«Es liegt nicht an mir, die Unterkunft auszuwählen»

Die Berner Asylunterkunft Hochfeld steht in der Kritik. Nun nimmt Zentrumsleiter Oliver Müller Stellung zur Kritik an seinem Betrieb.

Oliver Müller: «Viel Lärm, viel Bewegung, angenehme Atmosphäre.»

Oliver Müller: «Viel Lärm, viel Bewegung, angenehme Atmosphäre.» Bild: Thomas Reufer

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Er tritt leger auf, der Leiter der Asylunterkunft Hochfeld. Er trägt Flipflops, Shorts und ein kariertes Hemd, und als Erstes bietet er das Du an. Geduldig lässt er sich vom Fotografen ablichten. Doch dann will er nicht einfach reden, er will den Beweis antreten: Er will dem Journalisten zeigen, was Sache ist in der Zivilschutzanlage an der Hochfeldstrasse 44a in der Länggasse, in der momentan 138 Asylsuchende untergebracht sind.

Als Erstes führt Oliver Müller dafür in den Lagerraum: Seife, Rasierutensilien, Duschgel, Zahnpaste, Binden – alles ist da, gestapelt in grossen Mengen. Es mangle an Hygieneartikeln – das war einer der Punkte, die die Kritiker rund um das Bleiberecht-Kollektiv in den letzten Wochen angemahnt hatten. Auch Spielsachen stehen in den Regalen. Jene Stimmen, die in den Medien die komplette Absenz ebensolcher gerügt hatten, hätten sich geirrt oder nicht die Wahrheit gesagt, sagt der Zentrumsleiter – von Anbeginn an habe es Spielsachen gegeben, und die Kinder dürften auf dem Spielplatz der benachbarten Schule spielen.

Der Rundgang findet seine Fortsetzung im Aufenthaltsraum. Auf einem Anschlagbrett sind die Aktivitäten der Woche vermerkt. Mo: Ausflug ins Dählhölzli. Di: Fussball. Mo, Di, Do: Deutschunterricht. Fr: morgens Malkurs für die Kinder, nachmittags Ausflug in den Bärenpark. Den Bewohnern fehle es an einer Tagesstruktur – Oliver Müller kennt natürlich auch diesen Kritikpunkt.

Gutes «Altersheimessen»

36 Jahre ist Oliver Müller alt, im Aargauischen ist er geboren und aufgewachsen. Nach seinem Wirtschaftsstudium arbeitete er in Buenos Aires, für eine Entwicklungsbank, die Mikrokredite verleiht. Seit fünf Jahren nun ist er Zentrumsleiter für die Firma ORS, in Estavayer-le-Lac zuerst und seit Anfang Jahr in Bern. Er sei immer gern gereist, sagt Oliver Müller, in über 50 Ländern sei er bereits gewesen, andere Kulturen interessierten ihn, «die Art, wie sie essen, wie sie sprechen, wie sie leben». Deshalb sage ihm seine Stelle hier zu, und er komme jeden Tag gerne arbeiten, in dieses Zentrum, in dem es «viel Lärm» und «viel Bewegung» gebe und eine «gute Atmosphäre».

Im Moment, morgens um zehn, hält sich der Lärm noch in Grenzen. Oliver Müller zeigt die Küche, die zu klein ist, als dass die Bewohner darin selber kochen könnten. Das Essen wird in silbernen Behältern angeliefert. Es sei «Altersheimessen», sagt Oliver Müller, und es sei gutes Essen. Kein Schweinefleisch, nichts mit Alkohol Zubereitetes – darauf achte man. Müttern von kleinen Kindern kaufe man auch Babymilch, und für Familien lockere man hie und da das Regime etwas – sie könnten schon einmal in der Küche ein Brot backen. Einer der Bewohner ist gerade dabei, Brotlaibe in Scheiben zu schneiden – es ist einer von etwa 30 Jobs, mit denen sich die Asylsuchenden im Zentrum um die dreissig Franken pro Woche verdienen können.

