«Die Stadt kann etwas tun. Sie kann bauen»

Interview

Zum Schluss der Serie «Quartierspaziergang» erhält die Wissenschaft das Wort: Der Soziologe Jörg Rössel spricht über Männerquartiere, die Vorteile der Gentrifizierung und die Pflicht der Städte, nicht nur gute Steuerzahler anzuziehen.

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Hanna Jordi

Herr Rössel, mit der Serie «Quartierspaziergang» ging derbund.ch der Frage nach, welche Rolle Quartiere in einer Stadt spielen. Wie würden Sie als Soziologe diese Frage beantworten?
Zum einen strukturieren die Quartiere die Stadt geografisch. Zum anderen ist das Quartier ein Lebensraum mit einer bestimmten Infrastruktur. Gibt es ein Migros um die Ecke? Kultur? Restaurants? Grünflächen? Diese Punkte werden dann wichtig, wenn jemand auf Wohnungssuche ist. Ein weiterer Aspekt ist: Ein Quartier hat typischerweise ein Image. Handelt es sich um ein Arbeiterquartier? Ein Studentenviertel? Wohnen hier viele Migranten? Auch markante Punkte prägen das Bild – denken Sie etwa die Autobahneinfahrt im Ostring. Und letztlich ist das Quartier ein sozialer Raum – obwohl es als Knotenpunkt der Beziehungen oftmals gar nicht so bedeutend ist, wie man meinen könnte. Die meisten Menschen orientieren sich schon arbeitshalber nach aussen.

Die Idee eines Quartiers als sozialer Schmelztiegel wird also überschätzt?
Es gibt seit den 60er Jahren Untersuchungen, die besagen, dass die unmittelbare Nachbarschaft keine tragende Rolle spielt im Gros der sozialen Kontakte eines Menschen. Die wichtigen Kontakte, zu den Freunden und zur Familie, spielen sich oft ausserhalb des Quartiers ab.

Dennoch ist bei allen Leuten, die für die «Quartierspaziergänge» durch ihre Viertel führten, eine starke Verbundenheit mit den Quartieren auszumachen. Worauf führen Sie diese zurück?
Das Quartier als Lebensraum ist ein grosser Teil des Alltags: Die Umgebung ist vertraut, man kennt sich im Grossverteiler an der Quartierstrasse besser aus als in einem Grossverteiler anderswo in der Stadt. Die Wahrscheinlichkeit, auf Personen zu treffen, die man kennt, ist ungleich grösser. Das trägt viel zur Identifikation bei. Ein weiterer Punkt ist: Die Form der «Quartierspaziergänge» steigert die Identifikation. Die Tourguides agieren hier als Botschafter eines Quartiers, als Fremdenführer. Das fördert natürlich den Lokalpatriotismus.

Kommen wir auf einzelne konkrete Quartiere und ihre Auffälligkeiten zu sprechen. Die Untere Altstadtetwa weist im Gegensatz zum städtischen Durchschnitt einen höheren Männer- als Frauenanteil auf: 57 Prozent. Was macht ein Quartier zum Männerquartier?
Klassischerweise bedeutet ein Männerüberschuss, dass in dem Quartier viele Immigranten wohnen, die ohne Familie eingewandert sind. So geschehen etwa während der Immigration von Italienern in die Schweiz in den 60er Jahren. Da in der Unteren Altstadt der Ausländeranteil aber nicht besonders hoch ist, dürfte der Grund woanders liegen. Vergessen wir den Standort des Bundeshauses nicht – ich könnte mir gut vorstellen, dass viele Parlamentarier, Amtsträger und Mitarbeiter des Bundes eine Zweitwohnung in der Altstadt haben. Die Männerquote im Bundeshaus ist ja immer noch recht hoch.

Bümpliz hatte lange ein schlechtes Image. Inzwischen gibt es dort wieder Wohnbauprojekte, Plätze wurden neu gestaltet, eine Tramlinie wurde gebaut. Kann die Obrigkeit ein Quartier neu erfinden?
Mit dieser Frage muss sich die Politik stark befassen. Es gibt stadtnahe Quartiere, in Bern etwa die Lorraine, bei denen solche Imagewandlungen automatisch angestossen werden – einfach weil sich vor 15 Jahren ein paar Leute sagten: «Hey, das Quartier ist zwar etwas abgewohnt, doch die Häuser sind schön und zentral ist es auch.» Dann gibt es weniger zentrale Quartiere, zu denen gehört auch Bümpliz, in denen ein Eingreifen von Oben allenfalls notwendig ist. Das kann angebracht sein, wenn mittelfristig auch Familien und Besserverdienende ins Quartier ziehen sollen.

