Fotoroman: Allerhand Glück und Benzin

Wie bringt man einen falschen Hodler ins Kunstmuseum Bern? Und wo bekommt man gratis einen Porsche? Der Fotoroman, den der «Kleine Bund» in zehn Folgen zeigt, ist unter erschwerten Bedingungen entstanden.

Totalausfall eines tragenden Requisits: Noch vor dem Bahnverlad in Kandersteg fängt der Porsche Feuer. (Manu Friederich)

Totalausfall eines tragenden Requisits: Noch vor dem Bahnverlad in Kandersteg fängt der Porsche Feuer. (Manu Friederich)

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«Ich kann nicht Auto fahren», sagt Urslé von Mathilde, «aber ich liebe Autos aus den Siebzigerjahren.» Bloss lieben die Autos sie vielleicht nicht so sehr. Der Schluss liegt nahe, nach dem, was die Berner Künstlerin zu erzählen hat über ihr neues Projekt, das sie mit dem früheren «Bund»-Fotografen Manu Friederich realisierte: den Fotoroman «Ein langer Weg zum grossen Glück», eine Art Roadmovie auf den 450 Kilometern zwischen Bern und Genua, für den ein ganzer Leihwagenpark zum Einsatz kam.

«Wir haben gejammert»

Der Alfa Spider der einen Heldin funktionierte tadellos, auch der Fiat und der Seitenwagentöff der zwei Ganoven. Doch dann gab der Ford Mustang den Geist auf, zwei Tage vor dem Einsatz für die andere Heldin. Ersatzwagen: ein Porsche. Und mit ihm kam die Equipe, statt zu den letzten Aufnahmen auf dem Simplon, nicht einmal über die Kantonsgrenze.

Irgendein Drähtchen, irgendeine blanke Stelle, und irgendwann wurde aus dem versteckten Defekt etwas Grosses: «Wir waren auf der Einfahrt zur Verladestation in Kandersteg», berichtet Friederich. «Plötzlich schiesst eine fröhliche Flamme hinter dem Lenkrad hoch.» Das nennt man wohl Pech in der Liebe. «Aber wir hatten Glück», sagt von Mathilde: «Zehn Minuten später wären wir im Tunnel gewesen.»

Der Wagen landete in einer Garage, die fünfköpfige Equipe abends an einer Bar in Bern – der Dreh war zu Ende, bevor er begonnen hatte. «Wir haben gejammert.» Ordentlich gejammert offenbar: Das Glück zeigte sich ein zweites Mal, nun in Gestalt eines Barbesuchers, der einen gutmütigen Porsche-Fahrer kannte. Zweiter Anlauf zum Simplon, diesmal ohne Brenzligkeiten in der Fahrgastzelle, aber mit ungemütlichen minus zehn Grad auf dem Pass. Es war schon Mitte Oktober 2009, mit fast einem Monat Verspätung war die letzte Szene im Kasten.

Mittlerweile hat die Fotoromanze ein Happyend gefunden, und noch bevor sie als Magazin erscheint, zeigt sie der «Kleine Bund» in einer Kurzfassung, in zehn Folgen jeden Samstag. Sie handelt von Herzschmerz und Sehnsucht, von übellaunigen Mannsbildern und rasanten Frauen, und Motor der ganzen Geschichte ist ein Bild von Ferdinand Hodler, «Eiger, Mönch und Jungfrau in der Morgensonne». Eine Auftragsdiebin namens Hüntschi behändigt es im Berner Kunstmuseum und will es im Kofferraum nach Italien schaffen, wird unterwegs aber selber bestohlen. Es braucht dann viel Glück und Benzin, bis das Werk bestellungsgemäss in Genua ankommt und die Diebin doch noch in den Armen einer Geliebten, die ihr das Schicksal auf den Beifahrersitz gezaubert hat.

Die Berge ans Meer

Kunstraub dritten Grades also. Für die Künstlerin und den Fotografen, die echte Schauplätze und keine Studioszenen wollten, hiess das: Bevor der Hodler aus dem Museum gestohlen werden konnte, musste er hinein. Sie bekamen eine Imitation gesponsert und durften nach «langem Hin und Her» (von Mathilde) vor Ort fotografieren. Nur der Hauptdarsteller musste draussen bleiben: Das Gemälde kam erst per Computer an die Wand im Hodlersaal. «Mir gefällt halt Hodler», sagt von Mathilde. «Zudem hatten wir Freude an der Idee, die Berge ans Meer zu verfrachten, weil jemand in Genua so scharf auf diesen Hodler sein soll. Die Italiener haben ja selber viel die grösseren klassischen Meister.»

An die Zollpapiere für die Fälschung hat sie glücklicherweise gedacht, und in Genua bereitete ein befreundeter Galerist das Terrain; auch auf dem berühmten Friedhof von Staglieno, wo der lärmige Showdown stattfand. Nur gegen die Fischer von Genau kam niemand an: Sie verwiesen die Schweizer hartnäckig ans Tourismusbüro. Darum fahren die Heldinnen nun am Schluss nicht auf einem Fischerboot, sondern auf einem grossen Fährschiff ins gemeinsame Glück.

Was aber treibt zwei ernsthafte Kulturschaffende in ein so dubioses Genre wie den Fotoroman? Der Fotograf hatte «Lust auf Schabernack», und die Künstlerin, die sonst mit Videos arbeitet, wollte «einmal etwas aus stehenden Bildern bauen». Ihre Vorbilder haben sie auf der wärmeren Seite der Alpen gefunden, an den Bahnhofskiosken. In Italien haben Fotoromane traditionell ein viel breiteres Publikum als hier, wo man ihnen höchstens in «Bravo»-Heften und Magazinen für pferdeverrückte Mädchen begegnet.

Den genretypischen Kitsch haben von Mathilde und Friederich mit Freude weitergetrieben – und ihn mit ihren eigenen Vorstellungen durchkreuzt. So bleiben in dieser Romanze die Frauen unter sich, und so stehen neben schmalzigen Zeilen aus einem Lied von Gianna Nannini Sätze wie der: «Hüntschi hat endlich die Träume der Nacht über die Schulter gehängt.» Oder der: «Die Zigaretten rauchten sich selbst.» Es ist so, wie die beiden es sagen: «Eine Geschichte für Menschen, die Kitsch mögen und auf die Kunst trotzdem nicht verzichten wollen.» (Der Bund)

Erstellt: 29.03.2010, 15:51 Uhr

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