«Es gibt keine hoffnungslosen Fälle»

Mit ständig wechselnden Bezugspersonen in der Schule und zu Hause könnten Kinder kaum tragfähige Beziehungen aufbauen, sagt Hansruedi Brünggel. Nach 40 Jahren als Erziehungsberater geht er in Pension.

«Die Arbeitswelt fordert immer perfektere Schulabgänger», sagt Hansruedi Brünggel.

«Die Arbeitswelt fordert immer perfektere Schulabgänger», sagt Hansruedi Brünggel.

(Bild: Adrian Moser)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Als Erziehungsberater hatten Sie 40 Jahre lang mit schwierigen Kindern und problematischen Familiensituationen zu tun. Haben Sie nie an der Gesellschaft gezweifelt?

Nein, dieser Job ist nicht einfach nur belastend. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist immer mit Hoffnung verbunden. Oft wurde diese Hoffnung auch erfüllt. Es hat sich in all den Jahren aber sehr viel verändert.

Was zum Beispiel?

Die Gesellschaft ist sehr vielfältig geworden. Ich musste etwa lernen, wie Erziehung in afrikanischen Kulturen funktioniert. Nach dem Zusammenbruch der DDR habe ich zudem erlebt, welch verheerende Auswirkungen die kollektiv-kommunistische Erziehung im Osten auf die Kinder hatte. Der Staat entfremdete die Kinder den Eltern systematisch und störte so ihre Beziehungsfähigkeit massiv. Daraus lässt sich viel für unsere Gesellschaft lernen.

Das müssen Sie erklären.

Das Bildungssystem muss zwar mit Reformen immer wieder den gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst werden. Letztlich entscheidend sind jedoch die Persönlichkeiten, die in diesem System arbeiten. Sie erhalten es lebendig und versorgen es mit Sauerstoff.

Sie haben einmal gesagt, die Beziehungsfähigkeit von Lehrpersonen sei letztlich wichtiger als deren didaktische Fähigkeiten.

Ja, es braucht Personen, die Interesse an den Kindern, Eltern und ihren Kulturen haben. Das ist die Grundvoraussetzung für eine gute Lehrkraft. Eine Lehrkraft, die zu den Kindern keine intensive Beziehung aufbauen kann, hat den falschen Beruf gewählt.

Wie sieht es diesbezüglich in der heutigen Lehrerbildung aus?

Heute erfordern sehr viele Berufe, die direkt mit Menschen zu tun haben, ein Hochschulstudium. Das Problem ist aber, dass die öffentliche Schule kaum Möglichkeiten hat zu steuern, wer Lehrer oder Lehrerin wird. Die Berufseignung sollte vor und während des Studiums genau abgeklärt werden.

In Zeiten des Lehrermangels ist das kaum möglich.

Ja, es gibt aber noch ein anderes Problem. Wir haben heute Schülerinnen und Schüler, die werden schon in der ersten Klasse von sechs oder sogar mehr verschiedenen Lehrpersonen unterrichtet. Die Feminisierung des Lehrerberufs hat zu sehr vielen Teilzeitpensen geführt. Meine Vorstellung wäre, dass zwei Lehrkräfte die Verantwortung tragen.

Welche Auswirkungen hat die heutige Situation?

Zwischen den Lehrkräften und den Kindern können teilweise kaum mehr tragfähige Beziehungen aufgebaut werden. Dann ist gerade bei schwierigen Kindern der Koordinationsaufwand zwischen den Beteiligten enorm. Wer schaut zum Beispiel bei einem Buben mit einem Aufmerksamkeitsdefizit, dass er seine Aufgaben sauber erledigt? Es gibt viele Kinder, bei denen in der Schule viel Erziehungsarbeit geleistet werden muss.

Viele Lehrkräfte wollen sich jedoch auf ihr «Kerngeschäft» konzentrieren und nicht erziehen.

Die Schule hat zwei Aufträge: Bildung und Erziehung. Wenn sich Lehrkräfte von der Erziehung verabschieden, bleibt die Schule für die Kinder ein fremder Raum. Es braucht Nähe und Verbindlichkeit zwischen Lehrern und Schülern.

Probleme mit Schülern werden schnell an Fachstellen delegiert, die dann eine Therapie verordnen.

Eine Delegation funktioniert selten. Lösungen können nur gefunden werden, wenn Eltern, Schüler, Lehrer und zum Beispiel wir als Erziehungsberatung eng zusammenarbeiten. Dazu ist der grösste Teil der Lehrerschaft auch bereit.

Neben all den anderen Aufgaben, die in letzter Zeit zusätzlich auf die Lehrerschaft zugekommen sind?

