Ein Berner Citoyen ist gestorben

Christoph Stalder ist tot: Der 67-jährige Grossrat erlag einem Herzinfarkt. Stalder präsidierte 2001 den Berner Stadtrat und 2007/08 den Grossen Rat und engagierte sich vielfältig in Wirtschaft und Kultur.

Christoph Stalder (1944 – 2012) als höchster Berner im Jahr 2007.

Christoph Stalder (1944 – 2012) als höchster Berner im Jahr 2007. Bild: Manu Friederich

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Kein stufenweiser Rückzug war es, vielmehr wurde er jäh aus dem Leben gerissen: Christoph Stalder, Grossrat und in vielen weiteren Funktionen in Politik, Wirtschaft und Kultur tätig. In der Nacht auf Sonntag erlag der 67-Jährige den Folgen eines schweren Herzinfarkts. Die Attacke ereilte den durchtrainierten Mann völlig unerwartet, den 20-maligen Teilnehmer des Engadiner Skimarathons und einstigen Handballspieler.

Wenn das Prädikat «gut vernetzt» in Bern auf einen zutraf, dann auf ihn: Handels- und Industrieverein, Hauseigentümerverband, Neue Helvetische Gesellschaft, Vereinigung Berner Division, Rotary-Club, Handballclub, Stadttheater, Zentrum Paul Klee, Staatsbürgerliche Gesellschaft, Bernisches Historisches Museum, Stiftung Lindenhof Bern. Die Liste liesse sich fortsetzen, weshalb man kaum glaubt, dass auch sein Tag nur 24 Stunden hatte. Nie hatte man den Eindruck, er sei überlastet oder ächze unter der Bürde der vielen Pflichten.

Karriere, aber kein Karrierist

Nicht er gierte nach Ämtern und Funktionen, die Ämter suchten ihn. 1994 wurde er auf der FDP-Liste in den Stadtrat gewählt. Auf eine Kandidatur als Gemeinderat im Jahr 2000 verzichtete er. 2001 präsidierte er das Stadtparlament – in einem bewegten Jahr. Für die Opfer der Anschläge von «9/11» erhoben sich die Stadträte zu einer Schweigeminute. Nach dem Amoklauf im Zuger Parlament wurde der Zugang zum Berner Rathaus eine Zeit lang kontrolliert. Eine erfreuliche Besonderheit war die Stadtratssitzung im Bären-Saal in Bümpliz, der Sprung über den «Weyerli-Graben». Politik sei nichts für Frustrierte und Karrieristen, sagte Stalder, jeder sei aufgerufen, zum Funktionieren des Gemeinwesens beizutragen, als Hobby oder aus staatsbürgerlichem Pflichtbewusstsein. Als höchster Stadtberner nutzte er die Pflichtübung der Bundesfeier-Ansprache zur Lancierung einer Idee, die noch heute diskutiert wird: ein Zusammenschluss von Stadt und Agglomerationsgemeinden. Seit 2009 verfolgt der Verein «Bern neu gründen» die Idee weiter. Stalder präsidierte ihn.

2002 wechselte er in den Grossen Rat, wo er schnell zu den politischen Schwergewichten zählte. 2007/08 präsidierte er auch diesen Rat, was deutlich machte, dass man seine Fähigkeit, für ein erspriessliches Gesprächsklima zu sorgen, auch hier schätzte. Erst zwei Wochen ist es her, dass Grossrat Stalder gefordert hat, mehr Fusionsdruck aufzusetzen bei Gemeinden, die ihre Aufgaben nur noch mit Mühe erfüllen.

Freisinnig, aber kein Ideologe

Stalder hatte freisinnige Überzeugungen: «Wenn man dem Staat Geld gibt, dann gibt er es aus», sagte er einmal. Das hiess nicht, dass er sich den Staat klein und schwach wünschte. Er wusste, wie wichtig das Staatswesen für das Funktionieren einer Gesellschaft ist. Liberal sein hiess für ihn, nicht zu glauben, die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben. Für eine Vielfalt von Meinungen und Wahrheiten kämpfte Stalder, als sich 2009 einschneidende Änderungen für den «Bund» anbahnten. An vorderster Front engagierte er sich im Komitee «Rettet den Bund» für den Erhalt der Zeitung. Zweifellos gehörte Stalder zum Establishment, wirkte aber nicht so. Er verfügte über Macht und Einfluss, blieb aber stets der angenehme Gesprächspartner mit Schalk und Selbstironie, der sich nicht zu wichtig nimmt.

Als Bürger von Lützelflüh kam er im Sommer 1944 in Fraubrunnen zur Welt, wo seine Mutter als Primarlehrerin arbeitete und der Vater ein Maler- und Gipsergeschäft führte. Sohn Christoph trat nicht in die väterlichen Fussstapfen, sondern durchlief in Bern die weiterführenden Schulen, studierte an der Uni Bern Jura und erwarb das bernische Fürsprecherpatent. Der junge Jurist ging als «postgraduate fellow» an die Georgetown University in Washington und arbeitete dort in einer Anwaltskanzlei.

Nach der Rückkehr arbeitete er in der kantonalen Justizdirektion und danach als Gerichtssekretär am Bundesgericht. Den USA blieb er verbunden und bereiste das Land oft. Als die Amerikaner in Bern ein neue Botschaftsliegenschaft suchten, gab er den Tipp, dass das Allianz-Gebäude – vormals Berner Allgemeine – bald frei werde.

Stalder arbeitete seit 1977 bis zur Pensionierung bei der Schweizerischen Mobiliar. In den letzten Jahren war er bei der Versicherungsgesellschaft Mitglied des Direktoriums und leitete die Abteilung Public Affairs.

Des Hobbywinzers Ernte

Stalders Ableben hinterlässt viele Lücken. Viele Funktionen werden neu besetzt werden müssen. Unersetzlich wird er für seine Familie sein, für seine Gattin Anna Marie, die als Juristin bei den eidgenössischen Parlamentsdiensten tätig war und ihm stets den Rücken frei hielt, die ihn unterstützte und zu Anlässen begleitete, auch wenn sie das Blitzlichtgewitter der Fotografen nicht sehr mochte. Unersetzlich wird er auch für die zwei erwachsenen Töchter sein und für die beiden Enkeltöchter. Der Citoyen Stalder hat in Bern viel bewegt und eine reiche Ernte eingefahren, weit grösser als jene, die er als Hobbywinzer in seinem kleinen Weinberg in Twann am Bielersee jeweils eingebracht hat. (Der Bund)

Erstellt: 14.02.2012, 06:30 Uhr

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