«Es ist klar, dass jeder Fall einer zu viel ist»

Martin Kraemer, Vorsteher des Amts für Freiheitsentzug und Betreuung, spricht im Interview über den Untersuchungsbericht über den Berner Strafvollzug.

Martin Kraemer: «Es wird nie hundertprozentig abschätzbar sein, wie sich ein Insasse wirklich entwickelt – ob unsere therapeutischen Settings greifen oder nicht.» (Adrian Moser)

Martin Kraemer: «Es wird nie hundertprozentig abschätzbar sein, wie sich ein Insasse wirklich entwickelt – ob unsere therapeutischen Settings greifen oder nicht.» (Adrian Moser)

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Martin Kraemer, der Untersuchungsbericht über den bernischen Straf- und Massnahmenvollzug erteilt Ihnen und Ihren 900 Mitarbeitenden gute Noten, setzt aber auch Fragezeichen. Zufrieden?
Ja. Nach Vorwürfen in den Medien gegen Witzwil und St. Johannsen und entsprechenden Vorstössen im Grossen Rat («Hat der Kanton seinen Straf- und Massnahmenvollzug im Griff?») bin ich froh, dass unsere Arbeit von einer unabhängigen Instanz nun grundsätzlich positiv beurteilt wird. Unsere Mitarbeitenden verdienen es, dass ihnen der Rücken gestärkt wird.

Es gibt aber auch Kritik. Der Experte erkennt zwar «kein alarmierendes Bild in Bezug auf die Gewährleistung von Sicherheit», erinnert aber – allein in St. Johannsen – an fünf Rückfälle mit schweren Delikten zwischen 2000 und 2010.
Es ist klar, dass jeder dieser Fälle einer zu viel ist. Und wir wissen auch, dass sich jeder bedauerliche Einzelfall für gewisse Medien ausgezeichnet eignet, effekthascherisch präsentiert zu werden. Eine hundertprozentige Sicherheit ist aber nicht zu gewährleisten, wenn man im prognostischen Bereich tätig ist. Die fünf genannten Fälle verpflichten uns jedoch, noch genauer hinzuschauen – Einzelfälle also nicht einfach ad acta zu legen, sondern intensiver zu analysieren, mit dem Ziel, solche Fälle möglichst zu vermeiden.

Um das Risiko von Fehleinschätzungen zu minimieren, empfiehlt der Experte, die Kompetenzordnung in Bezug auf Vollzugslockerungsschritte sei zu überprüfen.
Ja. Doch das Abwägen zwischen Sicherheit und der Vorbereitung eines Insassen auf das Leben nach dem Vollzug ist und bleibt eine Gratwanderung. Es wird nie hundertprozentig abschätzbar sein, wie sich ein Insasse wirklich entwickelt – ob unsere therapeutischen Settings greifen oder nicht.

Der Experte stellt fest, die personellen Ressourcen für Therapie und Sicherheit seien nicht ausreichend.
Das stimmt. Ich bin mir aber bewusst, dass es nicht einfach sein wird, zusätzliche Mittel zu erhalten. Regierungsrat Hans-Jürg Käser setzt sich auf politischer Ebene aber engagiert dafür ein.

Speziell ist, dass die Insassen des Massnahmenzentrums St. Johannsen im Gegensatz zu allen anderen Anstalten nicht vom Forensisch-Psychiatrischen Dienst der Universität Bern betreut werden, sondern von einem eigenen Therapie-Team. Der Experte spricht von «Isoliertheit».
Ich stehe zur jetzigen Sonderlösung. Sie ist historisch zu erklären. Wir haben seinerzeit einen eigenen Dienst aufgebaut, weil wir damals vor allem im Massnahmenzentrum St. Johannsen vom Forensisch-Psychiatrischen Dienst schlecht bedient wurden.

Was ist für Sie im 83-seitigen Untersuchungsbericht sonst zentral?
Natürlich die Empfehlung, die Führungsstruktur zu überprüfen. Es stimmt, dass es für mich schwierig ist, allen meinen 15 direkt unterstellten Organisationseinheiten stets gerecht zu werden. Ich werde auch verlangen, dass St. Johannsen künftig vermehrt auf Aussensicht achtet und nicht eine Art Insel im Vollzug ist. Das Ziel muss sein, Fehleinschätzungen zu verhindern. Jede kleine Unachtsamkeit, jede Fehleinschätzung, kann gravierende Folgen haben.

Der offene Vollzug nach dem Grundsatz «so viel Sicherheit wie nötig, so wenig Freiheitsbeschränkung wie möglich» ist nicht infrage gestellt?
Nein, der offene Vollzug ist unabdingbar. Sonst kämen die Insassen nach der Strafverbüssung vom geschlossenen Vollzug direkt in die Freiheit. Das wäre ein zu grosser Schritt. (Der Bund)

Erstellt: 18.02.2011, 08:03 Uhr

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