Grosser Bahnhof für den deutschen Kaiser

Vom 3. bis zum 6. September 1912 besuchte der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Schweiz. Die Aufregung war gross, auch in Bern – die Schweiz schwankte vor hundert Jahren zwischen Bewunderung und Ablehnung.

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Der Extrazug erhielt von der SBB die Nummer 948, fahrplanmässige Ankunft in Bern um 14.30 Uhr am 6. September 1912, einem Freitagnachmittag. Bevor der luxuriöse blau-beige Hofzug des deutschen Kaisers in den Bahnhof Bern einfuhr, passierte er die sogenannte rote Brücke zwischen Lorraine und Bollwerk.

Blau und rot, das waren auch die Farben der einander gegenüberstehenden Truppen bei den Kaisermanövern in der Ostschweiz am 4. und 5. September. Nicht nur Landjäger und Soldaten säumten die Geleise, auf denen der damals mächtigste Mann Europas vorbeiratterte, sondern auch zahlreiche Schaulustige. Die Aufregung über den Besuch war gross: Das Bürgertum sowie die geistigen und wirtschaftlichen Eliten in der Deutschschweiz waren eher germanophil eingestellt. Man bewunderte die preussische Organisation und die deutsche Kultur. Weiter unten im Volk schätzte man wohl einfach den Rummel – und die Kinder waren auch zufrieden, denn sie hatten schulfrei.

«Bochisme» vertiefte den «Fossé»

Demgegenüber grassierte in der Romandie die Angst vor dem Deutschen Reich. Es bestanden Bedenken, der Bundesrat, aber auch das Offizierskorps würden sich zu sehr verneigen. Man nannte solche Anwandlungen verächtlich «Bochisme». Die Rede war von einem «Fossé», einem Graben, der erst später das Attribut «de rösti» erhielt. Zwei Jahre zuvor hatte der Besuch des französischen Präsidenten Armand Fallières weit weniger Aufsehen erregt.

Die Zahl der Deutschen in der Schweiz war beeindruckend, selbst nach heutigen Massstäben. Es gab Befürchtungen, der Einfluss sei zu stark geworden. Die Schweiz werde zum Juniorpartner der deutschen Wirtschaft herabgestuft und befinde sich im Schlepptau des preussischen Militarismus. 1910 lebten fast 220'000 Deutsche in der Schweiz, das waren 40 Prozent aller Ausländer. Zum Vergleich: Ende 2011 betrug die Zahl der Deutschen in der Schweiz rund 277'000. 1950 war diese Zahl auf 55'000 zurückgegangen.

Der «Löwe von Winterthur»

Nicht alle Deutschen in der Schweiz blickten dem Kaiserbesuch von September 1912 mit freudiger Erwartung entgegen. In der deutschen Kolonie gab es zahlreiche Genossen, die vom pompösen, nationalen Firlefanz, den der Kaiser um sich herum veranstaltete, eher abgestossen waren. Auf Schweizer Seite war Ludwig Forrer als Bundespräsident dazu bestimmt, den Gast zu empfangen und herumzuführen. Mit Zylinder und Tellenbart trat der im Volksmund als «Löwe von Winterthur» bekannte Forrer als freundlicher, aber selbstbewusster und überzeugter Demokrat auf. Er war zu einem Fixstern im Bundesrat geworden: Denn zwischen 1911 und 1912 wechselten innerhalb von nur 13 Monaten infolge von vier Todesfällen und einem Rücktritt fünf von sieben Mitgliedern.

Die Schweiz wollte die Freundschaft pflegen, aber gleichzeitig die Neutralität bewahren. «Die Schweiz kann und darf nie und nimmer ihre neutrale Stellung zugunsten der einen oder anderen Mächtegruppierung aufgeben», schrieb der «Bund» in einem Leitartikel am 3. September. Wilhelm II. sei als «Soldatenkaiser» verdächtigt worden, habe sich aber in seiner fast 25-jährigen Regierungszeit als «Friedenskaiser» bewährt. Die «Berner Woche» mahnte zu Bedächtigkeit. «Es ist nicht Bernerart, bei einem solchen Anlasse, die Backen aufzublasen und wichtig zu tun oder gar den Kopf zu verlieren.» Andernorts war die Bemerkung zu lesen, man solle dem Kaiser achtungsvoll begegnen, auch wenn er nicht demokratisch legitimiert sei.

Der «Bund» wiederum schrieb von Herzlichkeit, Freundschaft und Wärme, aber auch davon, dass das Schweizervolk «nichts anderes will, als seine verbriefte Unabhängigkeit im Bunde mit aufrichtiger Freundschaft mit den umwohnenden Mächten bewahren». Der Berliner Korrespondent analysierte kritisch, dass Wilhelms Selbstbewusstsein über «das gewöhnliche und berechtigte Mass» hinausgehe. Er sei «von Anfang an über Gebühr verwöhnt» worden.

