«Die Reitschule funktioniert viel besser als der Stadtrat»

Die Reitschulaktivisten Christoph Ris und Aline B. reden über Gewalt, Drogen und das Kuscheln mit Alexander Tschäppät.

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Es ist unüblich geworden, dass sich Reitschüler mit Namen und Gesicht für ein Interview zur Verfügung stellen. Weshalb der Wandel?
Christoph Ris: Es war nie offizielle Politik der Reitschule, nicht namentlich zu kommunizieren. Alle entscheiden selber. Nur: Wer sich öffentlich zur Reitschule bekennt, hat mit Konsequenzen zu rechnen. Man wird sofort zum «Mediensprecher der Reitschule», und Wohnungs- und Jobsuche werden schwieriger. Es gab auch schon Fälle von ungerechtfertigten Verdächtigungen durch die Polizei. Solche Unannehmlichkeiten nehmen nicht alle gerne in Kauf.

Beginnen wir mit einem Evergreen. Auf dem Vorplatz ist der Drogenhandel noch immer omnipräsent.
Aline B.: Das ist ein Problem. Man muss aber dazu sagen, dass die Stadt einen wesentlichen Beitrag zur aktuellen Situation geleistet hat. Etwa indem sie die Drogenanlaufstelle so nahe an der Reitschule platziert hat. Und die Aufwertungs- und Drogenpolitik der Stadt hat sich auch nicht verändert.

Die Behörden versuchen, den Drogenhandel auf der Schützenmatte durch Polizeiarbeit einzudämmen.
Ris: Die Polizei hat meiner Meinung nach kein Interesse daran, dass sich etwas ändert. Die Szene ist für sie aktuell schön lokalisierbar. Und die gelegentlichen Razzien scheinen auch nicht sehr zielführend.

Die Razzien wären effektiver, wenn die Dealer nicht in den Innenhof flüchten könnten. Doch statt das Tor zu schliessen und damit die Polizei zu unterstützen, werden die Dealer sogar noch vor den Kontrollen gewarnt.
Ris: Wir wollen bei der Hetzjagd auf die Schwarzen nicht kollaborieren. Da können wir einfach nicht dahinter stehen.

Die Reitschule leidet am meisten unter dem Drogenhandel auf dem Vorplatz. Wenn nicht mit Repression, wie sollte man sonst vorgehen?
Aline B.: Wenn wir einen Lösungsweg hätten, hätten wir diesen schon lange ausprobiert. Wir sind aber nicht die Einzigen, die mit der Situation überfordert sind. Der Drogenhandel ist ein globales Problem und nicht eines, das sich auf die Reitschule beschränkt. Solange es keine Legalisierung der Drogen gibt, lässt sich der Drogenhandel nicht unterbinden.

Trotz Dealern: Der Vorplatz zieht jedes Wochenende Hunderte Jugendliche an. Wie ist das zu erklären?
Aline B.: Der Ansturm ist ein Zeichen für das Bedürfnis nach Freiraum. Ich denke aber nicht, dass das den Besuchern selber bewusst ist.
Ris:Viele kommen einfach aus der Not, weil sie sonst nirgends reinkommen. Viele wären wohl lieber im Mad Wallstreet oder würden dort zumindest besser hinpassen!

Wie ist das gemeint?
Ris: Es ist zweischneidig. Einerseits mag ich den Vorplatz so, wie er ist. Als Ort, wo man ein Bier trinken kann, ohne kontrolliert zu werden. Andererseits halten sich auf dem Vorplatz schon Menschen auf, die in der Reitschule eigentlich nichts verloren hätten. Neulich wurde eine Dragqueen auf dem Vorplatz homophob beschimpft und weggejagt. Das widerspricht allem, wofür die Reitschule steht.
Aline B.: Viele der Vorplatzbesucher waren noch gar nie in den Räumen der Reitschule. Sie kennen weder die Entstehungsgeschichte, noch wissen sie etwas über unsere Strukturen. Und sie interessieren sich auch nicht dafür.

Bald könnte sich das Gesicht des Vorplatzes ändern. Freut ihr euch auf Boutiquen zwischen den Brückenpfeilern?
Ris:Das sind Gemeinderat Alexandre Schmidts Träumereien. Das muss man nicht allzu ernst nehmen.

