«Es ist so düster»

Am Freitag sind die ersten 16 Asylbewerber in der Zivilschutzanlage Hochfeld im Länggassquartier angekommen. Weder der alleinerziehenden syrischen Mutter noch dem Lastwagenfahrer aus Burundi fällt die Vorstellung leicht, hier zu leben.

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Im Fernsehen läuft Kika, der Kinderkanal. Ein paar Personen fläzen sich im Ledersofa, aber niemand scheint wirklich interessiert daran, was im Fernsehen geschieht. Sie verstehen nicht, wovon der Kinderfilm handelt. Sie sprechen kein Deutsch.

Sechzehn Personen sind gestern in Bern angekommen. Eine Frau mit drei Söhnen aus Syrien, eine Familie aus Mazedonien, eine Tibeterin, drei Tunesier, ein Libyer, zwei Nigerianer, ein Mann aus Burundi. In einem der Empfangszentren des Bundes waren sie zuletzt, und nun sind sie hier, unter Tage, in ihrer neuen, vorübergehenden Bleibe an der Hochfeldstrasse 44a im Länggassequartier. Die Stadt musste die Zivischutzanlage – wie schon vor drei Jahren – öffnen, weil der Kanton nicht mehr alle Asylbewerber oberirdisch unterbringen kann. Voraussichtlich sechs Monate lang soll das Zentrum betrieben werden. Die Lokalität sei «nicht ideal», sagt der Kantonale Migrationsdienst, aber die ausserordentliche Situation mache die Inbetriebnahme nötig – 20 bis 30 neue Asylsuchende werden dem Kanton Bern zurzeit täglich zugewiesen.

Die Betreiber haben sich Mühe gegeben, ein klein bisschen Wohnlichkeit zu schaffen. Blumen stehen auf den Tischen, ein Tischfussballkasten und ein Billardtisch im Raum. Aber damit der Tristesse beizukommen, die von den schweren Stahltüren und dem schwarzen Linoleumboden ausgeht, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Niemand hat Lust, eine Partie Tischfussball zu spielen oder Billard.

«Ist das ein Platz für Menschen?»

Oliver Müller, der Leiter des Zentrums, erklärt den Ankömmlingen die Hausregeln, geduldig, auf Deutsch, auf Französisch, auf Englisch. Morgenessen zwischen halb sieben und acht Uhr. Nein, gekocht werden kann nicht. Eine Firma liefert das Essen an, in Steamern wird es aufgewärmt. Jeder kriegt eine Zahnbürste in die Hand gedrückt, und «bitte», sagt Oliver Müller, «lauft nicht über das Schulgelände, wenn ihr geht oder kommt». Die Männer hören zu und begeben sich gleich wieder nach draussen, um sich bei einer Zigarette mit dem Gedanken zu arrangieren, dass das hier ihr Zuhause ist für die nächsten Wochen oder Monate. Die mazedonische Frau weint. Sie hat angenommen, ihr Mann, die beiden Söhne und sie selbst bekämen ein eigenes Zimmer. Aber kleine Zimmer gibt es nicht. Nur drei Räume mit je 27 Pritschen.

Die Anlage wirkt nicht nur kalt. Es ist auch wirklich kalt hier. Die Heizung sei aufgedreht, versichert Oliver Müller einer syrischen Frau, bald werde es wärmer. Sie ist mit ihren drei Söhnen da, zwei, sieben und neun Jahre sind sie alt. Die Mutter ist den Tränen nahe. «Ist das hier ein Platz für Menschen?», fragt sie und sagt, sie möchte zurück nach Vallorbe, ins Empfangszentrum. Hier gebe es kein Licht und kaum Luft, für sie sei das noch zu ertragen, «aber für Kinder», sagt sie, schüttelt den Kopf und senkt ihn dann und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen. Sie bittet um die Adresse des Roten Kreuzes oder von sonst irgendwem, der sie wegbringen kann von hier.

Es sei so düster, sagt auch der 21 Jahre alte kräftige Mann aus Lagos, Nigeria. Er möchte hier Informatik studieren, wie er es in Nigeria zu tun gedacht habe, bevor er sich einer Gruppe anschloss, die «schlimme Dinge gemacht» habe. Drei Familienmitglieder seien umgekommen deswegen, und er sei schuld daran, sagt er. Er möchte nicht darüber sprechen, «das macht mich traurig». Er wolle jetzt versuchen, «mit all dem klarzukommen», sich hier zurechtzufinden, aber das sei nicht leicht. Schon im Empfangszentrum habe er kaum schlafen können, mit 15 anderen Personen im Zimmer, und hier, mit 26, werde es kaum besser. «Aber welche Alternativen habe ich schon? Keine.»

Für 6000 Dollar in die Schweiz

An der Wand im Aufenthaltsraum hängen Bilder von Bern – «Capital Impressions». Unter einem sitzt ein 38-jähriger Mann. Von der Stadt Bern hat er noch nichts gesehen. Er ist mit dem Zug nach Bern gekommen, ging beim Migrationsdienst vorbei und kam dann direkt hierher. Einen Monat ist es her, dass er in die Schweiz gekommen ist, auch er war bis heute im Empfangszentrum Vallorbe. Ihn hat beeindruckt, was er gesehen hat, aus dem Zugfenster heraus. Von dicken Kühen und grossen Pferden und wunderschönen Bergen erzählt er. Nur sei ihm hier die ganze Zeit kalt.

In seiner Heimat Burundi war der Mann Lastwagenfahrer. Und er ist schwul. Es sei komisch für ihn, darüber zu sprechen, sagt er. Homosexualität wird in seiner Heimat mit bis zu drei Jahren Haft bestraft. Sein Cousin – wie er homosexuell – sei im letzten Sommer umgekommen. Sein Cousin wurde ermordet, ist er überzeugt. Als er eine Autopsie verlangt habe, sei er selbst auf den Radar der Polizei gekommen. Eines Abends, als er aus einer Bar gekommen sei, hätten ihn fünf Polizisten verfolgt und geschlagen. Er sei entkommen, am nächsten Tag nach Ruanda gereist und am Tag darauf über Belgien in die Schweiz. Über 6000 Dollar habe ihn die Reise gekostet.

Er macht sich Sorgen um seine beiden Schwestern, die nun ohne seinen Lohn klarkommen müssen. Hier in der Schweiz wünsche er sich «erst einmal Schutz», und dann möchte er arbeiten, irgendwas, «älteren Menschen helfen» zum Beispiel. Erst einmal wird er nur hier im Zentrum arbeiten können, Toiletten putzen, bei der Essensausgabe helfen oder abwaschen. Er werde oft in die Kirche gehen, sagt er, er sei ein gläubiger Mann. Und er will die Berner kennen lernen. «Wie sagt man ‹Hallo› auf Deutsch», möchte er wissen. (Der Bund)

Erstellt: 07.01.2012, 10:59 Uhr

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