Einmal zum Mond und retour

Buskers Bern: Am 11. Strassenmusik-Festival sorgten nicht nur ungewohnten Klänge und Rhythmen, sondern auch Installationen für Aufsehen. Diese waren – nun ja, ziemlich schräg.

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Es gibt eigentlich nur einen Rat, den man als Buskers-Besucher befolgen sollte: einfach nicht zu viel planen. Wer seinen Weg beim Berner Hauptbahnhof beginnt und zielgerichtet zum Rathaus eilt, wird ziemlich sicher nach Mitternacht frustriert den Heimweg antreten. Plötzlich steht man dort nämlich zuhinterst im Publikum und fällt dann womöglich die fatale Entscheidung, einfach zum nächsten oder vorherigen Standort zu gehen – um gerade noch einen Blick auf eine verschwitzte, dem Applaus nach irrsinnig unterhaltsame Truppe zu erhaschen, welche gerade die Instrumentenkoffer wegräumt.

Besser also, man schlendert durch die charmanten Gassen der Altstadt, lässt sich von Auge und Ohr leiten und setzt sich hin, wo es einem gerade beliebt. Schliesslich bedarf es keiner grossen Anstrengung, an einem der über 25 Standorten eine der 41 Künstlergruppen anzutreffen. Sei dies nun ein Mann, der auf einer Metallkugel hin und her schaukelt, oder eine Swingband in Zirkusmontur.

Apropos Auge und Ohr: Am 11. Strassenmusik-Festival, das am Samstag zu Ende ging, wurde längst nicht nur musiziert. Auf dem Münsterplatz sorgte die Installation «Terminal B.» für einen grossen Besucherandrang: Von weit her sieht man die Säule mit dem blauen «B», welche auf dem Münsterplatz steht. Aus Lautsprechern ertönen irritierende Durchsagen: «Bitte begeben Sie sich zum Check-in», später dann «letzter Aufruf für das Boarding». Über ein Fliessband rattern Koffer, welche an die Besucher verteilt werden. Frauen und Männer mit Mützen, Leuchtwesten und Funkgeräten wirken angespannt und stellen den Schaulustigen seltsame Fragen: «Ist das Ihr Gepäck?» «Gehören Sie zu dieser Gruppe?»

Und mit schrägem Blick auf Flip-Flop-Träger: «Fahren Sie ernsthaft so in die Ferien?» Auf eine ungewöhnliche Situation folgt die nächste. Die vermeintlichen Zollbeamten lotsen die ahnungslosen Besucher in die «Duty-free»-Zone und öffnen anschliessend einige Koffer. Einer Frau geht es dabei an den Kragen: Sie versteckt in ihrem Koffer riesige Knochen und wird harsch abgefertigt. In der Reisetasche eines Mannes kommen auf einmal Beutel mit illegalen Substanzen zum Vorschein. «Aha, Sie wollten also Drogen schmuggeln?» Der Autor hat Glück; sein grossmütterlicher, dunkelbrauner Koffer bleibt unbeachtet – er trägt in weiser Voraussicht auch ­geschlossene Schuhe. Der Inhalt seines Gepäcks dürfte die Kontrolleure indes kaum interessieren: Darin befinden sich lediglich ein geschmackloser Faserpelz und einige Plastikfetzen.

Kurze Zeit später öffnen sich die Türen eines Containers, die Passagiere werden auf Holzbänken zusammengepfercht und von zwei Holländern begrüsst. Der eine setzt sich auf einen Pilotenstuhl, der andere macht seine Gitarre bereit. Und bevor die Reise ins Unbekannte beginnt, sagt der Pilot: «Remember: It’s all about Hühnerbrühe» – als würde dies dazu beitragen, die skurrile Situation zu erklären. Was anschliessend auf der Leinwand gezeigt wird, nennt sich «Vlucht/Fly». Es ist eine Live-Film-Performance – ein Film, der in Echtzeit produziert wird. Die Zuschauer glotzen in einen Kochtopf, dann werden sie unter Gitarrenschrummen zum Mond katapultiert und am Schluss wortwörtlich in die Pfanne gehauen.

Etwas ratlos verlässt man den Container, doch draussen wartet bereits die nächste schräge Szenerie: Eine männliche Puppe im Anzug sitzt in einem mit Wasser gefüllten Gefährt und dreht hin und wieder den Kopf, während Fische um sein Gesicht herum schwimmen. Auch hier legt sich die Verwirrung nicht, wenn aus der Kühlerhaube dann noch Rauch aufsteigt und ein Wasserschlauch aus dem Dach hochfährt, der die Zuschauer anspritzt. Bald baut ein bärtiger Mann daneben eine Apparatur mit Bestandteilen aus den vergangenen zwei Jahrhunderten auf und spielt Reggae-Musik ab. Und als wäre das noch nicht genug, taucht kurz darauf der wohl kleinste Taxibus der Welt auf und chauffiert so viele Menschen herum, dass er eigentlich zusammenkrachen müsste – es ist höchste Zeit, auszuchecken und den «Terminal B.» zu verlassen.

Wohltuend ist dagegen der Anblick des überdimensionalen Stehaufmännchens «Monsieur Culbuto»: Ein ungeschickter Franzose mit Walross-Schnauz, der dem Publikum gefährlich nahe kommt und jeden Moment zu kippen droht – bevor ihn sein 320 Kilogramm schweres Hinterteil wieder in Balance bringt. Zur swingenden Musik der Band «The Carny Villains» kann man die Eindrücke noch einmal auf sich wirken lassen. Und den zu Beginn erteilten Ratschlag ergänzen: Man muss am Buskers Bern nicht in allem einen Sinn suchen – es genügt auch, einfach mitzumachen.

Der Bund

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