Theater

Endlich ungeniert gaffen

Kitzliger Abschied von der alten Ära im Schauspiel: Das Stadttheater macht die Stadt zur Bühne – und steckt die Zuschauer in ein Schaufenster.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es dauert nicht lange, dann grölt einer: Ob man die kaufen könne. Er meint uns – wir sind die Auslage. Andere machen Fotos mit dem Handy. Aber zwischen drinnen und draussen gibt es die Scheibe, zudem ist die Beleuchtung aus, und darum wird es bei weitem nicht so ungemütlich, wie man es sich hätte ausmalen können nach der Androhung des Regisseurs, er werde das Publikum auf den «Präsentierteller» setzen. Wobei man hier ja wirklich ausgestellt im Schaufenster vom Loeb an der Spitalgasse sitzt. Aufgereiht wie die Hühner, sagt der Mann nebenan.

Es sind sechzig Hühner, alle tragen einen Kopfhörer, und die Hühnerstange besteht aus einer langen Reihe von Stühlen. Die Situation ist kitzlig; auch für die Passanten, die sich nichts Besonderes denken in ihrem Passantentum und sich plötzlich ertappt und sechzigfach aus nächster Nähe beobachtet sehen. Grosse Augen machen die meisten, manche haben Spass, manche einen rechten Schrecken. Und manche treten heran, um sich die Sensation genauer anzusehen.Der Originalitätspreis an der Premiere vom Samstag ginge an jenen Schwarzen, der vor dem Schaufenster spontan ein Gospelsolo hinlegt (hinreissend); zudem an das Teeniemädchenrudel, das kreischend Reissaus nimmt. Der Gang durch die Laube ist offensichtlich zu einer Mutprobe geworden, und weitaus nicht alle schaffen die ganze Länge. Auch wenn es der Anstand sonst verbietet – hier kann man es ausprobieren: Wer hält es länger aus, wenn sich die Blicke Unbekannter treffen? So tun, als ob nichts dabei wäre, geht nicht, und hier drinnen ist man besser dran als draussen. Endlich hemmungslos gaffen!

Einen Schritt weiter

Bernhard Mikeska heisst der Theaterregisseur, der einem das für eine Dreiviertelstunde möglich macht. Seit einiger Zeit hat er sich darauf verlegt, die Grenze zwischen Publikum und Bühne zum Verschwinden zu bringen; wobei seine Stücke eben darum keine Stücke sind, sondern fast schon soziale Plastiken oder jedenfalls Installationen, die gleichermassen aus den Schauspielern wie aus den Zuschauern bestehen. So holte er in Bern schon vor fünf Jahren das Publikum auf die Bühne und machte es zu Detektiven mitten im Geschehen. Das war «Rashomon» im Tojo, und ganz ähnlich war es dann mit Mikeskas «Letzten Tagen» im Stadttheater vor zwei Jahren.

Aber das hier geht einen aufregenden Schritt weiter. Auch «Augen: Blicke» verschiebt die Tribüne auf die Bühne – zudem wird aber die ganze Versuchsanordnung aus dem Theater hinaus in die Öffentlichkeit gepflanzt, mitten in die Stadt. Und da öffnen sich allerhand Schnittstellen, an denen sich Kunst und Leben knisternd kurzschliessen. Die Passanten werden, weil sie unter Beobachtung stehen, zu Darstellern eines Stücks. Der Zuschauer muss sich, weil er mitten in der Öffentlichkeit sitzt, um seine Zuschauerrolle kümmern. Und weil sich die Schauspieler unter die Fussgänger mischen, wird die ganze Stadt zur Bühne. Das könnte alles konzeptkünstlerische Theorie sein, wird hier aber zum handfesten Plausch.

Natürlich stellt sich dabei nicht ernsthaft die Frage, was hier gespielt ist und was real und ob überhaupt etwas real ist – man erkennt die Schauspieler an ihren Mikrofönchen seitlich am Kopf. Aber weil man nie weiss, wo sie als Nächstes im Gewimmel der Gasse auftauchen, bleibt das Spiel spannend. Es heisst «Such das Stück», denn einen theaterförmigen Kern hat das Ganze auch noch. Es sind Texte von Peter Stamm; zum einen «Die Planung des Planes», der Monolog eines Beobachters, der der Ordnung von Dingen und Menschen in der Stadt nachsinnt. Zum anderen sind es eine Handvoll Mini-Dialoge; sie entwickeln sich aus der Begegnung von Halb- und Wildfremden in einem wechselnd gepolten Magnetfeld von Anziehung und Abstossung, von Intimität und Öffentlichkeit.

Infizierte Wirklichkeit

Nicht viel Text – aber genug, um zum Abschied der Ära Sidler nochmals fast das ganze Schauspielensemble auftreten zu lassen; ausser Henriette Cejpek, Mona Kloos, Milva Stark, Andri Schenardi und Stefano Wenk, die unter der neuen Intendanz weiterspielen werden, auch Philip Hagmann, Sabine Martin, Ernst C. Sigrist und Diego Valsecchi, die aus dem Ensemble scheiden. Auch wenn sie hier – was in der Natur des Abends liegt – in den Hintergrund rücken, so wie auch die Texte Stamms: Zusammen sind sie das Medium der Stadt; das Brennglas, das die Wahrnehmung auf elektrisierende Weise verschärft und dabei die Wirklichkeit der Stadt mit der Wirklichkeit des Theaters infiziert.

Man schaut genauer hin und merkt, dass sich die Trams wie Kulissen durch die Szenen auf der Gasse schieben. Dass man in einer einzigen Dreiviertelstunde ganz unrealistisch oft dieselben Gesichter sieht. Und dass es auch im 21. Jahrhundert noch Menschen mit Hard-Rock-Café-T-Shirts gibt. Zudem mischen sich in der Tonspur auf dem Kopfhörer die Schauspieler live mit dem Gerede und den Geräuschen auf der Gasse, aber auch mit Gerede und Geräuschen, die früher aufgezeichnet wurden. So dreht man mitunter den Kopf nach einem Bus, der dann gar nicht kommt. Oder es kommt einer, aber man hört ein Tram. Auch wenn die Idee, dass alles Leben Theater sei, ziemlich läppisch ist – grosses Theater, diese Stadt. (Der Bund)

Erstellt: 11.06.2012, 08:56 Uhr

Infobox

18 weitere Vorstellungen täglich bis 23. Juni, www.stadttheaterbern.ch

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nacktbaden: TeilnehmerInnen des Dark Mofo Sommersonnenwenden Nackschwimmens stürzen sich in den Fluss Derwent im australischen Hobart. (22.Juni 2018)
(Bild: Rob Blakers/EPA) Mehr...