«Gottgewollte Sendung»

Ein gewisse Vorsicht war am Platz. In Deutschland wurden auch etwa Stimmen laut, die ein gross-germanisches Reich unter Einschluss von Holland, Vlamland, der Schweiz und Österreich errichten wollten. «Ist Gefahr im Verzuge?», fragte deshalb der Autor in der «Berner Woche» unter dem Titel «Kaiser und Demokratie» am 14. 9., konnte aber selber keine Antwort geben: «Niemand kann genau sagen, warum uns der Souverain des mächtigsten Militärstaates besuchte.»

In einem anderen Beitrag sang die Publikation ein Loblied auf den Kaiser. «Ausserordentlicher Arbeitswille», «untrübbarer Optimismus» waren Stichworte. «Organisierung ist das Zauberwort, das Deutschland so mächtig gemacht hat», schrieb der Autor. Der Kaiser gebe sich leutselig und ungezwungen, glaube aber an «seine gottgewollte Sendung». Der Beitrag gipfelte im Fazit: «Die Vielseitigkeit Wilhelm II. grenzt ans Geniale.»

Bekannt ist die grosse Verehrung, die man in Schweizer Militärkreisen für den Kaiser hegte. Oberstkorpskommandant Ulrich Wille, Leiter der Kaisermanöver und im 1. Weltkrieg General der Schweizer Armee, war für seine unverhohlene Bewunderung Deutschlands bekannt. Seine Kritiker, die seine Ernennung zum General hatten verhindern wollen, warfen ihm unschweizerische Gesinnung vor. Unrecht hatten sie nicht, schrieb doch Wille nach Ausbruch des 1. Weltkriegs am 1. September 1914 an seine Frau, eine geborene Bismarck: «Mein ganzes Herz ist auf der Seite Deutschlands.»

Der Kaiser lud sich selber ein

Kaiser Wilhelm II. habe schon lange den Wunsch gehegt in die Schweiz zu kommen, berichteten die Zeitungen. Der «Bund» schrieb 1962, dass sich der Kaiser gar selber eingeladen habe. Zum Ausgleich wurden zu den Kaisermanövern bei Kirchberg und Wil im Kanton Sankt Gallen aber auch Offiziere und Vertreter anderer europäischer Mächte zugelassen. Die Schweiz bemühte sich, ihre bewaffnete Neutralität unter Beweis zu stellen. Die Militärausgaben waren in der Schweiz kräftig angehoben worden.

Die zahlreichen Pressevertreter aus Deutschland widmeten dem Milizheer der Schweiz in ihren Artikeln grosse Aufmerksamkeit. Die Spannungen zwischen den europäischen Mächten waren gestiegen, drei Stichworte dazu sind das Wettrüsten, der Krieg auf dem Balkan und die Marokko-Krise.

Die Schweizer Armee spielte in der deutschen Militärstrategie eine wichtige Rolle. Bei einem Angriff durch Belgien auf Frankreich, wie er geplant war und dann auch ausgeführt wurde, rechnete man damit, dass die Schweizer Armee die Grenze zu Frankreich besetzen und so, wiewohl neutral, für südlichen Flankenschutz sorgen werde. Es wäre sinnlos gewesen, die Rheingrenze zu besetzen, denn auch die Schweizer Armeeführung war sich im Klaren, dass der Angriff voraussichtlich im Norden erfolgen würde. Vor diesem Hintergrund dienten die Manöver wohl als Bestätigung der Strategie.

Kein Ausflug aufs Jungfraujoch

Es gab Kaisersouvenirs, Kaiserpostkarten, Kaiseranekdoten, Kaisermanöver, aber kein Kaiserwetter. Der September 1912 war einer der kältesten in der Schweiz, regnerisch, trüb, kalt, zum Teil wurde von Bodenfrost berichtet. Der Sommer war nicht viel besser gewesen. Der Grund dafür lag in Alaska, wo im Juni ein Vulkan ausgebrochen war, dessen Aschewolken die Temperaturen in den Keller sausen liessen. Möglicherweise hatte das Klima auch einen unheilvollen Einfluss auf die Gesundheit des Kaisers. Wegen Rheumatismusanfällen, wie es hiess, musste der Höhepunkt des Reiseprogramms, der Besuch im Berner Oberland, inklusive Fahrt mit der eben eröffneten Jungfraubahn auf das Jungfraujoch, abgesagt werden.

