Die rosa Welt schliesst die Mädchen ein – und die Buben aus

Suisse Toy

Kinder spielen immer geschlechterspezifischer. Mit einfachen Mitteln – etwa in Kindertagesstätten – könnte diesem Trend entgegengewirkt werden.

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Der Babywagen: rosa. Der Kinderstuhl: rosa. Die Kissen: rosa. An der gestern eröffneten Suisse Toy in Bern gibt es Spielecken, die anti-emanzipatorischer nicht sein könnten. In der rosa Bäbiwelt sitzen ein Dutzend Mädchen und widmen sich gut-mütterlich den Plastikpuppen. Zwei von ihnen flechten andächtig Zöpfe in blondes Puppenhaar, eine weiteres – geschminkt mit einem rosa Schmetterling – verziert mit Glitzerstift ein Bäbigesicht.

Willkommen in der Welt der Geschlechtertrennung, dem Ort, wo Klischees rund um die Geschlechter zementiert werden.

Entscheidungsnot wegen Bauecke

«Ich finde diese Trennung nach Geschlecht statt nach Vorlieben der Kinder schrecklich», kommentiert eine Mutter. Und dennoch: Auch ihre Tochter bekleidet gerade eine Puppe, während der Sohn sich bei den Autos aufhält. Weshalb dieses unterschiedliche Spielverhalten bei den Kindern? Darüber, ob diese Frage einen biologischen oder kulturellen Ursprung hat, streitet sich die Wissenschaft. Für Julia Nentwich von der Universität St. Gallen jedoch ist klar: «Die Wahl der Spielart hat immer auch mit der Kultur zu tun, in welcher die Kinder spielen.»

Nentwich erforscht, inwiefern Kinderkrippen Geschlechterrollen bei Kindern konstruieren. Das Resultat: Nicht nur das Verhalten der Betreuungspersonen und das Spielangebot sind für das Geschlechtsempfinden der Kinder verantwortlich, auch die räumliche Einteilung ist entscheidend: Puppenstube und Bauecke sind in den Schweizer Kinderkrippen meist räumlich voneinander getrennt. «Dies erzwingt bei den Kindern eine Entscheidung: Wo spiele ich? Und vor allem: Spiele ich etwas Mädchen- oder Bubentypisches?»

Rosa Trend beeinflusst Werte

Würden in Spielstätten Pailletten und Nägel, Bastel- und Werkecke mehr vermischt werden, könnte laut Nentwich den Stereotypisierung der Geschlechter entgegengewirkt werden.

Doch auch das Klischee «rosa Schleife für Mädchen, hellblauer Ball für Buben» beeinflusst das Spielverhalten der Kleinen. Diese Denkweise kommt laut Dominique Grisard, Genderforscherin der Uni Basel, aus den USA und hat ihren Ursprung in den 1950er-Jahren. «Zu dieser Zeit wurde Rosa zur Mädchenfarbe, vorher war sie einfach eine Kinderfarbe.» In den USA wurden damals Küchen in Pastelltönen und pinke Autos für Frauen angefertigt. «Mit der Amerikanisierung der Lebenswelt kam dieses Denken anschliessend nach Europa», so Grisard.

Trotzdem blieb die Kinderwelt in unseren Kinderstuben lange noch geschlechterneutral. In den 1980er-Jahren etwa warb der dänische Spielzeughersteller Lego mit einem Mädchen in Latzhose – hinter einer Eisenbahn. Um die Jahrtausendwende jedoch begannen Spielzeughersteller das Spiel mit den Geschlechtern auszureizen: Disney erstellte eine Linie mit funkelnden Prinzessinnen, Lego begann einige Jahre später, pinke Legosteine zu produzieren. «Dadurch wurde bei den Mädchen ein neues Bedürfnis kreiert», sagt Grisard.

Gespött soll ausdiskutiert werden

Eine Folge dieser «stereotypisierten Kinderwelt» ist für die Genderforscherin die Vermittlung von Werten: «Durch die rosafarbenen Barbies wird den Mädchen die Botschaft vermittelt, dass Frauen sich schön machen und präsentieren sollen.»

Der rosa Trend schliesst nicht nur die Mädchen in ihre Glitzerwelt ein – er schliesst auch die Buben daraus aus. Denn: Auch diese mögen laut Grisard Glitzer und farbige Fingernägel. Die «rosa Phase» verblasst bei ihnen jedoch spätestens mit dem Kindergarteneintritt. Ein Zufall? «Nein», so Grisard. Denn im Kindergarten werde für die Kleinen zum ersten Mal die Peergroup wichtig. «Aber auch die Eltern, insbesondere die Väter, haben bei den Buben manchmal Mühe mit all dem, was mit Rosa assoziiert wird.» Die Farbe Rosa bleibt also den Mädchen vorbehalten – werden diese doch schon bei der Geburt mit rosa Schleifen geschmückt –, bei Buben hingegen wird die Vorliebe zur süssen Farbe nach und nach abgewöhnt.

Eine Mutter an der Suisse Toy findet dies «tragisch»: «Ich vermittle unseren Kindern, dass sie spielen dürfen, worauf sie Lust haben.» Dabei sei manchmal auch das bewusste Heranführen an ein Spiel wichtig. «Und wenn der Sohn für sein Tütü ausgelacht wird, wird dies am Familientisch thematisiert.»

Die Spielzeugmesse Suisse Toy zeigt aber auch auf: Es gibt Spielwaren, die beide Geschlechter anziehen. Bei den Keyboards etwa streiten sich ein Bube und ein Mädchen um den Kopfhörer, während sich bei der Modelleisenbahn nicht nur ein kleiner Knirps und seine Schwester die Nase an der Scheibe platt drücken, sondern auch der Vater.

Die Suisse Toy findet bis zum 5. Oktober auf dem Bernexpo-Gelände statt.

Der Bund

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