Gemeinderat plante Luftschutzraum in Tropfsteinhöhle

An der Berner Museumsnacht lüftete das städtische Tiefbauamt ein altes Geheimnis.

Am Klösterlistutz hätte ein Luftschutzkeller gebaut werden sollen.

Am Klösterlistutz hätte ein Luftschutzkeller gebaut werden sollen. Bild: Franziska Scheidegger

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Sie ist ein Kleinod mitten in der Stadt Bern: die Tropfsteinhöhle am Klösterlistutz unterhalb der Nydeggbrücke. Einmal im Jahr – nämlich an der Berner Museumsnacht – öffnet das Tiefbauamt der Stadt Bern die unscheinbare Eisentüre am unteren Ende des Parkplatzes und lässt die Besucherinnen und Besucher in eine zauberhafte, leicht bizarre Welt eintauchen. Auch an der gestrigen Museumsnacht erfreute sich die einzige nicht private Tropfsteinhöhle auf Berner Boden grosser Beliebtheit. Bereits kurz nach 18 Uhr reichte die Warteschlange fast bis zur Mahogany Hall hinauf.

Zwar wussten die meisten Wartenden in etwa, was sie in der Höhle vorfinden würden. Doch bei der Frage, warum es mitten in Bern überhaupt einen Stollen mit einer Tropfsteinhöhle gibt, gerieten viele ins Grübeln. So wurde beispielsweise spekuliert, dass es sich um einen ausrangierten Abwasserschacht, ein ehemaliges Gefängnis oder aber um eine natürliche Höhle handle. Ein Besucher glaubte zu wissen, dass hier Bier gelagert wurde, «damals, als es noch keinen Kühlschrank gab».

Neue Dokumente aufgetaucht

Zwar liegen die Wartenden mit ihren Überlegungen nicht ganz richtig. Doch wer will es ihnen verübeln, sind doch erst kürzlich neue Dokumente aufgetaucht, welche die Geschichte der Tropfsteinhöhle vollumfänglich dokumentieren. Diese hat das Tiefbauamt gestern erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

Die Geschichte der Tropfsteinhöhle begann demnach im März 1944: Damals bewilligte der Berner Gemeinderat einen Kredit von 23 000 Franken für den Aushub eines rund 73 Meter langen Sondierstollens. Dieser sollte Klarheit darüber schaffen, ob im Hang am Aargauerstalden ein Luftschutzraum gebaut werden kann. Bereits drei Wochen nach dem Gemeinderatsentscheid wurde mit dem Aushub begonnen. Dieser verlief allerdings nicht ohne Komplikationen, wie aus dem technischen Bericht des Tiefbauamts hervorging. So sei immer wieder Schlamm in den Stollen eingedrungen, einmal stürzte gar ein Teil des Hangs ein. Und: Die Bauarbeiter stiessen nicht nur auf Molasse, sondern auch auf Spuren eines früheren Sandsteinbruchs, der beim Bau des Aargauerstaldens überschüttet worden war. Die Folge: Der Stollen kostete rund 48 500 Franken, gut doppelt so viel wie veranschlagt.

Ein «bombensicherer» Raum

Dennoch: Die Fachleute waren überzeugt, dass es möglich sei, einen Schutzraum zu bauen. Sie schlugen gar ein konkretes Projekt vor: Am Ende des Stollens sollte ein 25 Meter langer, 6,5 Meter breiter und 3,7 Meter hoher Schutzraum erstellt werden. Für die Wände schwebte den Experten Sandkalkstein vor, für das Gewölbe war Eisenbeton, für den Boden Beton vorgesehen. Im Vorraum hätten zudem eine Klimaanlage, Wasserleitungen und elektrische Leitungen eingebaut werden sollen. Zum Aargauerstalden hin wollten die Planer einen Notausgang erstellen. Der Schutzraum sei «als absolut bombensicher» einzustufen, wie dem Fachbericht zu entnehmen ist. Es stand gar zur Debatte, zwei weitere solche Schutzräume in den Hang zu bauen. Die Kosten für das Projekt wurden mit 157 000 Franken veranschlagt.

Doch es sollte gar nicht so weit kommen: Schon bald stellte sich heraus, dass der Stollen zu viel Wasser führte und der Hang für den Bau eines Luftschutzraums daher ungeeignet war. Doch damit nicht genug: Nicht einmal der Stollen selbst konnte als Lagerraum genutzt werden, da er zu feucht war. Anstatt viel Geld in eine teure Lüftung zu investieren, stellte der städtische Baudirektor dem Gemeinderat im Juni 1945 den Antrag, das Projekt zu kippen. Sein Vorschlag: «Der Stollen sei durch Zumauerung des Eingangs abzuschliessen.» Gesagt, getan: Der Stollen wurde mit einer unscheinbaren Eisentür verriegelt.

In den 1980ern wiederentdeckt

Mitte der 1980er-Jahre stiessen Mitarbeiter des Tiefbauamts beim Bau des Muri-Kanals wieder auf den Stollen. Was sie sahen, war einzigartig: Über die Jahre war kalkhaltiges Wasser durch den Sandstein in die Höhle gedrungen. In Verbindung mit Sauerstoff sind Kalkausblühungen in verschiedensten Formen gewachsen. Das Tiefbauamt beschloss, die Höhle zugänglich zu machen, und bietet seit rund 20 Jahren Führungen an. (Der Bund)

Erstellt: 17.03.2012, 11:01 Uhr

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