Ein ehrlicher Blick aufs Quartier

Er ist im Nordquartier aufgewachsen und kennt den Stadtteil wie kein Zweiter: BZ-Fotograf Andreas Blatter hat eine Hommage auf den Breitenrain geschrieben.

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Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Nein, Andreas Blatter ist kein Historiker. Im Geleitwort deklariert er sein Buch «Breitsch u drumum» als «Vergangenheitsbewältigung» und versucht gar nicht erst, den Anschein professioneller Distanz zu vermitteln. «Resu» Blatter ist im Breitsch aufgewachsen und berichtet in einem ehrlichen, oft herzhaften Ton über die rasante Entwicklung des Quartiers.

Bei den Recherchen zu einer ersten Publikation über die einstige Arbeitersiedlung im Wylerfeld ist der Fotograf der «Berner Zeitung» auf Bildmaterial aus dem Nordquartier gestossen. Dieses hat er nun zu einem zweiten Buch verarbeitet. Darin wird bisweilen ein heiliger Zorn spürbar, etwa wenn Blatter über die «schmucklosen, lieblosen Renditebauten» wettert, die das früher «abwechslungsreiche und harmonische Strassenbild» der Scheibenstrasse zerstört hätten. Trotz solch martialischer Töne steht aber stets die Liebe zum Quartier im Vordergrund, mit dem der heute in Münsingen wohnende Blatter prägende Momente seiner Kindheit und Jugend verknüpft.

Wasser aus dem Brunnen

In weiten Teilen des Nordquartiers wohnten einst die weniger begüterten Schichten der Berner Stadtbevölkerung, denen Blatters ungeteilte Sympathien gelten. Als der Knabe fünfjährig ist, zieht die Familie mit den beiden Halbgeschwistern in einen der ersten Wohnblöcke im Geviert Stand-, Scheiben-, Wylerring- und Stauffacherstrasse um, denen die Arbeitersiedlung Wylerfeld weichen musste. Es ist ein Verdienst Blatters, dass die Geschichte der «Wylerhüsli», des ersten sozialen Wohnungsbaus in der Schweiz, dem Vergessen entrissen wurde. Mit dem Beschluss zum Bau von 98 Wohnungen in Reihenhäusern aus Holz reagierte der Gemeinderat 1889 auf das damalige explosionsartige Bevölkerungswachstum und die Wohnungsnot.

Die Häuschen hatten zwar einen Garten zur Selbstversorgung, aber weder Strom noch fliessendes Wasser. Letzteres musste von einem der Brunnen herangeschleppt werden. Die kinderreichen Familien in den Wohnungen hausten in engen Verhältnissen. Zudem galten sie in den Strassen der Umgebung als Vaganten. Die «Wylergiele» wiederum waren berüchtigt und profilierten sich in «wilden Schlachten» mit den «Lorrainegiele», den «Breitschgiele» oder den «Aaregglern». Das letzte «Wylerhüsli» musste 1972 weichen. Aber in der Generation Blatter ist bis heute umstritten, wer sich als «Wylergieu» bezeichnen darf und wer nicht.

Die Schuldigen des Lädelisterbens

Ein Augenmerk Blatters gilt der Entwicklung von Gewerbe und Handel. Selbst Kenner des Quartiers geraten ins Staunen, wenn sie von den einstigen «Shopping-Malls» an der Herzog- und der Standstrasse erfahren. Die noch existierenden Geschäfte an der Herzogstrasse sind bloss noch ein Rest der Vielfalt an Gewerbe, das einst den in die Kaserne einrückenden Soldaten Waren und Dienstleistungen feilbot. An der Standstrasse wiederum fand ein grosses Lädelisterben statt. Mit dem 1910 an der Lorrainestrasse gegründeten Früchte- und Gemüsehandel Berger ist das grösste Opfer dieses Sterbens aber ironischerweise ebenfalls ein Grossist: Auf dem Höhepunkt ihres Wachstums betrieb die Berger AG nicht weniger als 17 Filialen im Nordquartier und in der Innenstadt.

Fairerweise führt Blatter das Lädelisterben nicht nur auf das Aufkommen der Grossverteiler zurück, sondern auch auf das Verhalten der Konsumenten und die Entwicklung des Kühlschranks. Und zumindest im Fall Berger wäre anzufügen, dass die Familie erfolgreich das Pferd gewechselt hat. So gehören heute einem Nachfahren der Familie mehr als ein Dutzend Liegenschaften in der Lorraine.

«Breitsch u drumum», Eigenverlag, 208 Seiten, 48 Franken. Erhältlich beim Autor oder in der Buchhandlung Sinwel, Lorrainestrasse 10. Fotoausstellung im Kornhausforum, 4. bis 29. März.

Der Bund

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