Muss eine Stadt, die auf gute Steuerzahler nicht verzichten will, diesen Aufwertungswettbewerb zwangsläufig mitmachen?
Städte müssen attraktiv sein für das Gewerbe und für Einwohner, wenn sie keine Löcher im Budget haben wollen: Diese Überlegung ist wichtig in der ökonomisch orientierten Stadtforschung. Der amerikanische Soziologe Richard Florida hat dies als Kampf der Städte um die «kreative Klasse» zusammengefasst: Die Städte seien auf die kreative Klasse angewiesen, damit diese Innovation gewährleistet und Wert schöpft. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, ist eine andere Frage.

Der Altenberg hat 2012 als einziges der porträtierten Quartiere Einwohner verloren, nämlich -35. Zudem hat es einen hohen Altersdurchschnitt von 49 Jahren. Wie lautet Ihre Prognose für das Quartier?
Bei einem solchen Quartier – innenstadtnah, gute Bausubstanz, negativer Wanderungssaldo, überaltert – würde man klassischerweise erwarten, dass binnen der nächsten Dekade Personen einziehen, die sich an den Vorteilen des Quartiers freuen, sofern sie sich die Mieten leisten können. Seit der frühen Theorie der Gentrifizierung (Umstrukturierungs- und Aufwertungsprozesse im städtischen Raum, Anm. der Red.) gelten solche Quartiere als prädestiniert für den folgenden Ablauf: Sogenannte Pioniere – Künstler, Studenten, junge Leute – entdecken das Quartier für sich. Später stossen die gutverdienenden «Gentrifier» nach, die Mieten steigen, das Quartier wird exklusiv.

Gentrifizierung ist zum Reizwort in der Debatte um Stadtentwicklung geworden. Zu Recht?
Die Schweiz ist meiner Meinung nach kein klassisches Gentrifizierungsland. Es gibt im Gegensatz zu Nordamerika hierzulande kaum Viertel, die extrem heruntergekommen sind, deren Bevölkerung fast ausschliesslich noch von Armen und Arbeitslosen ausgemacht wird. Die Vorgaben für die Vermieter in der Schweiz sind recht streng, ihre Wohnungen müssen sie in Schuss halten. Entsprechend sind Abwertungs- und Aufwertungswellen schwächer ausgeprägt.

Was nicht heisst, dass die Veränderungen von den Bewohnern eines Quartiers nicht bemerkt werden.
Selbstverständlich. Die Veränderungen werden zuerst in der Strasse sichtbar: Plötzlich gibt es Geschäfte, Kunst, hippe Beizen. Diese Indikatoren sind für die Wahrnehmung vermutlich sogar wichtiger als die effektive soziale Struktur des Quartiers. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass die soziale Struktur der Bevölkerung in einem sich aufwertenden Quartier sehr viel träger ist als gemeinhin angenommen. Bis Verdrängungsprozesse stattfinden, bis Leute aus ihren Wohnungen wegziehen und neue Leute nachziehen, dauert es lange. Ausser natürlich, es werde reihenweise Wohnungen renoviert und frisch vermietet. In dem Fall wird der Prozess beschleunigt.

Der Musiker Bubi Rufener, der den «Quartierspaziergang» durch die Lorraine führte, beschreibt die Veränderungen in der sozialen Strukur so: «Erst wohnen Ausländerinnen und Ausländer da, dann kommen die Musiker, und wenn dann die Werbeagenturen einziehen, geht es bergab». Wie beurteilen Sie diese Optik?
Hier kommt eine sehr negative Auffassung der Gentrifizierung zum Ausdruck. Die Krux ist: Am Anfang eines Aufwertungsprozesses werden die Veränderungen oft noch als positiv wahrgenommen. Das Quartier wird vielfältiger, lebendiger, es kommen Junge, Kulturschaffende. Dann kommen die Gentrifier, jene Leute, die das Quartier inzwischen schick finden. Und irgendwann stossen jene Leute nach, die noch mehr Geld verdienen, sogenannte Super-Gentrifier. Die Werbeagenturen dürften hierzu gehören. An diesem Punkt dreht sich die Beurteilung der ersten Quartierbewohner meist ins Negative.

Auffallend ist, dass angesichts der Gentrifizierungsprozesse eine Nostalgie spürbar wird: Manche junge Quartierbewohner wünschen sich eine Quartiervergangenheit zurück, die sie selbst so vielleicht nie erlebt haben. Wie erklären Sie sich diesen Reflex?
Einerseits kommt hier der Widerstand gegen Aufwertungsprojekte der Politik zum Ausdruck. Dann herrscht Unmut gegenüber gutbetuchten Leuten, die das Quartier neuerdings als schönen Wohnort in Betracht ziehen, für die Entwicklung zum lebendigen Quartier aber nichts beigetragen haben. Die Pioniere befürchten auch, dass die Authentizität, deretwegen sie das Quartier einst gewählt haben, verloren geht. Das Interessante ist: Es gibt Umfragen über die Wahrnehmung von Gentrifizierung, bei denen deutlich wird, dass vor allem die jüngeren Quartierbewohner – allenfalls auch die Gentrifier selbst – die Veränderungen als negativ wahrnehmen. Die ältere Bevölkerung nimmt sie gelassener: Schliesslich ist das Quartier jetzt sicherer und ordentlicher.

