Die steile zweite Karriere des Alt-Gemeinderats Alfred Neukomm

Vor zwölf Jahren verliess er die Berner Stadtregierung. Jetzt ist das politische Comeback perfekt: Alfred Neukomm ist neu Gemeindepräsident von Hallau. Denkt er an Bern, wird er immer noch wehmütig.

«Ich spiele kein Golf»: Alt-Politiker und Neo-Gemeindepräsident Neukomm vor dem Hallauer Gemeindehaus.

«Ich spiele kein Golf»: Alt-Politiker und Neo-Gemeindepräsident Neukomm vor dem Hallauer Gemeindehaus. Bild: Adrian Moser

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Natürlich müssen wir dann doch noch «ufe». Was wäre auch ein Besuch in Hallau, SH, ohne Visite zum «Chileli», zur Bergkirche St. Moritz, erbaut 1491 mitten im Rebberg, derentwegen ja, wie Alfred Neukomm jetzt berichtet, so viele Berner in den Klettgau fahren. Manche kämen während des Besuchs noch bei ihm vorbei, auf ein Glas Wein und einen Schwatz. Und gross ist jeweils die Überraschung, wenn er seinen Gästen von seiner zweiten Karriere berichtet.

Wenig später – Neukomm nahm das Velo – steht er am Hang hinter der Kirche, schiebt mit seinem rechten Arm die Wolken nach dem süddeutschen Schwarzwald und zeigt dann hinab in die Tiefe, als läge dort ein Schatz vergraben. «Da unten», sagt er. «Da unten ist Hallau.» Sein Hallau.

Der erste Linke seit 949 Jahren

Alfred Neukomm, 68-jährig, hat es geschafft. Nach 35-jähriger Karriere in der Berner Politik wurde er Ende August zum Gemeindeoberhaupt von Hallau gewählt. Mit beeindruckendem Resultat. Und: «Als erster Sozialdemokrat seit 949 Jahren.» 949 Jahre? So alt ist die Gemeinde Hallau.

Neukomm gluckst vergnügt – nicht über seinen Wahlerfolg, sondern über die kuriosen Wendungen, die eine Geschichte zuweilen nimmt. Seine eigene und natürlich jene von Hallau. Gut 2000 Seelen, viel Landwirtschaft und Gewerbe, drei Kirchen, eine Bahnhofstrasse ohne Bahnhof und von 1956 bis 2002 kein einziger Sozialdemokrat im Gemeinderat. Dann kam Neukomm. Nach neun Jahren, in denen er zu den Gemeindefinanzen schaute, hatte er den Argwohn der Hallauer überwunden. Jetzt ist er der indirekte Nachfolger von Christoph Blochers Bruder Gerhard, der hier von 1998 bis 2001 regierte und später mit temperamentvollen Auftritten im Fernsehen für landesweites Aufsehen sorgte. «Ja, der Gerhard», seufzt Neukomm. Mehr lässt er sich zu seinem Vorgänger nicht entlocken. Man kennt sich im Dorf und man ist diskret.

Kurvenreiche Karriere

Niemand weiss das besser als Neukomm selbst, der 1945 im bürgerlich-bäuerlichen Hallau geboren wurde. Die Mutter war «eine Politische», hilfsbereit und interessiert. Sie gab die Gesinnung weiter an die Söhne. Alfred Neukomms Bruder Ernst wird 1968 als jüngster Regierungsrat der Schweiz gewählt. Als er die Schaffhauser Kantonsregierung nach 32 Jahren verlässt, ist er amtsältester Regierungsrat des Landes.

Alfred Neukomms Laufbahn verläuft wesentlich kurvenreicher. 1967 verlässt er den Klettgau, bezieht eine Wohnung im Gäbelbach und beginnt, die Schweizerische Stiftung für Konsumentenschutz zur schlagkräftigen Organisation zu formen. 1970 wählen ihn die Berner in den Grossen Rat. 1979 steigt er zum Nationalrat auf, dem er bis 1991 angehören wird. 1984 schafft Neukomm den Sprung in den Berner Gemeinderat und übernimmt die Direktion der Stadtbetriebe. Es ist das Superministerium der Stadtverwaltung: 1800 Angestellte hat Neukomm unter sich, sie arbeiten in den Verkehrsbetrieben (heute Bernmobil), in den Städtischen Werken (heute EWB) und beim Strasseninspektorat.

