Eine Nacht auf dem Berg

Die erste Nacht am Gurtenfestival ist vorüber. Unser unerschrockener «Bund»-Redaktor will das komplette Festival-Feeling erleben und zeltet auf dem Gurten.

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Spätabends am Donnerstag auf dem Hausberg. Nachdem Biffy Clyro als letzte Band auf der Hauptbühne gespielt haben, bewegt sich die grosse Masse Richtung Zeltbühne, um Booka Shade zu sehen. Das deutsche Duo wird zu den Veteranen der elektronischen Musik gezählt. So haben sie in den letzten zehn Jahren sechs Alben veröffentlicht.

Bei der Bühne angekommen, muss man frustriert feststellen, dass das Zelt proppenvoll ist. Da reinzukommen ist unmöglich– an einen Konzertgenuss in den vorderen Reihen ist nicht zu denken. Die beiden Herren spielen ihr Konzert zwar stoisch durch, aber den Besuchern scheint das egal zu sein. Sobald der Bass in den einzelnen Songs explosionsartig aufgedreht wird, gehen die Hände in die Höhe. Einzelne haben nach dem kraftraubenden Hitze- und Pannentag noch genug Energie im Tank, um sogar hochzuspringen. Nach zwanzig Minuten ist aber klar, dass der Funke nicht ganz überspringen will.

Nach der Live-Musik begeben sich viele zu den Zelten in der Sleeping Zone. Vermutlich sitzt der Marsch auf den Berg noch in den Knochen, hatte doch das Gurtenbähnli am frühen Abend zwischenzeitlich den Geist aufgegeben. Die Feierwütigen aber tummeln sich in den verschiedenen Fest-Zelten, wie Bacardi Dome oder Rock the Block. Letzteres zieht die Leute in Scharen an. Angestellte der Broncos Security lassen die Besucher aus Sicherheitsgründen nur gestaffelt rein. Die Schlange vor dem Zelt ist länger als diejenige vor den WCs. Auf Anfrage sagt eine Besucherin, dass sie bereits 40 Minuten warte, um hereingelassen zu werden. So muss es sich wohl anfühlen, wenn man in Zürcher Nachtleben unterwegs ist.

Das leidige Warten soll vermieden werden - schliesslich steht der schlimmste Teil der Nacht noch bevor: im Zelt schlafen. Der Marsch zurück zum Schlafplatz ist sehr angenehm und macht müde. Das ist eine gute Voraussetzung, um schnell einschlafen zu können. Beim Zelt angekommen stellt sich als erstes die Frage, wie man die Kontaktlinsen in der Dunkelheit ohne Spiegel und mit verschmutzten Fingern rausnehmen soll. Die Müdigkeit überwiegt: Finger rein und raus mit den Linsen. Die Schmerzen, die entstehen, sind für eine Minute nicht zum Aushalten. Aber das wäre mal geschafft.

Nächster Schritt ist Zähneputzen. Die Dunkelheit spielt diesmal keine Rolle. Doch fehlt nun das Wasser, um die schäumende Zahnpasta herauszubekommen. Nach hundertmaligem Spucken ist das Meiste raus, ein kleiner Teil übernachtet in den Mundhöhlen. Die Nacht verläuft äusserst ruhig. Hier und da hört man einen verzweifelten Besucher auf der Suche nach seinem Zelt. Auch die altbekannte fiktive Festival-Person Helga wird nach all den Jahren immer noch vermisst. Doch wird sie dieses Jahr allmählich von - Game of Thrones sei Dank - von Hodor verdrängt.

Der Morgen beginnt mit einem Schock: Es ist acht Uhr und man hat das Gefühl, man befinde sich auf einem Scheiterhaufen. Es ist siedend heiss. Instinktiv wird der Ausgang gesucht. Auch wenn man nur in den Boxershorts draussen steht, fühlt man sich gleich besser. Das Wohlgefühl überwiegt die Scham. Nach zehn Minuten hat sich der Schock gelegt. Langsam beginnt das Gehirn aktiv zu werden. Und die Ernüchterung ist gross: Das ganze Prozedere wird sich in den nächsten drei Nächten und Morgen wiederholen.

DerBund.ch/Newsnet

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