Ein Maler tritt gegen die «Verblödung» an

Wieder Montag

Der Maler Ronald Kocher aus dem Spiegel kämpft mit Pinsel und spitzer Feder gegen die Entfremdung des Menschen von der Natur.

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Marc Lettau

Ronald Kocher ist Maler. Er besteht darauf: «Schreiben Sie bitte Maler, nicht Künstler. Künstler gibt es zu viele.» Natürlich ist Kocher der Präzisierung zum Trotz der Kunst zugetan. Er hat in der staatlichen Akademie in Paris angewandte Kunst studiert, hat kunstvolle Teppiche entworfen, Plastiken geformt, Wandbilder gemalt, für Steinmetze figürliche Vorlagen geschaffen, Filme gedreht, landschaftsschonende Windräder entwickelt, eine Malschule geführt und unzählige blanke Leinwände in bunte Bilder verwandelt.

Aber Kocher mag das Geerdete, das Wirkliche. Geht er aus dem Haus, sieht er nicht nur Kunst, sondern Landschaft. Und diese Landschaft macht sich der 85-jährige Maler zur Leinwand: Gedanklich gestaltet er sie, interveniert in sie, getrieben von der Vorstellung, dass Landschaft und Natur Schutz verdienen. Und das mündet bei Kocher zuweilen in aufmüpfige Vorschläge.

«Zunächst habe ich einfach den Gedanken durchgespielt, was es hiesse, 400 Meter Autobahn zu überdecken»: Kocher schuf Modelle für die Überdeckung von Eisen- und Autobahnen, für ein urbanes Utopia mit Nullenergiehäusern, Dorfplätzen, Kirchen, Wind- und Solaranlagen. Ihn habe nichts Spezielles motiviert: «Ich wollte einfach etwas spintisieren – ohne lange zu überlegen, wie man solche Lösungen konstruktiv umsetzen würde.» Das Spintisieren blieb ihm: Seit seinem ersten Modell ist Kocher auch der «Landschaftsmaler», der in Ortsplanungen mitwirkt und an Architekturwettbewerben teilnimmt. Er tut dies in aller Regel unkonventionell, querdenkend – und oft chancenlos.

Wirken mit Pinsel und der spitzen Feder

Bestätigungen findet er gleichwohl. Als die Debatte über die Waldstadt Bremer hochging, zog er als Bestätigung sein längst bereitstehendes Modell für die Überbauung der Autobahnzufahrt Brückfeld im Bremgartenwald hervor. Für Kocher ist die Sache klar: «Man muss etwas gegen den unsäglichen Verkehrslärm tun. Und das Mitdenken und Mitreden darf man nicht allein den Planern überlassen.»

Kocher wirkt mit dem Pinsel und der spitzen Feder – und zwar so, dass sich die Planer zuweilen auch an den Kopf greifen über seinen freien Umgang mit der zu lösenden Aufgabe. Für den Architektenwettbewerb für die grossflächige Überbauung des Rieds bei Niederwangen reichte er den Vorschlag ein, das ganze Planungsgebiet grün zu belassen und stattdessen das vom Verkehr zerschnittene Niederwangen mit einer futuristischen Siedlungsbrücke umzugestalten. Regierungsrätin Barbara Egger rang er dafür eine schriftliche Würdigung ab: «Gerne werden wir Ihre visionären Ideen in unserer Dokumentation aufbewahren.»

Warum malt der Mann, der so viele malerische Techniken beherrscht, nicht einfach schöne Bilder? Kocher: «Wird man älter und rappelt man sich aus den Krankheiten des Alters wieder hoch, dann nimmt man auch wahr, wie oft Kunst halt ein Zudienen an einen vergänglichen Reichtum ist.» Er sage sich inzwischen, «dass man die künstlerische Fantasie auch für die Lösung realer Probleme brauchen muss». Oft sieht er in der zivilisatorischen und raumplanerischen Entwicklung «eine Art Verblödung», eine «Technikgläubigkeit ohne jede Fantasie». Ihr tritt er entgegen. Und er ist auf der Lauer: Er will nicht, dass der Wald kaputt gemacht wird und sich die Menschen von der Natur entfremden: «Eine Matte umstechen und etwas bauen: Solche Zeiten müssten doch vorbei sein. Das ist doch völlige Abwesenheit von Vorstellungskraft.»

Querdenken und mitreden

Ronald Kocher sagt von sich: «Ich bin ein alter Mann.» Er kokettiert nicht mit dem Alter. Er ist häufig auf pflegerische Unterstützung angewiesen. Aber er sieht das Alter auch als Befreiung: «Ein alter Mann darf einfach sagen, was er denkt.» Wenn Betagte meinten, sie müssten Platz machen, sei dies ganz verkehrt: «Es ist falsch, wenn sich die Alten zurückziehen. Man muss den Kontakt mit den Jungen pflegen, mit ihnen reden, mitreden.»

Der Maler wird noch öfters querdenken und mitreden, wenn sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Und wohl auch dann, wenn sie ihm nicht geboten wird. Eine grosse Vision hat er ja noch: «sturmsichere Holzhäuser für die Philippinen».

Der Bund

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