In Interlaken war bereits eifrig an einem Alpaufzug gewirkt worden, aber nicht ohne Polemik. Man befürchtete unschweizerischen Klamauk. Neben Trachtengruppen und Viehherden sollten auch Pfeifer und Trommler aus Basel, ein Berner Banner mit zwölf Mutzen in Kriegsrüstung und Armbrustschützen aus Thun sowie ein allegorischer Wagen mit der «Jungfrau» (begleitet von zwölf Töchtern!) vorüberziehen. Das Berner «Intelligenzblatt» sprach von «Ramschbazar» und verlangte einen einfachen, bodenständigen Umzug, ohne solch geschmacklose Entgleisungen. Deshalb hielt sich der Kaiser letztlich nur etwa sieben Stunden in der Bundesstadt auf.

Bern war mit Fahnen und Blumen festlich geschmückt. Im «Anzeiger» wurde darauf hingewiesen, man solle nur Schweizer Fahnen, Kantonsfahnen oder die Fahnen des Deutschen Reiches aufhängen, nicht aber Flaggen anderer Länder.

Wilhelm und die Berner Bären

Der Kaiser absolvierte in Bern ein gedrängtes Programm: Besuch des Münsters, des Bärengrabens, der deutschen Gesandtschaft beim Bierhübeli und anschliessend Diner und Abschiedsreden im Bernerhof. Beim Bärengraben kam es zu einem heiteren Vorfall, als auf einmal, trotz aller Sicherheitsmassnahmen und Absperrungen, «ein ganz richtiger Berner Gassenbub mit grauer Kappe» sich neben dem Kaiser ans Geländer drängte, wie der «Bund» schrieb. Wilhelm II. überreichte dem unbeeindruckten «Büebli» eines der «Rüebli», welche eigentlich für die Bären bestimmt waren. Ein Waadtländer Journalist berichtete demgegenüber, die Bären hätten die Karotten aus der Hand des Kaisers verschmäht.

Später im Bernerhof hielt der Kaiser in seiner Ansprache fest, er sei vom schweizerischen Wehrwesen beeindruckt: «Dass die jetzigen Eidgenossen, als tüchtige Soldaten in den Fussstapfen ihrer Vorfahren wandeln, hat meinem Soldatenherzen gut getan.» Wilhelm strich aber auch die engen Verbindungen im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich hervor.

Beziehungen zu Frankreich von grösster Wichtigkeit für die Schweiz

Auf der anderen Seite wählte Forrer verhältnismässig deutliche Worte: «Wir besitzen den bestimmten Vorsatz, unsere Unabhängigkeit gegenüber jedem Angriff zu schützen, und unsere Neutralität gegenüber jedem, der sie nicht respektiert, zu wahren.» Und den französischen Journalisten versicherte Bundespräsident Forrer, dass die Beziehungen zu Frankreich von grösster Wichtigkeit für die Schweiz seien. Auch ein «Depeschenwechsel» zwischen Bern und Paris habe am 7. September die guten Beziehungen der beiden Staaten unterstrichen, wusste der «Bund» zu berichten.

Noch am Freitagabend reiste der Kaiser mit seinem Gefolge ab. Kurz vor Murgenthal verliess der Zug den Kanton Bern. In der Nacht wurde die Bahnstrecke doppelt bewacht. Gemäss Fahrplan sollte die Durchfahrt bei Murgenthal um 22.54 abends erfolgen. Danach fuhr der Preusse via Schaffhausen nach Konstanz heim ins Reich. (Der Bund)

Erstellt: 01.09.2012, 19:39 Uhr

Kaisermano?ver bei Kirchberg SG

Im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen ist eine Sonderausstellung zu den Kaisermanövern in der Ostschweiz unter dem Titel «. . . der Kaiser kommt!» zu sehen. Am Wochenende vom 8. September findet auf dem Kaiserhügel in Kirchberg SG ein Gedenkanlass statt, mit Musik, Zeitbildern und Manöverfrühstück.

Das 3. Armeekorps führte im Raum Kirchberg-Wil am 4. und 5. September 1912 eine gross angelegte Truppenübung mit 24'000 Mann durch. Über 100'000 Schaulustige verfolgten das Geschehen. Mit Militär- und Alltagsgegenständen will das Museum «vielfältige, sinnliche Zugänge» bieten; präsentiert werden Objekte aus eigenen Beständen, aber auch Leihgaben aus der ganzen Schweiz. Spielzeugsoldaten, Uniformen, Manöverkarten, Presseausweise und weitere Objekte dokumentieren die Manöver und die übrigen Stationen des Kaiserbesuchs. Die Medien berichteten ausführlich über das Grossereignis. Für die «Schweizer Illustrierte Zeitung», die heutige «Schweizer Illustrierte», war der Besuch ein eigentlicher Glücksfall, die bebilderten Ausgaben waren jeweils im Handumdrehen ausverkauft. Auch Postkarten fanden reissenden Absatz.

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