Die Visitenkarte des Unternehmens

Warum Frauen zurückhaltend mit Visitenkarten umgehen und weniger verdienen als Männer, weiss Michelle Bühler, Geschäftsführerin einer Berner KMU und Mitorganisatorin des Equal Pay Day.

Frauen müssten ihren Wert einfordern, sagt Geschäftsführerin Michelle Bühler.

Frauen müssten ihren Wert einfordern, sagt Geschäftsführerin Michelle Bühler. Bild: Adrian Moser

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Bis sie ihre Visitenkarte abgibt, braucht sie länger als die männlichen Kollegen. Das gibt die Geschäftsführerin des KMU Bühler Küchen AG und Präsidentin des Verbandes Business Professional Women Club Bern (BPW) schon kurz nach der Begrüssung preis. Das Beispiel mit der Visitenkarte illustriere, dass Frauen zwar gut im Repräsentieren, aber insgesamt zurückhaltender und teilweise weniger risikofreudig seien als Männer, sagt Bühler.

Sie sitzt in der ehemaligen Wohnstube ihres Grossvaters. Zwischen Holztäfer, Ledersofa und massivem Tisch hat hier 1949 alles begonnen. Damals gründete ihr Grossvater die Berner Küchenbaufirma im Galgenfeld, die seither in der Hand der Familie geblieben ist. Vor sechs Jahren hat Michelle Bühler den Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder übernommen. Für die 43-Jährige, die in der Wohnung über der Schreinerwerkstatt des Betriebs aufgewachsen ist, war immer klar: Wenn sie in den Familienbetrieb einsteigt, dann nicht als Sekretärin, sondern als Teilhaberin und Geschäftsführerin.

Wie viel ist Frau wert?

Nicht alle Frauen haben die Wahl – sei es wegen des zu tiefen Bildungsniveaus oder aus familiären oder sozialen Gründen. Und noch wenn sie die Wahl haben, sind längst nicht alle Frauen ihren männlichen Arbeitskollegen gleichgestellt. Fakt ist: In der Schweiz verdienen Frauen gemäss Lohnstrukturerhebung 2010 18,4 Prozent weniger als Männer.

Zudem wird der Lohnunterschied grösser, je höher eine Frau in der Hierarchie aufsteigt. Frauen in einer Kaderstelle verdienen fast 30 Prozent weniger als Männer in gleicher Position. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Boni und Lohnnebenleistungen: 23,9 Prozent der weiblichen und 31,5 Prozent der männlichen Arbeitnehmer erhalten zusätzlich zum Jahreslohn unregelmässige Zahlungen. Der durchschnittliche Bonus beträgt über alle Branchen gerechnet 4846 Franken für Frauen und 13 899 Franken für Männer.

Bühler sagt dazu: «Frauen verdienen nicht weniger, weil sie weniger arbeiten oder leisten. Sie werden für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt. Das ist diskriminierend.» Für Bühler ein Grund, heute am Equal Pay Day (siehe Kasten) auf die Strasse zu gehen – auch wenn sie sonst nicht der Typ dazu ist. Als Präsidentin der BPW Bern hat sie zudem – zusammen mit einer Arbeitsgruppe – geholfen, die Aktionen wie etwa das Verteilen von roten Taschen und Flyern in Bern zu organisieren. Man wolle daran erinnern, dass Frauen bis heute arbeiten müssten, um gleich viel zu verdienen wie die Männer bis Ende letzten Jahres, sagt Bühler.

«Erst wenn Frauen realisieren, dass sie in ihrer Position nicht das verdienen, was sie wert sind, können berechtigte Gehaltsanpassungen realistisch durchgesetzt werden.» Den Vorwurf, dass die Frauen besser verhandeln müssen, lässt sie nicht gelten. «Sicher müssen wir selbstbewusster werden und unseren Wert einfordern, aber dazu braucht es auch eine entsprechende Unternehmenskultur.»

«Richtige Person am richtigen Ort»

So müsse unter anderem selbstverständlicher werden, dass ebenso Männer ihr Pensum reduzieren könnten. In ihrem Betrieb ist das möglich. Ein Mann hat bis jetzt davon profitiert und sein Pensum zugunsten der Kinderbetreuung auf 80 Prozent reduziert. Doch auch hier sei er für diese Entscheidung anfangs belächelt worden, sagt sie.

Dennoch könne man nicht die ganze Gleichstellungsfrage auf die Unternehmen abwälzen, sagt Bühler. «Soll Geschlechtergleichstellung gelingen, braucht es ein Umdenken in der Gesellschaft.» Auch die Frauen selbst und die Politik müssten Lösungen präsentieren. «Es bringt nichts, wenn man einander die Verantwortung zuschiebt.» Geht es allerdings um die Frage der Frauenquote, ist die Geschäftsfrau gespalten. Als Präsidentin der BPW Bern unterstützt sie die Quote für Frauen in Verwaltungsräten von börsenkotierten Unternehmen. «Damit es vorwärtsgeht, führt wohl kein Weg daran vorbei.» Aber ganz persönlich ist sie «für die richtige Person am richtigen Ort».

Neben der Lohn- und Quotenfrage sei die Hauptherausforderung für Frauen im Berufsleben ihr Selbstverständnis und ihr Durchsetzungswillen in einer männerdominierten Welt, sagt Bühler. Als Geschäftsführerin mit 14 Angestellten – darunter eine Frau – und in einer Branche, die eher frauenuntypisch ist, wird auch sie immer wieder mit Situationen konfrontiert, die sie verblüffen. Etwa wenn sie in einer Sitzung mit lauter Männern gefragt wird, ob sie mal Kaffee holen geht. Gleichzeitig sagt sie, dass einige ihrer Aufgaben sehr weiblich seien. Zum Beispiel die Betreuung des Telefons oder der Empfang von Kunden. «Der erste Eindruck zählt», sagt Bühler, die sich selbst auch als Visitenkarte des Unternehmens bezeichnet.

(Der Bund)

Erstellt: 07.03.2013, 13:19 Uhr

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Tag der Lohngleichheit

Zum fünften Mal findet heute in der Schweiz der Equal Pay Day statt. Das Datum hängt vom Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern ab. Frauen in der Schweiz müssen bis zum 7. März 2013 arbeiten, um für gleichwertige Arbeit denselben Lohn zu erhalten, den Männer schon am 31. Dezember 2012 in der Tasche hatten.

Der Equal Pay Day kommt aus den USA und wurde 2009 durch den internationalen und politisch neutralen Berufsverband Business and Professional Women (BPW) erstmals in der Schweiz begangen. Die weibliche Erwerbsbeteiligung ist in der Schweiz zwar hoch und lag 2011 bei 76,7% (Männer: 88,7%). 1991 betrug sie noch 68,2% (Männer: 91,1%). Das zeigen die Indikatoren zur Gleichstellung von Frau und Mann des Bundesamts für Statistik (BFS). Die relativ hohe Erwerbsquote kommt allerdings dank einem beträchtlichen Anteil Teilzeit beschäftigter Frauen zustande: 6 von 10 erwerbstätigen Frauen arbeiten Teilzeit. Unter den Arbeitnehmenden in Führungsposition machten Frauen 2011 einen Drittel aus. Dieser Anteil hat sich seit 1996 kaum verändert.

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