Die Zukunft stoppt beim Taleingang

Die Gemeinde Oberwil im Simmental möchte ihre wirtschaftliche Zukunft gestalten. Doch das Land, das sie dafür brauchen möchte, liegt gemäss Kanton am falschen Ort. Dieses Problem haben viele Gemeinden.

Andreas Gafner: «Hier wird es keine Arbeitszone geben.»(Valérie Chételat)

Andreas Gafner: «Hier wird es keine Arbeitszone geben.»(Valérie Chételat)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die meisten Unterländer fahren an dieser Gemeinde im Simmental vorbei auf dem Weg in die Ski- und Wandergebiete: Oberwil, auf 836 Metern über Meer gelegen, ungefähr in der Mitte des Simmentals und leicht erhöht über dem Tal. Würde das Dorf in dieser schönen und sonnigen Lage am rechten Thunerseeufer liegen – die Zuwanderung wäre gross. Hier aber kämpft Gemeindepräsident Andreas Gafner in der 46 Quadratkilometer grossen Gemeinde gegen die Abwanderung.

800 Einwohner hat es in der aus fünf Bäuerten bestehenden Gemeinde noch, vergangenes Jahr musste im Dorf eine Schulklasse geschlossen werden. Die Hälfte der Einwohner ist in der Landwirtschaft tätig – 97 Landwirtschaftsbetriebe sind in Oberwil registriert, 23 Alpen gehören zum Gemeindegebiet.

Und manchmal kommt es dem Gemeindepräsidenten, der auch Landwirt ist, so vor, als ob sein Berufsstand gegen die rund 20 Kleinbetriebe und Unternehmungen anderer Berufsgattungen im Dorf ausgespielt wird. Dann, wenn es darum geht, den Betrieben im Dorf dabei zu helfen, ihre Zukunft – und damit verbunden ihren Ausbau – zu planen. «Wenn uns in Bern während Gesprächen zu Einzonungsfragen gesagt wird, wir müssten uns überlegen, ob wir im Dorf auf das Gewerbe oder die Landwirtschaft setzen wollten, dann komme ich mir schon etwas seltsam vor», sagt Gafner.

Oft läuft es anders als gedacht

Und zwar, weil sich die Zukunft manchmal nicht so entwickelt, wie sie auf einem kantonalen Planungstisch angedacht wurde: Seit zwei Jahren befindet sich die Gemeinde in der Ortsplanungsrevision. Für das Gewerbe, das heute ausserhalb des eingezonten Baugebietes liegt, möchte die Gemeinde Zonen schaffen, damit die Betriebe bei Bedarf ausbauen und sich entwickeln können. Konkret liegen mittlerweile die Ausbaupläne eines Betriebes auf dem Tisch. Die Gemeinde bekam eine Landparzelle angeboten, welche sie dem Betrieb für einen Neu- und Ausbau zur Verfügung stellen wollte.

Doch: Der Standort eignet sich nach Ansicht des Amts für Gemeinden und Raumordnung (AGR) nicht zur Schaffung einer Arbeitszone. Und zwar, weil er als zu isoliert gilt. «Der Standort liegt zwischen zwei Siedlungsansätzen, nicht inmitten oder am Rand eines bereits bebauten oder eingezonten Ortsteils», sagt Arthur Stierli, Vorsteher der Abteilung Orts- und Regionalplanung beim AGR.

Und einer solch inselartigen Zone könne das AGR nicht zustimmen, weil dies die Zersiedelung weiter fördere und damit dem eidgenössischen Raumplanungsgesetz und den Grundsätzen des kantonalen Richtplans widerspreche, in welchem festgehalten sei, wie sich das Kantonsgebiet räumlich entwickeln soll. «Die Verfügbarkeit von Land allein ist in der Raumplanung kein ausreichendes Argument für eine Einzonung», sagt Stierli.

Doch genau hier liegt der Haken. Jenes Land, das für die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfs verfügbar wäre, ist nicht raumplanungskonform. Und das Land, welches den behördlichen Vorgaben entsprechen würde, ist nicht zu haben. Was also ist zu tun? Was für die Kantonsplaner als Lösung denkbar wäre, kommt für viele Gewerbetreibende nicht infrage: bei Ausbauplänen mit dem ganzen Betrieb in eine andere Gemeinde in eine Zone umzusiedeln, in welcher dies möglich wäre.

Im teilregionalen Richtplan sind Därstetten, Erlenbach, Oey und Burgholz als künftige Arbeitsschwerpunkte im Simmental vorgesehen. Diese Standorte entsprechen am besten den raumplanerischen Vorgaben: Wachsen sie, wird damit nicht eine weitere Zersiedelung gefördert, sondern ein bestehender Siedlungsansatz weiterentwickelt, wie es als Erklärung seitens des AGR heisst.