Mittelfristig will die Stadt die Parkplätze auf der Schützenmatte aufheben und den Bereich um den Brückenkopf aufwerten. Sogar von einer Wohnüberbauung auf dem Eilgutareal ist die Rede. Was haltet ihr von diesen Ideen?
Ris: Die Schützenmatte ist eine städteplanerische Katastrophe. Es spricht nichts dagegen, den Bereich um die Hodlerstrasse aufzuwerten und den Progr, das Kunstmuseum und die Reitschule besser miteinander zu verbinden. Und gegen eine autofreie Schütz haben wir schon gar nichts einzuwenden.
Aline B.: Auch die zweite Ausgabe des Stadtlabors, die im Sommer startet, begrüssen wir. Mit dem Sommerfest am 31. Juli und 1. August sind wir indirekt fast daran beteiligt.

Das Verhältnis zwischen Stadt und Reitschule scheint sich sowieso entspannt zu haben. Im Speziellen seit Stadtpräsident Alexander Tschäppät das Reitschuldossier von Sicherheitsdirektor Reto Nause übernommen hat. Täuscht dieser Eindruck?
Aline B.: Nein. Gerade die offiziellen Gesprächsrunden mit Behördenvertretern sind viel zielführender geworden. In drei Sitzungen unter Tschäppät sind wir weitergekommen als in drei Jahren Nause. Das heisst aber nicht, dass man sich immer einig ist oder nur miteinander kuschelt. Aber man kann über die eigentlichen Themen sprechen. Als Nause federführend war, haben wir uns einfach zwei Stunden lang angeschrien.

Woher kommt diese Sympathie?
Aline B.:Wir Reitschüler sind durch die ständigen Sitzungen das Reden gewohnt. Da lernt man sich auszudrücken. Auch Tschäppät kann gut reden. Das verbindet. Zudem weiss Tschäppät, dass es nicht die Reitschulbetreiber sind, die Flaschen auf Polizisten werfen, und dass wir selber auch keine Freude daran haben. Wir fürchten uns jetzt schon vor der Zeit nach Tschäppät.

Fliegende Flaschen sind ein gutes Stichwort: In der Reitschule gibt es kaum ein Wochenende, ohne dass Flaschen fliegen. Wenn man eure Medienmitteilungen liest, bekommt man den Eindruck, dass euch das nicht sonderlich stört.
Ris: Die Situation wird medial extrem hochgekocht. Im Vergleich mit den Ausschreitungen vor zehn Jahren bei den Anti-WEF-Demos und den ersten Antifa-Abendspaziergängen erleben wir heute nur harmlose Scharmützel. Ich will das überhaupt nicht gutheissen. Mich nervt aber, dass wir uns ständig von Dingen dis­tan­zieren müssen, die wir gar nicht selber getan haben.

Trotzdem: Führt die Polizei eine ?aus eurer Perspektive unverhältnismässige Kontrolle durch, schäumt die Reitschule vor Wut. Fliegen Flaschen auf fahrende Polizeiautos, was tödliche Folgen haben kann, zuckt sie mit den Schultern.
Ris: Es stimmt, Flaschenwürfe auf fahrende Autos sind äusserst gefährlich und extrem dumm. Mir fehlt einfach die seriöse Auseinandersetzung mit diesem Phänomen. Meiner Meinung nach steht es in einem Zusammenhang mit der Art und Weise, wie die Polizei heute ihre Einsätze durchführt. Ich war vor zehn Jahren bei einer Hausbesetzung dabei. Als die Polizei kam, mussten wir den Ausweis zeigen, und gut war. Heute demonstrieren ein paar Teenager gegen die Miss-Schweiz-Wahl, werden auf den Polizeiposten geschleppt, müssen sich nackt ausziehen, DNA-Tests über sich ergehen und sich im Intimbereich untersuchen lassen. Wenn ich eines dieser Mädchen gewesen wäre, würde ich jedes Wochenende vom Vorplatz aus eine Flasche auf die Polizei werfen.

Liegt das Grundproblem nicht in der Basisdemokratie? Diese gibt einer lauten Minderheit die Möglichkeit, griffige Massnahmen zu verhindern.
Ris: Das ist kompletter Humbug. Die Reitschule ist weder am Gängelband von Militanten, noch gibt es einen Spalt zwischen «bösen Politchaoten» und «guten Kulturschaffenden». Ich habe es auch noch nie erlebt, dass einige Wenige einen Entscheid verhindert hätten, für den eine grosse Mehrheit eingetreten wäre. Die Reitschule funktioniert viel besser als der Stadtrat. Dort konnte Roland Jakob (SVP) 50 Minuten lang am Stück Unsinn erzählen. Bei einer Vollversammlung in der Reitschule wäre schon lange jemand aufgestanden und hätte ihn zurechtgestutzt. Anders gesagt: Die Stadt ist chaotische Ordnung; die Reitschule geordnetes Chaos. Mir ist Letzteres lieber.

Aline B. musste sich für den zweiten Teil des Interviews entschuldigen.

DerBund.ch/Newsnet

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