Baumeister des Libero-Verbunds

In vier Legislaturen realisiert Neukomm etliche wegweisende Projekte. Er fördert die Sonnenenergie, gründet den ersten Wärmeverbund der Stadt, sichert Bern das Energiestadt-Label. Er baut den ÖV nach allen Richtungen aus und bringt die Niederflurtrams nach Bern. Auch die neue Gurtenbahn ist sein Werk. Seine grösste Pioniertat dürfte aber der regionale Tarifverbund sein. Wer Anfang der Achtzigerjahre in der Region von A nach B gelangen will, muss bis zu vier Billets oder Abonnements lösen. Eine Zumutung, findet Neukomm, und macht sich an die Arbeit. Monatelang zieht er von einer Gemeinde zur nächsten, spricht an Einwohnerversammlungen, verhandelt mit den SBB, dem RBS, der BLS, Postauto, ja sogar dem Mattelift. Nach einigen Jahren ist es geschafft: Der Tarifverbund geschnürt, Neukomm darf sein erstes «Bärenabi» lösen.

Trotz dieser Erfolge als Gemeinderat: Im Jahr 2000 ist nach 16 Jahren Schluss für ihn. Er geht indes nicht ganz freiwillig: «Me muess vom Ross abe, solang me no sälber cha abschtiige», diktiert der damals 56-Jährige den Journalisten beim Rücktritt. Heute sagt er: «Amtszeitbeschränkung.» SP-Mitglieder dürfen der Stadtregierung seit dem Jahr 2000 maximal vier Amtszeiten angehören. Bald nach seinem Rücktritt kündigt Neukomm seine Wohnung im Gäbelbach und kehrt – ohne Hintergedanken – zurück nach Hallau, wo sie gerade verzweifelt nach einem Finanzreferenten Ausschau halten.

Ein kleines Pensum, kaum entschädigt, kaum Prestige, noch nicht mal ein Sekretariat oder ein Büro steht dem Säckelmeister zur Verfügung.Die Hallauer müssen Neukomm trotzdem nicht lange überreden. «Die Katze lässt das Mausen nicht», sagt er. Trotzdem: Hat er nie daran gedacht, in die Privatwirtschaft zu gehen? Das Netzwerk und das Know-how aus der Regierungstätigkeit zu vergolden? Einen ruhigen Lebensabend zu verbringen? Zu reisen? Das Handicap zu verbessern? Was man halt so macht als Alt-Politiker? – Alfred Neukomm winkt ab. «Ich spiele kein Golf.»

Neukomm hält den Kopf hin

Er hat Wichtigeres zu tun. Nachdem er die Nöte der Bundesstadt kennen gelernt hat, sieht er nun die andere Seite, jene der kleinen Landgemeinden, die um ihre Existenz kämpfen. Auch Hallau hat es schwer. Die Ressourcen sind knapp, finanziell und personell. Neukomms Gemeinderatskollegen erledigen ihre Aufgaben am Feierabend. Statt 1800 Angestellte hat er nur eine Handvoll Beschäftigte. Früher verfügte Neukomm über einen Stab mit Experten. Jetzt muss er Juristen und Ingenieure grösserer Gemeinden befragen oder Private beauftragen, wenn er eine fundierte Auskunft will.

Auch die Demokratie folgt anderen Gesetzen. In Hallau gibt es kein Parlament, das Vorlagen prüft und Kompromisse sucht. «Ich muss mit jedem Geschäft vor die Einwohnergemeinde stehen und den Kopf hinhalten. Da darf man nicht zu feinfühlig sein», sagt Neukomm. «Gemeinderat in Bern und Präsident in Hallau – das kann man kaum miteinander vergleichen».

Das Versprechen an die Frau

Ob er Bern vermisst? «Natürlich.» Die ehemaligen Gemeinderatskollegen, die SP der Stadt Bern, die Mitarbeiter, den Gäbelbach, auch die Empfänge mit Botschaftern und Bundesräten. «Und in Hallau gibt es auch keine Trams!»

Bis 2016 will Neukomm das Gemeindepräsidium ausüben. «Dann ist Schluss, ohne Wenn und Aber, das habe ich meiner Frau versprochen.» Recht hat er wohl. 50 Jahre in der Politik sind bestimmt genug. Ob die Hallauer das auch so sehen, wird sich jedoch erst weisen müssen. Auch Neukomms Vorgänger Blocher wurde einst gewählt, obwohl er nicht kandidierte. Nicht unwahrscheinlich also, dass seine zweite Karriere noch länger dauert. (Der Bund)

Erstellt: 06.01.2013, 08:51 Uhr

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