«Eine derartige Militanz konnten wir nicht erwarten»

Reaktionen auf «Tanz dich frei»: Stadtpräsident Tschäppät ist wütend, die Bürgerlichen sind empört, die Linken enttäuscht, und Nause erntet Kritik von beiden Seiten.

«So etwas darf sich nicht wiederholen»: Stadtpräsident Alexander Tschäppät (Aufnahme vom 25. November 2012).

«So etwas darf sich nicht wiederholen»: Stadtpräsident Alexander Tschäppät (Aufnahme vom 25. November 2012).

(Bild: Danielle Liniger)

«Wut. Und eine gewisse Ratlosigkeit.» Das lösten die Randalen am «Tanz dich frei» bei ihm aus, sagte Stadtpräsident Alexander Tschäppät gestern dem «Bund». Er habe gehofft, dass es höchstens Ausschreitungen und Sachbeschädigungen im Rahmen des Vorjahres geben werde. «Dass die Krawalle eine derartige Militanz annehmen, konnten wir nicht erwarten.» Er habe grosses Verständnis dafür, dass Jugendliche Freiräume einforderten – was die grosse Mehrheit am Samstag auch friedlich getan habe. Aber der Preis, den die Stadt an diesem Wochenende wegen einer kleinen Minderheit von Chaoten bezahlt habe, sei «einfach zu hoch».

«Eines ist ganz klar», sagt Tschäppät, «so etwas wie am Samstag darf sich nicht wiederholen.» Aber ein Patentrezept, wie man derartige Ausschreitungen künftig verhindern könne, gebe es nicht. Und dass anonyme Organisatoren über soziale Medien Tausende Personen für einen Umzug mobilisieren könnten, das sei ein Phänomen, mit dem die Stadt wohl auch künftig wieder konfrontiert werde. Umso wichtiger sei es, jetzt nicht einfach zur Tagesordnung überzugehen.

«Wir müssen unser Vorgehen nun kritisch hinterfragen», sagt Tschäppät. «Wir müssen uns fragen: Hätte die Stadt etwas anders machen müssen? Hätte die Polizei etwas anders machen müssen?» Und er hoffe, sagt der Stadtpräsident, dass mithilfe der Aufzeichnungen der Polizei möglichst viele der Chaoten zur Rechenschaft gezogen werden könnten.

Rücktrittsforderung «lächerlich»

Die bürgerlichen Parteien gaben am Tag nach dem Umzug ihrer Entrüstung über die Ausschreitungen Ausdruck. Die SVP fordert gar den Rücktritt von Alexander Tschäppät. Der Grund: Tschäppät habe an der BEA in diesem Jahr den Schwarzen Block der Reitschule «hochleben lassen» – diesen Schwarzen Block, der in der Nacht auf Sonntag nun «sein wahres Gesicht» gezeigt habe.

Dieser Vorwurf sei lächerlich, sagt Tschäppät. «Ich bin für die Reitschule, aber ich habe mich immer wieder klipp und klar von Gewalt distanziert. Auch in Bezug auf die Reitschule», sagt er. Ausserdem sei es zu einfach, der Reitschule die alleinige Verantwortung für die Randale in die Schuhe zu schieben. «Ein Teil der Chaoten kam offenbar nicht aus Bern, sondern aus anderen Teilen der Schweiz, namentlich aus dem Raum Zürich.»

«Nause hat Job nicht gemacht»

Auch die linken Parteien verurteilten gestern die Ausschreitungen. Die SP kritisierte die anonymen Veranstalter, die ihrer Verantwortung «klar nicht» wahrgenommen hätten. Auch das Grüne Bündnis zeigte sich enttäuscht darüber, dass eine kleine Gruppe «gewaltbereit und rücksichtslos einen friedlichen Anlass missbraucht» habe. Die Juso dagegen verurteilte in erster Linie «das unverhältnismässige Einnebeln der Stadt mit Tränengas» durch die Polizei – und verlangte den Rücktritt von Sicherheitsdirektor Reto Nause, der die Ausschreitungen «regelrecht heraufbeschworen» habe.

Kritik erntete Nause auch vom Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen: «Nause hat seinen Job nicht gemacht.» Laut Wasserfallen hätte es nur einen Weg gegeben, die Ausschreitungen zu verhindern: «Die Krawallmacher einkesseln, verhaften, abführen und ein paar Tage einsperren, damit sie am Arbeitsplatz fehlen.» Es sei Aufgabe des Sicherheitsdirektors, dass er veranlasse, «gewaltbereite Demonstranten abzuräumen».

Schon am Freitag hatte Wasserfallen in der Sendung «10 vor 10» verlangt, dass man die Demonstration «sofort auflöst oder gar nicht erst entstehen lässt». In der gleichen Sendung hatte sich auch Aline Trede, Berner Nationalrätin der Grünen, zu Wort gemeldet – und Verständnis dafür gezeigt, dass die Jugendlichen um Freiräume kämpften. Am frühen Samstagabend brach sie auch auf Telebärn eine Lanze für die Jugendlichen.

Nach den Gewaltakten erntete Trede viel Kritik für ihre Aussagen im Vorfeld, wie sie gestern auf Anfrage sagte. Dabei distanziere sie sich «ganz klar von den Gewaltakten, willkürlichen Zerstörungen und Krawallen». Trede bedauert die Ausschreitungen – und den Umstand, dass man nur noch über diese spricht. «Ein Prozent war gewalttätig, 99 Prozent tanzten friedlich. Man darf nun nicht alle in einen Topf werfen.»

Der Bund

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