Dann bittet Oliver Müller in eines der Zimmer mit 27 Betten. Der Grund: Eine ehrenamtliche Helferin hatte gesagt, das Licht in den Schlafzimmern schalte sich wegen eines Bewegungsmelders stets ein, wenn sich jemand bewege, was alle aufwecke. «Das ist Blödsinn», sagt Oliver Müller. Und während zwei Afrikaner neben ihren Pritschen die schlafsteifen Glieder recken, läuft der Leiter nun im Raum umher – kein Licht geht an.

Schelte gab es auch wegen der medizinischen Versorgung: Anfang Sommer waren einige Bewohner an Windpocken, besser bekannt unter «Spitze Blattern», erkrankt. Obwohl die Ansteckung mit dieser Krankheit gerade für schwangere Frauen gefährlich ist, seien die Erkrankten nicht getrennt untergebracht worden, hiess es. «Als sich die erste Person mit diesen Symptomen gemeldet hat, habe ich sofort eine Konsultation im Insel-Notfall angeordnet», sagt Oliver Müller. Die beiden schwangeren Frauen, die damals im Zentrum wohnten, habe man gleich auf die Infektiologie geschickt – beide hätten allerdings bereits Antikörper in sich getragen und seien deshalb nicht gefährdet gewesen. Darauf richtete man dennoch ein Isolationszimmer ein – in diesem schläft momentan ein Mann, der an Krätze leidet.

«Ich lese es und finde es schade»

Oliver Müller vermittelt den Eindruck, als wäre er eigentlich recht zufrieden damit, wie es läuft in «seiner» Unterkunft – wären da nicht jene, die immer wieder kritisieren, was alles schieflaufe hier. Die Akzeptanz fürs Zentrum im Quartier sei gross, sein Team setze sich ein, er setze sich ein, auch die Asylbewerber setzten sich ein, sagt er. Da sei es «sehr frustrierend, Dinge in den Zeitungen zu lesen, die nicht den Tatsachen entsprechen». Aber es liege nicht an ihm, falsche Behauptungen möglichst umgehend richtigzustellen. Er sei für die Betreuung angestellt. «Ich lese es, ich nehme es zur Kenntnis, und ich finde es schade.»

Am meisten Wirbel habe es in letzter Zeit dann gegeben, wenn von aussen Unruhe geschürt worden sei. Vor zwei Wochen wurde Oliver Müller von den Aktivisten kritisiert, weil er die Polizei gerufen habe, als Bewohner ihre Matratzen nach draussen hatten schleifen wollen, um zu protestieren. Das stimme nicht, sagt er nun, er habe die Polizei deshalb gerufen, «weil etwa 20 Aktivisten versuchten, ins Zentrum zu gelangen, und wir den Auftrag hatten, dies nicht zuzulassen». Sich jemandem physisch in den Weg zu stellen, sei nicht Aufgabe der Betreuer. «Deshalb haben wir die Polizei gerufen.»

Aus seiner Sicht vertretbar

Mittlerweile sind wir vor dem Zentrumseingang angelangt, wo ein paar Holztische stehen und Topfpflanzen. Bewohner betränken sich nachts draussen vor dem Eingang, hatten die Kritiker moniert. Die Bewohner seien erwachsene, mündige Menschen, und er könne und wolle ihnen nicht verbieten, Alkohol zu trinken, sagt Oliver Müller. «Und würden wir Alkohol wie im Innern des Zentrums auch hier verbieten, würden sie einfach im Quartier trinken.»

Klar, das Zivilschutzzentrum sei weniger geeignet für die Beherbergung von Asylsuchenden als eine oberirdische Anlage, sagt Oliver Müller schliesslich, als er davor sitzt. «Aber es liegt nicht an mir, die Unterkunft auszuwählen.» Und er sagt auch: «Aus meiner Sicht ist es vertretbar, Asylsuchende für eine gewisse Zeit hier unterzubringen.» (Der Bund)

Erstellt: 31.07.2012, 10:05 Uhr

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