Eine neue Studie zeigt, dass die Mietkosten in der Schweiz ungebrochen steigen. Gleichzeitig wollen immer mehr Menschen in der Stadt wohnen. Was passiert mit einer Stadt, in der der Verteilkampf um Wohnfläche immer härter wird?
Einerseits nimmt die Suburbanisierung, die Abwanderung ins Umland zu. Andererseits steigt der Druck auf die Politik: Viele Debatten, etwa aktuell über die Einwanderungsinitiative der SVP, werden durch den Bevölkerungsdruck mit Stoff versorgt. Die Stadt kann natürlich etwas tun, um den Verteilkampf abzuschwächen. Sie kann bauen. Zürich etwa hat in den letzten Jahren den genossenschaftlichen Wohnbau vorangetrieben, um bezahlbaren Wohnraum für alle zu gewährleisten.

Die Stadt Bern ist beim genossenschaftlichen Wohnbau nicht gut aufgestellt: Nur Zehn Prozent des Wohnungsbestands gehören gemeinnützigen Wohnbauträgern – Zürich und Biel haben je doppelt so viel. Wird sich das rächen?
Nun, die Strategie, anziehend auf Gewerbe und Besserverdienende zu wirken, ist ja nicht an sich schlecht. Um durchmischt und attraktiv zu bleiben, tut eine Stadt jedoch gut daran, junge Familien, Auszubildende und schlechter Verdienende nicht zu vergessen. Dies kann sie vor allem tun, indem sie genossenschaftlichen und günstigen Wohnbau fördert.

Die Stadt Bern verfügt aktuell über 28 Standorte mit Bauland, manche von ihnen sind bereits bebaut, andere noch brach. Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Bevölkerung ein, verdichtetes Wohnen zu unterstützen?
Die Abstimmungsergebnisse sind recht eindeutig. Wohnbauprojekte, die keine horrenden Mietpreise zur Folge haben, werden in der Regel gern angenommen.

Am Ende dreht sich alles um diesen Konflikt: mehr Wohnraum oder der Erhalt von Grünflächen und Brachen. Sehen Sie eine Lösung?
Ohne Kompromisse geht es nicht: Neue Wohnungen bauen heisst, man baut Fläche zu. Die Politik kann den Konflikt abschwächen, indem sie Zonenreglemente erlässt und sorgsam mit der freien Fläche umgeht.

Das streitbarste Wohnbauprojekt in Bern dürfte die Waldstadt Bremer sein. Im Bremgartenwald könnte dereinst gerodet werden, um 8000 Leute anzusiedeln. Wo verorten Sie die Schmerzgrenzen der Stadtentwicklung?
Das ist ein klassischer Problemfall: Wo Grünflächen zu Bauland werden, fängt es an, weh zu tun. Dagegen sind sogar die, die für verdichtetes Wohnen einstehen. Es ist für eine Stadt viel einfacher, wenn sie sagen kann: «Wir haben hier eine Industriefläche zur Umnutzung – also bauen wir Wohnungen.» Wald ist nicht nur Naherholungsgebiet, sondern auch ein Symbol: Er steht für Urwüchsigkeit. Abholzung steht dagegen für die Masslosigkeit des Menschen. Für die Politik ist es viel schwieriger, ein solches Projekt als fortschrittlich zu verkaufen.

Vielleicht sind Grünflächen etwas, das sich eine moderne Stadt nicht leisten kann?
Das halte ich für einen Fehlschluss. Die Schweiz hat das grosse Privileg, dass ihre Städte durchzogen sind von Naherholungsgebieten. Das ist ein Luxus – und es macht Sinn, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner für deren Erhalt einsetzen.

Zum Schluss noch ein weiteres Projekt aus der Schublade «Berner Wohnbauprojekte»: Im Wankdorf sind Kleinwohnungen und Lofts «für mobile Menschen» geplant – der Volksmund spricht bereits von einer «Singlefarm». Welche Chancen und Risiken sehen Sie in der Erstellung von Planquartieren?
Ohne das Projekt im Detail zu kennen – eine solche Planung ist überraschend. Auch bei Quartieren, die am Reissbrett entstehen, hat sich die Idee einer Mischnutzung inzwischen durchgesetzt. Es sollte Gewerbe und Wohnraum geben und Infrastruktur nicht nur für Singles, sondern auch für Familien. Am Ende spielen im Quartier dieselben Mechanismen wie in der gesamten Stadt auch: Damit ein Wohnort als attraktiv wahrgenommen wird, ist eine Durchmischung vonnöten. Erst dann wirkt er lebendig.

DerBund.ch/Newsnet

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