Die Sammlung ist das Kapital eines Museums, mit dem es auch mittels Deals, Tauschgeschäften, an grosse Werke herankommen kann.
Ich mag das Wort Deal nicht besonders, weil der Laden eigentlich nicht so läuft. Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Werken, die zum Teil sehr fragil und nicht unbedingt reisefähig sind. Wenn aber ein Museum mit einem Leihgesuch an uns herantritt und ein Konzept aufweist, das wir für unterstützungswürdig erachten, dann bieten wir gerne Hand – ob die Ausstellung nun in Spiez stattfindet oder in New York.

Wenn Sie nachher vom New Yorker Museum als Gegenleistung ein tolles Bild bekommen, ist doch beiden Seiten gedient?
Diese Überlegungen kann man schon anstellen, aber man muss immer verschiedene Faktoren beurteilen.

Und im Ausstellungsbereich, was haben Sie da vor?
Ich bin gerade dabei, einige Konzepte auszuarbeiten. Eines dreht sich um die französische Bildhauerin Germaine Richier, die in der Rezeption zu Unrecht immer ein wenig im Schatten von Alberto Giacometti gestanden ist. Unsere Sammlung verfügt über drei grossartige Werke von ihr. Weiter möchte ich Max Gubler, einen grossen Unbekannten und zu Unrecht Vergessenen, in ein neues Licht setzen. Er wurde einst sehr schnell zum Genie der Schweizer Malerei erklärt; das bekam ihm nicht, er wurde schwer depressiv. Das wäre ein spannendes Projekt, das auch kritisch fragt, wie der Kunstbetrieb mit begabten Künstlern umgeht.

Vielversprechend ist Ihr Wölfli-Sekulic-Projekt, Wie ist der aktuelle Stand?
Das Sekulic-Projekt liegt mir besonders am Herzen, weil Bern mit Adolf Wölfli und Heinrich Anton Müller über die Werke zweier toller Künstler der Outsider-Art verfügt. Der 1989 verstorbene Sekulic war ein Maurer in Serbien, der ein grosses Werk mit einem ungeheuren Formenvokabular schuf. Obwohl er Paul Klee nicht kannte, sind einige Werke verblüffend ähnlich.

Auf der institutionellen Ebene ist ein spannender Prozess im Gang bezüglich der künftigen Zusammenarbeit von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee. Vonseiten des Kunstmuseums und seiner Stiftungen ist aber noch viel Skepsis im Spiel.
Was diesen Problemkomplex betrifft, so hat mich Matthias Frehner bis jetzt noch geschont. Im Moment nur so viel: Ich kann mir viele gemeinsame Projekte mit dem Zentrum Paul Klee vorstellen. Diese Konstellation sollte Bern ausnutzen. Und das wird auch passieren.

Die Politik hat die Richtung ja klar vorgegeben: Eine enge Zusammenarbeit ist Pflicht.
Wenn Sie Regierungsrat Pulver genau zuhören, wird aber auch klar, dass es ihm letztlich um die Entwicklung des Kunstplatzes Bern geht, was ich sehr vernünftig finde. Man muss wegkommen von der Vorstellung, es handle sich um zwei Kontrahenten. Das Zentrum Paul Klee ist ein tolles Haus; es hat intern einige Probleme, und die wird man lösen.

Hat man Sie auch vor den Fettnäpfchen in der Berner Kunstszene gewarnt?
Und wie! Fett ist aber, ganz im Sinne von Joseph Beuys, auch ein Energieträger und Wärmespeicher. Ich habe keine Berührungsängste. Jetzt freue ich mich erst einmal auf jeden Austausch in dieser wunderbaren, überschaubaren Stadt.

Small ist beautiful?
Ja, aber so klein ist Bern gar nicht. Dieses dauernde Vergleichen mit Zürich und Basel finde ich etwas anstrengend. Bern ist Bern, und man sollte tun, was hier möglich ist. Und das ist dann schon eine ganze Menge. Dieses ständige Ranking in der Kultur stört mich, als ob es immer darum ginge, wer als Erster ins Ziel kommt.

Sie werden Sponsoren in Bern suchen müssen, das Pflaster gilt als hart.
Aus Erfahrung weiss ich, dass die Situation in Bern im Vergleich zu bestimmten Regionen in Deutschland äusserst generös ist. Wir haben tolle Sponsoren, den Partner Credit Suisse zum Beispiel. Es gibt auch Stiftungen, die im Kunstmuseum verankert sind und immer wieder mithelfen, Ausstellungen auf hohem Niveau zu realisieren. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Sie haben viel vor.
Ich habe Zeit, eine unbefristete Stelle und somit eine lange Perspektive. Ich muss nicht alles im nächsten Jahr verwirklichen, gewisse Projekte müssen reifen.

Was wäre so ein langfristiges Projekt für 2020?
Ich träume von einer grossen Ausstellung, die den Beginn der Abstraktion thematisiert, diesen Umschlag von einer akademisch geprägten Malerei, die die meisten Künstler um 1900 verfolgten, bevor einige plötzlich etwas radikal Neues versuchten. Maler wie Kandinsky, Mondrian oder Hölzl begriffen, dass das Bild etwas anderes ist als nur ein Fenster in der Wand. Für ein solches Projekt muss langsam das Vertrauen zu anderen Sammlungen aufgebaut werden, damit man die Schlüsselwerke bekommt.

Um etwas aufzubauen, muss also ein Konservator über längere Zeit an einem Haus bleiben?
Das muss nicht unbedingt für einen Kurator zeitgenössischer Kunst gelten, weil die sich so schnell ändert. Ich bin jedoch durchaus interessiert an der aktuellen Szene in Bern. Da möchte ich wach und aufmerksam bleiben, denn mit den Fragestellungen von heute schaut man auch anders auf die Kunst von einst.

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