Gurlitts Nachlassverwalter widerspricht Kunstmuseum

Stephan Brock, der Münchner Nachlassverwalter des Gurlitt-Erbes, will rasch handeln, damit die jüdischen Familien zu ihren von den Nazis geraubten Kunstgütern kommen.

Der Übergabe der Gurlitt-Bilder an die Besitzerfamilien stehe nichts im Wege, sagt Stephan Brock, der Münchner Nachlassverwalter des Gurlitt-Erbes.

Der Übergabe der Gurlitt-Bilder an die Besitzerfamilien stehe nichts im Wege, sagt Stephan Brock, der Münchner Nachlassverwalter des Gurlitt-Erbes.

(Bild: Keystone)

Marcello Odermatt@cellmob

Von «grosser Sorge», «Frust» und «Leid» war am Dienstag beim Kunstmuseum Bern die Rede. In Sachen Gurlitt gingen die Berner Erben des verstorbenen deutschen Kunsthändlers mit einer gewissen Dramatik in die Offensive. Nun zeigt sich: So heiss scheint die Sache nicht zu sein, zumindest nicht für die drei betroffenen jüdischen Familien. Diese nämlich müssten nun noch länger auf ihre einst von den Nazis geraubten Kunstgüter warten, liessen Museums­direktor Matthias Frehner und Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin verlauten. Hintergrund dieser Annahme: Weil eine Cousine des verstorbenen Kunsthändlers Cornelius Gurlitt dessen Testament anficht, verzögert sich die ursprünglich mit Deutschland vereinbarte Übergabe der umstrittenen Bilder nach Bern.

Doch während dies für einen Grossteil der Bilder zutreffen dürfte, die das Kunstmuseum dereinst erforschen und letztlich ausstellen will, sieht es bei drei Kunstwerken von Matisse, Liebermann und Spitzweg anders aus. Gurlitts Nachlassverwalter Stephan Brock, der aufgrund des Rechtsstreits noch allein über das Erbe verfügt, bestätigt auf Anfrage Vermutungen, wie sie bereits am Dienstag geäussert wurden. Er, Brock, könne die Sichtweise des Berner Kunstmuseums «nicht teilen». Der Vertragsentwurf, um die Bilder den rechtmässigen Erben übergeben zu können, liege auf seinem Tisch. Die letzten Anpassungen müssten nächste Woche noch vorgenommen werden. «Ich kann handeln», betonte Brock. Stimmten alle involvierten Stellen zu, stehe einer Übergabe der Bilder im Lauf der Monate März oder April nichts im Weg. Brock geht davon aus, dass auch die Cousine Gurlitts mit dem Vorgehen einverstanden ist. Daher sei eine rasche Übergabe nicht nur der drei Bilder möglich, sondern auch aller künftigen Bilder, die als Raubkunst indentifiziert werden.

Nach den Aussagen Brocks krebst das Kunstmuseum nun zurück und spricht von einem «Missverständnis». Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin teilte am Abend schriftlich mit: «Wir haben von Verzögerungen gesprochen, die ja auch bereits eingetreten sind. Wie lange sich diese hinziehen, können wir nicht voraussagen.» Fakt sei, dass bis heute die für die Restitution notwendigen Unterlagen nicht «im erforderlichen Umfang» vorgelegt worden seien. Dem Kunstmuseum seien die Bemühungen des Nachlasspflegers sehr wohl bekannt.

«Ermutigende Gespräche»

Unklar bleibt in der Causa Gurlitt auch die Finanzierung der geplanten Forschungsstelle, deren Leiter Oskar Bätschmann am Dienstag bereits vorgestellt worden war (siehe Text unten). Zwar geht das Kunstmuseum davon aus, dass die Finanzierung «im Laufe des Jahres» geklärt sein wird. Verhandelt wird mit Privaten sowie mit der öffentlichen Hand. Wie die «Berner Zeitung» gestern berichtete, tritt die bisher einzige bekannte Geldgeberin, die Mäzenin Ursula Streit, nun wegen des Rechts­streits auf die Bremse. Ihr Rechtsvertreter war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Schäublin weiss davon nichts. Er geht daher weiterhin von einem Betrag in der Höhe von einer Million Franken aus, die das Kunstmuseum von Streit bekommen soll. Das reicht für die sechsjährige Forschertätigkeit aber nicht. Eine halbe Million Franken pro Jahr kostet die Stelle. Da die Erbschaft Gurlitts nach «der Tilgung der Verbindlichkeiten» einen Überschuss aufweisen werde, ermögliche bereits dies den Start der Forschungsstelle, legt Schäublin dar. Weitere potenzielle Geldgeber würden jedoch angegangen. Laut Schäublin gibt es «bereits ermutigende Gespräche».

Der Bund

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