«Es geht uns nicht nur um unsere Zukunft, sondern auch um die der Patienten»

Falle die stationäre Abteilung der Psychosomatik am Loryspital weg, fehle ein Behandlungsort für schwer Essgestörte, sagt ein Lory-Arzt. Bis jetzt wurden dort auch lebensgefährdete Magersüchtige behandelt.

Das Lory-Haus des Inselspitals war bisher eine der wenigen Kliniken für Schwerstmagersüchtige.

Das Lory-Haus des Inselspitals war bisher eine der wenigen Kliniken für Schwerstmagersüchtige.

(Bild: Thomas Reufer)

Matthias Raaflaub

Weiterhin ist nicht klar, wie die Zukunft der Psychosomatik am Berner Inselspital aussieht. Nach der Kündigung des Chefarztes Roland von Känel beschloss die Spitalleitung Anfang September, die stationäre Abteilung zu schliessen – im ersten oder zweiten Quartal 2014. Dieses Angebot ist bisher für einige Patientengruppen besonders wichtig: chronische Schmerzpatienten etwa, aber auch schwerkranke Magersüchtige. Wie von der Station zu erfahren ist, hat die Psychosomatik am Inselspital bisher neun bis zwölf Patientinnen pro Jahr aufgenommen, die wegen ihrer Magersucht lebensgefährlich bedroht sind. Meist sind es junge Frauen. Eine Alternative gibt es für sie ohne das Angebot am Inselspital praktisch nicht mehr.

«Zur Behandlung und Therapie dieser Patienten braucht es ein sehr kompetentes und erfahrenes Team», sagt ein Lory-Arzt, der anonym bleiben will, weil er eigentlich keine Auskunft geben dürfte. Er weiss, dass die Abteilung ab sofort keine solchen Patienten mehr aufnehmen kann. «Wo diese vital gefährdeten Personen sonst versorgt werden sollen, weiss ich nicht.»

Überlebenswichtige Therapien

Essstörungen gehören zu den Bereichen, welche meist an einer psychosomatischen Abteilung behandelt werden. Sie verlangen sowohl medizinische Expertise als auch eine auf die meist in der Psyche liegenden Gründe der Krankheit ausgerichtete Therapie. Die Behandlung der Patienten sei extrem anspruchsvoll, sagt der Arzt. Mit dem Wegfall eines stationären Angebots sei eine Weiterführung der Therapie von schwer erkrankten Magersüchtigen nicht mehr möglich. Auch ein tagesklinisches oder ambulantes Angebot, wo die Patienten während des Tages behandelt werden können, aber nicht über längere Zeit untergebracht werden können, würde dies nicht mehr ermöglichen, so die Auskunftsperson weiter. Die schwer Magersüchtigen bedürfen sehr langer Therapien. Schon die stationären Therapien dauern häufig länger als drei Monate.

Die Patientinnen wehren sich oft gegen eine Behandlung. Obwohl sie sich in Lebensgefahr brächten, glaubten sie nicht, dass sie sterben könnten, erklärt der Lory-Arzt. Die Suchtdynamik der Krankheit erfordere daher zum einen Massnahmen, um fürs Überleben notwendige Kalorien zuzuführen, zum anderen auch eine lange Therapie. «Einen sehr kontrollierten Nahrungsaufbau und eine schwierige Stoffwechselüberwachung, da massive Komplikationen auftreten können», sagt der Experte. Daher brauche es spezialisierte Kliniken.

«Es gibt eine Schwelle»

Solche gäbe es in Bern nach dem Wegfall der psychosomatischen Bettenabteilung nur für Jugendliche. Patienten und Patientinnen bis 16 Jahre werden in Bern auch weiterhin an der Kinderklinik behandelt.

Daniel Marti, Ärztlicher Leiter der psychosomatischen Therapiestation am Kinderspital Zürich, bestätigt, dass ein ambulantes oder tagesklinisches Angebot bei der Behandlung von schweren Essstörungen nicht überall genügt. «Es gibt eine Schwelle, wo man Patientinnen mit schweren Essstörungen hospitalisieren muss. Zum einen, um zu verhindern, dass sie sich wirklich zu Tode hungern, zum andern, um schwerstwiegende Komplikationen zu verhindern.» Ausserdem, so Marti, sei die Krankheit auch für Eltern eine grosse Belastung. Eine Hospitalisierung könne diese erleichtern.

Mehr Überweisungen in die Psychiatrie

An den Universitären Psychiatrischen Diensten (UPD) in Bern erwartet der Chefarzt Sebastian Walther, dass bei einer Schliessung des psychosomatischen stationären Angebots am Inselspital Essstörungen generell auch öfter in der Psychiatrie behandelt werden. Bei Patienten mit Störungen, die sowohl psychiatrischer wie auch körperlicher Behandlung bedürfen, bestehe bereits eine enge Zusammenarbeit zwischen UPD und Insel. Dass essgestörte Patienten mittlerweile öfter in der Psychiatrie behandelt werden, hat laut Walther auch mit den Kosten zu tun. Die anspruchsvolle und zeitintensive stationäre Psychotherapie werde im Spitalbett nicht ausreichend vergütet.

In der Psychiatrie gelten anders als im übrigen Spitalwesen keine Fallpauschalen. Die Krankenkassen und der Kanton bezahlen noch pro Pflegetag.Der Arzt von der Insel-Psychosomatik sagt aber klar: «Gewisse Fälle können Sie nicht nur mit Therapeuten oder in der Psychiatrie behandeln. Da braucht es auch die Medizin.» Die Ärzte warten weiterhin auf ein schlüssiges Konzept der Spitalleitung, um zu wissen, wie sie künftig arbeiten können. «Es geht uns nicht nur um die eigene Zukunft, sondern eben auch um jene der Patienten.»

Der Bund

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