Ein Problem für viele

Diese Argumente des Kantons geben nun im Tal zu diskutieren. Gewerbetreibende fürchten um ihre Zukunft, sollten sie eines Tages ihren Betrieb an seinem bisherigen Standort ausbauen wollen. Je nachdem, wo der Betrieb genau liegt, würde dies unmöglich sein. Das ist allerdings nicht nur für Oberwil ein Problem. Und das weiss man auch beim zuständigen Amt des Kantons. «Dass diese raumplanerischen Vorgaben, insbesondere zum Bauen ausserhalb der Bauzone, ein Problem sind für die Gemeinden, merken wir laufend», räumt Stierli ein. Trotzdem wolle der Kanton an den Grundsätzen des Raumplanungsgesetzes festhalten. «Langfristig muss eine Gemeinde klären, an welchem Ort im Dorf sie sich entwickeln will, und dort frühzeitig mit den Landbesitzern Kontakt aufnehmen.»

Nun kann man sich durchaus fragen, ob das Argument der Zersiedlung in seiner Absolutheit für alle Teile des Kantons überhaupt Gültigkeit haben kann: Im Oberland zum Beispiel sind seit Hunderten von Jahren Streusiedlungen landschaftsprägend. Entstanden sind sie aufgrund des bestehenden Bewirtschaftungsmusters durch die Landwirtschaft. Diese organisch gewachsene Form der Streusiedlungen und das damit verbundene prägende Landschaftsbild wird mittlerweile infrage gestellt. Beim Amt für Gemeinden und Raumordnung sieht man dies etwas anders: «Auch innerhalb der Streusiedlungen gab es ja immer schon Dörfer und Ortsteile, innerhalb derer es Bauzonen gab und gibt», sagt Stierli. Mit dem regionalen Richtplan würden weitere solche Zonen bei vorhandenen Siedlungsansätzen geschaffen, das widerspreche dem natürlich gewachsenen Landschaftsbild nicht zwingend. «Die Frage ist vielmehr: Will man gewerbliche Nutzungen punktuell zulassen, oder bildet man nicht doch besser Schwerpunkte, die zentral erschliessbar sind und dadurch auch günstiger werden?»

Hauptproblem: Der Platzbedarf

Das Hauptproblem für das Verschwinden ganzer, früher unbebauter Landschaftsstriche sind allerdings kaum nur die Wirtschaftstätigkeit oder das Wachstum einzelner Betriebe in Gebirgsräumen. Die Zersiedlung ist vielmehr auch Ausdruck des gesteigerten Platzbedarfs der Bevölkerung. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person hat innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte zugenommen. 1980 betrug sie pro Person gemäss Bundesamt für Statistik 34 Quadratmeter, im Jahr 2000 waren es bereits 44 Quadratmeter. Geht es so weiter, werden es 2020 schon 54 Quadratmeter pro Person sein. Einer der häufigsten Sätze in Immobilieninseraten lautet denn auch, dass das zu verkaufende, ältere Wohnobjekt «ausbaubar» ist oder eine «Ausbaureserve» aufweist.

Dabei hat die durchschnittliche Haushaltsgrösse in der Vergangenheit nicht etwa zugenommen. Das Gegenteil ist der Fall: Von 2,5 Personen (1980) ist die durchschnittliche Grösse eines Haushalts auf 2,2 Personen geschrumpft (2000) – bei einem allgemeinen Bevölkerungswachstum.

Brauchen indes immer mehr kleinere Haushalte immer mehr Platz, wird klar, dass dies früher oder später auf Kosten der Landschaft und des Bodens geschieht. Und wer es mit dem Zersiedlungsargument ernst meint, müsste sich vorab auch überlegen, was dies für die Wohnentwicklung bedeuten könnte.

Oberwil aber möchte sich wirtschaftlich weiter entwickeln – ob das aber überhaupt jemals noch möglich sein wird, weiss Andreas Gafner heute nicht. Es gibt Momente, in denen der junge Gemeindepräsident manchmal leise daran zweifelt, dass sich unterhalb des Taleingangs überhaupt noch jemand interessiert für die Zukunft seines Dorfs. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2011, 08:48 Uhr

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Zeigt her eure Finger: Angestellte zeigen ihre mit Tinte gefärbten Finger während des kurdischen Freiheitsreferendums im Irak. (25. September 2017)
(Bild: Alaa Al-Marjani) Mehr...