Ein selbstständiges Kind

Schon seit November läuft der ungewöhnliche Berner Film «Altstadtlüt» im Kellerkino. Die Geschichte eines unerwarteten Erfolges.

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«Manchmal bekomme ich Lob für meine Filme. Doch bei diesem Film ist es anders: Hier bedanken sich die Zuschauer.» Es ist ein sonniger, aber kalter Sonntagmittag und Alberto Veronese steht in der Kramgasse vor dem Kellerkino. Das Publikum zwängt sich über die steile Kellertreppe in die Gasse hinaus. Regisseur Veronese nimmt das kleine Grüppchen, das eben seinen Film «Altstadtlüt» gesehen hat, persönlich in Empfang. Auch sein Freund, Nachbar und Mitrealisator, Antonio Caporali, der Nähmaschinen-Chirurg aus der Brunngasse, ist da. Sie wollen wissen, wie ihr «Experimentalfilm», wie ihn Veronese bezeichnet, angekommen ist. «Wunderschön», «sehr berührend», «inspirierend» und tatsächlich: «Danke!» bekommen sie zu hören.

Das Dokumentar-Experiment

«Wir versuchen, so oft es geht, nach den Vorstellungen anwesend zu sein», sagt Veronese. Es scheint, als sei er immer noch nicht ganz sicher, ob sein Experiment bei den Zuschauern funktioniert: Fast keine sichtbare dramaturgischen Eingriffe, nur alte Menschen, die Geschichten erzählen von Leben früher in der Berner Altstadt – «talking heads», sprechende Köpfe in schwarz-weisser Nahaufnahme und einigen wenige Impressionen von Stadt und Aare. Keine erklärenden Kommentare, die Namen der Protagonisten werden erst am Ende eingeblendet.

Ihm seien die Geschichten und die Gesichter wichtig gewesen, sagt Veronese. «Man blickt in die Vergangenheit – und gleichzeitig in die eigene Zukunft». Die Bilder, die scheinbar fehlen, entstehen im Kopf der Zuschauer – die Wasserschlachten in der Brunngasse, die Kälber, die zum Güterbahnhof geführt werden, das Tram, das von seinen Passagieren bei Schnee und Regen am Hang angeschoben werden muss.

Er habe nicht gewusst, ob «Altstadtlüt» tatsächlich ein Kinofilm sei, sagt Veronese. Die erste Aufführung fand im Saal der Zunft zur Webern statt, mit den Protagonisten und vor Freunden und Bekannten aus der Altstadt. Schon als das Kellerkino mit der Anfrage für vier Vorstellungen auf das Filmteam zukam, war das eine kleine Sensation. Und die Aufführung im vollen Münster, wiederum auf Anfrage, übertraf die Vorstellungskraft der Filmemacher. Kinopremiere war im November – mittlerweile ist es wohl der einzige Film – obwohl kaum beworben – der in den Berner Kinos im November gestartet ist und immer noch regelmässig gezeigt wird.

In die Gassen

Neben Veronese und Caporali hat auch Indra Spuler den Film «adoptiert», wie es Veronese ausdrückt. Sie kümmert sich um die Redaktion der Texte rund um den Film. Für sie gehe es im Film um die «Brücken», die er schaffe: Die kleinen Begegnungen zwischen den Menschen, im Kino und ausserhalb; Protagonisten, die eine Stimme erhielten und im Alter neue Freundschaften schlössen. Und von sich selbst sagt sie: «Mit dem Film habe ich die Altstadt erst richtig kennengelernt.»

Spuler ist es auch, die das Projekt mit ihrer «Wandzeitung» in die Gassen trägt. Sie erzählt von Begegnungen und Geschichten, die mehr oder weniger eng mit den «Altstadtlüt» zu tun haben. Geschichten, die in den «richtigen» Zeitungen keinen Platz hätten, sagt Spuler. Wenn sich die Stammgäste im Pyrenées auf die Zeitung stürzen, habe sie ihr Ziel schon erreicht: «Die Menschen zusammenzubringen.»

Ein selbstständiges Kind

Der Film sei für ihn wie ein Kind, das lerne, Velo zu fahren, sagt Veronese. «Ab und zu braucht es noch etwas Unterstützung, dass es nicht umkippt. Doch eigentlich macht es seinen Weg alleine.» Und so ist das Projekt auch gewachsen, mit und ohne Zutun der Macher. Die Grundidee trug Veronese schon lange mit sich herum. Als er vor zwei Jahren als Kameramann für das Schweizer Fernsehen nach Bern kam und eine Wohnung in der Brunngasse fand, sah er im Mikrokosmos der Berner Altstadt das ideale Umfeld zur Realisierung. «Nachbarn, Freunde und Ladenbesitzer in der Altstadt haben uns geholfen, die Protagonisten zu finden», erzählt Veronese. 17 Personen – alle über 80 – waren bereit, aus ihrem Leben zu erzählen.

Mit «Altstadtlüt» wollen sie es vom «Kindergarten bis in den Nationalrat» schaffen, sagen Veronese und Spuler. Vorerst geht es für einige Vorführungen in diverse Altersheime, später soll das Werk auch an anderen Orten in der Stadt gezeigt werden. Aktuell werden Untertitel für den Film erstellt, eine DVD ist in Planung. Manchmal, gesteht Veronese vor dem Kino, fühle er sich ein wenig «gefangen» vom Film, gerne würde er ein neues Projekt in Angriff nehmen können. Doch «Altstadtlüt» hat ein Eigenleben entwickelt – ein Ende ist vorerst nicht abzusehen.

www.filmbern.ch (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.05.2014, 11:00 Uhr

Im Kino

«Altstadtlüt», bis auf weiteres im Kellerkino, jeweils Sonntag, 10.30 Uhr.
www.filmbern.ch

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