Ja, gerade Klassen mit sehr vielen Fremdsprachigen zu unterrichten, bedeutet einen grossen Zusatzaufwand. Vielen Eltern müssen die Lehrkräfte von Grund auf erklären, wie das Schulsystem funktioniert. In Gemeinden wie Ostermundigen oder Ittigen müssen sie bereit sein, eine sehr vielfältige Elternarbeit zu leisten und die Beziehung zu den Eltern intensiv zu pflegen. Es nützt manchmal wenig, ihnen immer mehr Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen zur Seite zu stellen. Wahrscheinlich müsste man die Lehrkräfte für diese schwierige Arbeit aber besser entlöhnen.

Heute steht für jedes Elterngespräch bei Bedarf ein Übersetzer bereit. Kann man es den ausländischen Eltern auch zu einfach machen?

Ich bin der Meinung, dass fremdsprachige Eltern Deutsch lernen müssen. Das tun sie aber oft nicht von sich aus. In diesem Fall muss die Öffentlichkeit dafür sorgen, dass zumindest die nächste Generation die hiesige Sprache gut lernt. Wie in Basel obligatorisch müssten auch bei uns fremdsprachige Kinder vor dem Eintritt in den Kindergarten bereits Deutsch lernen.

Mit einem Obligatorium bevormundet man aber die Eltern.

Die Eltern – und zwar nicht nur die Mütter – sind die wichtigsten Personen, die sich um ihre Kinder kümmern müssen. Hier entwickelt sich die Bindungsfähigkeit und die soziale Kompetenz. Der Staat müsste nun für Rahmenbedingungen sorgen, damit die Eltern ihre Erziehungsarbeit möglichst gut wahrnehmen können. Damit sind wir in der Schweiz weit hintennach.

Gibt es das Phänomen der Wohlstandsverwahrlosung?

Ja, es gibt Eltern, die ihren Kindern das Gefühl geben, dass alles ganz leicht erreichbar ist. Dabei besteht das Leben zu einem grossen Teil aus Verzicht. Eltern mit wenig Geld haben erzieherisch bessere Argumente, um ihre Kinder nicht zu stark zu verwöhnen. Wenn das Geld gar nicht vorhanden ist, gibt es auch keine Diskussion. Verwöhnung macht die Kinder nicht fit für das Leben.

Fällt es den Eltern zunehmend schwer, Nein zu sagen?

Schwierig für junge Eltern ist sicher, dass die Erziehungsnormen stark individualisiert wurden. Hinzu kommt, dass sie sich heute verstärkt um Karriere und Familie gleichzeitig kümmern müssen. Die Anforderungen sind gestiegen, gleichzeitig ist eine Entwertung der Elternschaft feststellbar. Solange sich die Väter nicht stärker in der Familie engagieren, haben es Eltern heute schwerer.

Mütter arbeiten mehr, Väter nicht weniger. Leiden Kinder darunter?

Ja, ich hatte schon den Fall eines Fünfjährigen, der aufgehört hatte, Bindungen zu immer wechselnden Betreuungspersonen zu entwickeln, und deswegen in eine Depression fiel. Die Eltern gingen beide ihrem Beruf nach, und das Familienleben beschränkte sich auf die Wochenenden.

Stehen die Kinder heute unter höherem Leistungsdruck?

Die Arbeitswelt fordert immer perfektere Schulabgänger. Das bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Schule. Eltern haben Angst um die Zukunft ihrer Kinder, wenn sie in der Schule nur mittelmässig oder schwach sind. Es ist weniger die Schule als vielmehr die Eltern und die Wirtschaft, die Druck machen.

Als Reaktion darauf wird immer schneller Ritalin verschrieben.

Bei den Eltern gibt es gegenläufige Entwicklungen. Ein Teil ist Medikamenten gegenüber sehr kritisch eingestellt, andere verlangen geradezu eine Verschreibung. Mit schwer hyperaktiven Kindern oder solchen mit schweren Aufmerksamkeits- oder Konzentrationsstörungen hätten wir ohne Ritalin grössere Probleme. Daher macht der Einsatz sicher Sinn. Man muss aber sehr vorsichtig sein, denn das Medikament kann wirklich Charaktere verändern. Einem temperamentvollen Kind ohne weitere Symptome darf man sicher kein Ritalin verschreiben. Das Medikament darf erst eingesetzt werden, wenn alle pädagogischen Massnahmen versagen.

Haben Sie bei Ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auch hoffnungslose Fälle angetroffen?

Nein, es gibt keine hoffnungslosen Fälle. Es gab aber Kinder, bei denen ich mich gefragt habe, wann sich endlich etwas ändert. Es ist eine Frage der Geduld.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...